Zeugnisse aus Krisengebieten liefert Reporterin Julia Leeb in ihrem aktuellen Buch ab.
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Zeugnisse aus Krisengebieten liefert Reporterin Julia Leeb in ihrem aktuellen Buch ab.

Neuerscheinung

Julia Leeb veröffentlicht ihr Buch „Menschlichkeit in Zeiten der Angst“

  • Bettina Sewald
    vonBettina Sewald
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Die im Landkreis aufgewachsene Julia Leeb hat ein neues Buch veröffentlicht, das große Beachtung findet. Es dokumentiert einige ihrer abenteuerlichen Reportage-Reisen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – „Libyen, 14. März 2011. Meine Finger graben sich in den steinigen Boden der Wüste. Es ist ein windiger Tag und es ist Krieg...“ Mit diesen Worten startet Julia Leebs aktuelles Buch „Menschlichkeit in Zeiten der Angst“. Es findet bundesweit große Beachtung, kletterte innerhalb weniger Tage nach Erscheinen auf Platz 19 der Spiegel-Bestsellerliste.

Das ARD-Kulturmagazin „titel, thesen, temperamente“ berichtete über den Reportage-Band und das Wirken der im Landkreis aufgewachsenen Kriegsreporterin, Fotojournalistin und Filmemacherin (ARD-Mediathek, ttt, 17. Januar).

Julia Leeb dokumentiert in ihrem Buch einige ihrer abenteuerlichen Reportage-Reisen der vergangenen zehn Jahre. Im ersten Kapitel erfährt man darüber hinaus viel von ihrem Werdegang und ihrer unermüdlichen Motivation, die hinter den teils lebensgefährlichen Unternehmungen steckt, wie sie aus ihrer Kindheit heraus einen Blick auf die Krisenherde gewinnen konnte. Die zierliche Journalistin reist oft in Krisenregionen. Nicht selten sitzt sie unkomfortabel in einer Frachtmaschine. Linienflüge steuern ihre Ziele meist nicht mehr an.

Mit ihren Bildern möchte Leeb „die andere Seite der Kriege“ beleuchten: „Journalismus bedeutet für mich Licht zu machen.“ Sie interessiere sich weniger für die, die ein Land zerstören, sondern „die Menschen, die in Kriegsgebieten für Ordnung und Wiederaufbau sorgen. Die unsichtbaren Helden.“ Das seien oft Frauen, die mit ihrer Arbeit zum Teil ihre Kriegstraumen überwinden.“

Begonnen hat das eher zufällig, als Leeb nach dem Abitur für sechs Monate nach Südamerika reiste. Sie erinnert sich: „Ich war alleine dort. Im Dschungel. Da sollte Öl gefördert werden, und die Menschen, die dort gelebt haben, wurden brutal vertrieben.“ Keiner hätte das mitbekommen. Seitdem hat sie ihre Kamera immer griffbereit, hat „gelernt in den unterschiedlichsten Situationen schnell zu reagieren und zu fotografieren“. So gesehen erlebe sie jeden Moment zweimal: „Einmal vor Ort, wenn ich die Fotos mache, und dann zum zweiten Mal zu Hause, wenn ich die Bilder aufarbeite.“

Leeb empfindet sich als durch und durch visueller Mensch: „Ich lasse die Menschen, die ich ablichte, durch meine Bilder zu Wort kommen.“ Manchmal geht sie ganz nah ran, zeigt beispielsweise in einem „close up“ eine Frau, der eine Schweißperle auf der Stirn steht. So ein Bild sage mehr als 1000 Worte. Ihre Bilder und Filme werden von internationalen Medien, Fernsehsendern wie Printmedien, veröffentlicht. 2016 wurde sie von der Zeitschrift Elle zu einem der 80 internationalen Charakterköpfe gewählt. Seit 2018 ist sie eine der „200 Frauen“, eine internationale Wander-Ausstellung, die 2019 auch in München zu sehen war.

Julia Leeb studierte „Internationale Beziehungen und Diplomatie in Madrid und dann im italienischen Auswärtigen Amt. Danach studierte sie im ägyptischen Alexandria Arabisch sowie „Building a Culture of Peace“. Anschließend war sie an der Bayerischen Akademie für Fernsehen. Doch vieles, was sie gelernt hat, kann einem keine Universität der Welt beibringen. Zum Beispiel sich in einem Kriegsgebiet möglichst unauffällig zu bewegen, Risiken abzuwägen. Ihre Familie weiß oft nicht, wo sie sich gerade aufhält. Allerdings kann sie in Zeiten von Corona nicht wie gewohnt reisen. Leeb bedauert das. „Es sind fast alle Grenzen zu, und durch die Notstandsgesetze ist in vielen Ländern auch die Pressefreiheit massiv eingeschränkt.“

Aufgrund der monothematischen Berichterstattung werde oft vergessen, dass die Welt sich trotzdem weiterdreht und die Konflikte, wie im Jemen oder in Äthiopien, nicht automatisch aufhören, nur weil man darüber nichts erfährt. „Hier wird darüber berichtet, dass das Klopapier vergriffen ist, und da verhungern die Menschen“, ereifert sich die junge Journalistin.

Für 2021 wünscht sich die für den Deutschen Fotopreis und den Peter Scholl-Latour-Preis nominierte Reporterin: „Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte haben alle das gleiche Problem, und ich hoffe, dass der Respekt vor dem Leben sich durchsetzt.“ Die Menschheit lebe gerade in einem sehr fragilen Moment, und es werde immer deutlicher, wie sehr die ganze Welt zusammenhängt. Für sie sei das Ansporn, weiterhin zu reisen und zu berichten. Denn: „Wir können es uns schlicht nicht mehr leisten, nicht zu wissen, was in der Welt vor sich geht.“

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