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Im mediterranen Bermuda-Dreieck: Der Ickinger Andreas Prielmaier paddelte auf dem Board durch die tückische Straße von Bonifacio von Korsika nach Sardinien – als Stand-up-Paddler vermutlich eine Jungfernfahrt.

SUP-Abenteuer

Im Bermuda-Dreieck des Mittelmeer: So fuhr ein Ickinger von Korsika nach Sardinien

  • vonPeter Borchers
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Windsurfen von Korsika nach Sardinien - das haben wohl schon einige gemacht. Aber Paddeln auf dem SUP-Board? Der Ickinger Andreas Prielmaier hat sich auf die nicht ungefährliche, 14 Kilometer lange Fahrt gemacht.

Bonifacio/Icking – Zwischen Icking, dort ist Andreas Prielmaier aufgewachsen, und dem Kreisverkehr in Geretsried liegen etwa 14 Kilometer. Keine große Distanz für einen Autofahrer, der auf der B 11 unterwegs ist. Auf einem SUP-Board können sich 14 000 Meter aber gewaltig ziehen, erst recht für jemanden, der in Gewässern paddelt, die als das mediterrane Bermudadreieck verschrieen sind.

Die Straße von Bonifacio, die das französische Korsika und das italienische Sardinien trennt, hat es in sich: Zwischen den Inseln gibt es fiese Strömungen, kreuzen große Frachtpötte und Fähren. Wassersportler müssen auf der Hut sein. Überdies „weht der Wind aus allen Richtungen“, sagt Prielmaier: der Mistral aus West, der Scirocco vom Süden, hinzukommen kräftige Böen aus Ost und Nord. „Zusammen verstärken sie sich wegen der hohen Berge auf beiden Inseln und der Meerenge – der Düseneffekt.“ Einem Stand-up-Paddler, der von hier nach dort möchte, bleibt nur ein winziges, kaum berechenbares windstilles oder -armes Zeitfenster. Außerhalb davon kann es für ihn gefährlich werden.



Prielmaier spukte „das Crossing schon ein halbes Jahr im Kopf herum“. Im Juni endlich scheinen die Bedingungen zu passen. Um 5 Uhr früh steht der Extremsportler und Abenteuerfilmer, der seit ein paar Jahren in Hausham lebt, auf, checkt ein letztes Mal die Wetter- und Strömungsvorhersagen und packt seine sieben Sachen: GPS-Empfänger, zwei Handys, Funkgerät, vier Liter Trinkwasser, eine Rettungsweste für den Notfall kommen fest verpackt aufs Brett – und eine bayerische Brotzeit mit Tegernseer Bier. „Für alle Fälle“, witzelt Prielmaier, „hätte ja sein können, dass es mich auf eine einsame Insel verschlägt.“

Um 6.30 Uhr paddelt er los von Piantarella Nautic, einer kleinen Marina bei Bonifacio an Korsikas Südostküste – ohne das Ziel im Blick zu haben. „Der Morgen war trüb und wolkenverhangen, Sardinien nicht zu sehen. Das war anfangs ein großes mentales Problem für mich.“ Vielleicht habe es aber auch daran, gelegen, „dass ich kurzsichtig bin“, scherzt er.

Kameramann Michael lässt für einige Aufnahmen eine Drohne in Sichtweite um Prielmaier kreisen, bevor er dem Spezl mit Auto und Fähre hinterher reist. Der Ickinger lässt sich ablenken, das Brett kippt kurz zur Seite, und beinahe rutscht das Walkie-Talkie in die Fluten. Schnell konzentriert er sich wieder aufs Paddeln. Ruhe kehrt ein. Nur ein Plätschern ist zu hören, wenn das Blatt ins Wasser sticht.

Prielmaier ist nun ganz bei sich, so wie er es wollte. „Wie wird es sich anfühlen, solo ohne Beiboot aufs Meer hinaus zu paddeln?“ Diese Frage hat der dreifache Familienvater sich im Vorfeld des Trips oft gestellt. Zuerst habe er sich unwohl gefühlt, räumt er ein. „Als ich aber weitergepaddelt bin“, sich die Wolken verziehen und den Blick auf die Nordküste Sardiniens freigeben, „da wurde ich sicherer“.

Geschafft: Nach 14 Kilometern zwischen den beiden Inseln und weiteren acht entlang der sardischen Nordküste ging Prielmaier in einer einsamen Bucht an Land.

Im Hinterkopf hat er die Worte des Kapitäns, den er tags zuvor im Hafen von Bonifacio nach den Tücken der Winde gefragte hatte. In der Früh sei alles gut. Aber, so warnte ihn der mit den Bedingungen vertraute Seemann: „Ab 13 Uhr musst du höllisch aufpassen. Dann kommt Sturm auf. 20 Knoten können es werden.“ Diese Aussage deckt sich mit jener, die Prielmaier in einem Artikel über die Meerenge gefunden hatte. Dort stand in blumigen Worten zu lesen: „Die Straße von Bonifacio ist schön wie eine heiße Italienerin, aber stürmisch und gefährlich, wenn ihr Blut in Wallung gerät.“

Seine Ankunftszeit hat der Ickinger mit etwa 10 Uhr berechnet – und er liegt gut im Plan. In der Ferne sieht er ein paar Tanker und Segelschiffe vorbeifahren. Ein großer Katamaran kreuzt vor ihm, er muss nun gegen die leichte Strömung und flache Wellen paddeln. Eine Brise kommt auf, doch längst nicht so stark wie vorhergesagt. Die schöne Italienerin hält ihr Temperament – noch – im Zaum. In Gedanken versunken gleitet Prielmaier durch kleine Schaumkronen. Es läuft. Sardinien rückt näher und näher.

Nach rund drei Stunden inklusive einer Essenspause erreicht der Abenteurer sardische Küstengewässer. Die Sonne brennt vom Himmel, die See kräuselt sich stärker. Trotzdem paddelt Prielmaier bis Porto Cervo weiter. Da der Wind bald enorm an Fahrt aufnimmt, geht er schließlich nach mittlerweile 22 Kilometern in einer menschenleeren Bucht an Land. Der 48-Jährige ist „heilfroh, nicht mehr draußen auf dem Meer zu sein. Das Board wurde wegen seiner großen seitlichen Angriffsfläche brutal abgetrieben.“

Kumpel Michael trifft Andreas Prielmaier an dessen „Landeplatz“. Für den geplanten Film stellen sie einige Ankunftsszenen nach. Nun lernt der Paddler das Bermuda-Dreieck des Mittelmeeres von seiner üblen Seite kennen: „Ich bin etwa 200 Meter raus. Der Wind war inzwischen so heftig, dass es mich regelrecht rausgesogen hat. Ich hab’s fast nicht mehr zurück an den Strand geschafft.“ Auf der Straße von Bonifacio wäre es jetzt ungemütlich geworden. „Mit einem SUP-Board hast du keine Chance, bei solchen Winden Kurs zu halten. Du wirst einfach nach Lee weggeblasen.“

Auch deshalb hat vor Prielmaier wohl noch kein Stand-up-Paddler die Querung von Korsika nach Sardinien gewagt. Der Extremsportler hat recherchiert. Zwar hätten einige Windsurfer die Meerenge in der einen oder anderen Richtung bewältigt. Über jemanden, der das mit Brett und Paddel geschafft hat, fand er keine Hinweise. „Auch der Kapitän im Hafen von Bonifacius wusste nichts von einem Bossing mit dem SUP-Board. Ich glaube daher, dass ich der Erste war.“

peb

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