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Mit Paul Wenz und seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus befasst sich derzeit die Gemeinde Icking.

Der Fall Paul Wenz

Keine Angst vor der Vergangenheit

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Icking - Soll Icking die örtliche NS-Zeit aufarbeiten? Und wenn ja, wie? Zwei Historiker haben die Gemeinderäte dazu ausdrücklich ermuntert. Ihr Wort hat Gewicht, denn: Sie haben genau das für Pöcking geleistet.

Das Urteil der Gemeinderäte nach dem einstündigen Vortrag von Prof. Marita Krauss und Erich Kasberger aus Pöcking war klar: Man empfand Dankbarkeit über so viel kompetente Hilfe bei einem solch heiklen Thema. „Derartigen Geschichtsunterricht hätte ich mir gewünscht“, sagte Bürgemeisterin Margit Menrad.

Das Pöckinger Paar ist besonders glaubwürdig. Zum einen sind sie vom Fach: Dr. Marita Krauss ist Lehrstuhlinhaberin in Augsburg, Erich Kasberger hat viel über die Deportation Münchner Juden aus dem Internierungslager Berg am Laim geforscht. Zum anderen haben sie Bezug zu Icking, denn beide haben das Buch „Leben in zwei Welten“ verfasst, das der zeitweise in Icking lebenden, jüdischen Sozialarbeiterin und Schriftstellerin Else Behrend-Rosenfeld gewidmet ist. Und: Die zwei Forscher haben eine Aufgabe bewältigt, vor der in Icking einige gehörigen Respekt haben: Sie haben in ihrer Heimatgemeinde Pöcking die NS-Zeit aufgearbeitet, eine Dokumentation steht kurz vor der Veröffentlichung.

Auch bei der Erinnerung gibt es einen Generationenvertrag

Die Sorge, dass eine Beschäftigung mit dieser dunklen Zeit zwangsläufig zu Unruhe und Spaltung führt, nahm Krauss den Gemeinderäten ausdrücklich. „Es ging zu keinem Zeitpunkt darum, auf irgendjemanden mit dem Finger zu zeigen“, sagte sie. „Wir wollten einfach herausfinden, was in dieser Zeit los war, ganz sachlich.“ Die Pöckinger hätten gemerkt, dass es überhaupt nicht darum geht, nachträglich über irgendjemanden zu Gericht zu sitzen. Die Folge: Viele Zeitzeugen, die bekanntlich immer weniger werden, stellten sich für Interviews zur Verfügung und redeten frank und frei. Wichtig sei auch gewesen, dass der Bürgermeister voll hinter dem Projekt gestanden habe. Das sei insofern bemerkenswert, als dessen Großvater in der NS-Zeit selbst dasselbe Amt bekleidet habe. Doch statt das Thema abzuwehren, habe er sich gestellt. „Das hatte natürlich Signalwirkung“, so Krauss.

Kasberger betonte, dass man das Recht habe, diese unbequemen Fragen zu stellen. „Es gibt da einen Generationenvertrag“, erklärte er. „Wir dürfen unsere Eltern und Großeltern fragen, was damals passiert ist“, erklärte er. Umgekehrt müsste sich die gegenwärtige Generation irgendwann auch Nachfragen gefallen lassen. „Vielleicht will ja später jemand von uns wissen, warum wir noch Auto gefahren sind“, so Krauss.

Eine gute Quelle wäre die Tageszeitung

Klar ist, dass auf Icking im Fall der Fälle viel Arbeit wartet. Vor allem wird man viel Archivarbeit betreiben müssen. Eine besonders wichtige Quelle wäre die damalige Tageszeitung, in diesem Fall das gleichgeschaltete „Wolfratshauser Tagblatt“. „Hier könnte man etwa sehen, wie es die Nazis verstanden haben, den öffentlichen Raum mit Beflaggung, Aufmärschen und anderem in Beschlag zu nehmen“, so Kasberger. Auch hätten sich Partei und Gemeinde immer mehr verflochten, einfach dadurch, dass Gemeinderäte und Bürgermeister der Partei angehören mussten. „Das war ein perfides System.“

Was die Historiker über Paul Wenz sagen

Die Gäste aus Pöcking lobten die Dokumentation über Paul Wenz, die Gemeinderätin Claudia Roederstein und Archivar Dr. Peter Schweiger angefertigt haben. „Sie ist perfekt, da bleibt praktisch keine Frage offen“, sagte die Expertin. Weitere Nachforschungen seien möglich, wenn man sich dafür interessiere. Für eine politische Entscheidung pro oder kontra Umbenennung lägen alle relevanten Fakten vor. Und irgendwann gelte es auch, eine Entscheidung zu treffen. In ihren Augen war Paul Wenz „kein großes Licht“. Sie warnte davor, sich nur auf ihn zu fixieren. „Leute wie ihn gab es viele.“ Dem widersprach SPD-Gemeinderat Christian Mielich. „Für mich ist der Mann ganz schön Täter“, sagte er über Wenz, der unter anderem der NSDAP seit 1933 angehörte, als SA-Truppführer fungierte und das Verwaltungsgebäude der Rüstungswerke (das heutige Geretsrieder Rathaus) errichtete. Kasberger sah das nicht so rigoros: „Mit so strengen Maßstäben wäre es nicht möglich gewesen, eine deutsche Demokratie aufzubauen.“ In Pöcking sei es durch ein erklärendes Schild gelungen, die sehr ähnliche und sehr hitzige Hindenburg-Debatte zu beeenden. „Das hatte befriedende Wirkung“, sagte Krauss.

Ein neuer Nachruf ist aufgetaucht

Eine muntere Debatte hat im Ickinger Gemeinderat ein Nachruf ausgelöst, den Zweiter Bürgermeister Dr. Peter Schweiger in seinem Privatarchiv gefunden hatte und den Claudia Roederstein vorlas. Er stammt aus dem Jahr 1965, ist im Mitteilungsblatt des Ickinger Schulkreises enthalten und trauert um das Ehrenmitglied des Schulkreises Paul Wenz, der wegen seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus neuerdings in Verruf geraten ist. Dort heißt es: „Wem hätte sich nicht in den letzten Jahren unauslöschlich das rührende Bild eines alten Mannes eingeprägt, der, fast erblindet, aber aufrechten Ganges und bei jedem Wetter mit seinem traurig einhertrottelnden Dackel durch Icking zog? Und wer in der stürmisch wachsenden Gemeinde (...) weiß heute noch um den entscheidenden Anteil des nunmehr kurz vor seinem 90. Geburtstag Dahingegangenen am Werden unserer Schule, ohne deren Existenz es nie zu jenem Wachstum gekommen wäre? Einiges von dem, was hier in den 1920 Jahren geschah, ist in diesen Blättern (= den Mitteilungsblättern, Anmerkung der Redaktion) angedeutet worden; nicht aber, unter welchen unendlichen Schwierigkeiten die wenigen Ickinger Schülereltern, an ihrer Spitze Dr. Wenz, die kleine Privatschule am Leben erhielten.“

Ein Dokument der Verdrängung oder wertvolle Information?

Was folgte, war ein kleiner Historikerstreit. Dr. Erich Kasberger, der zuammen mit seiner Frau Prof. Marita Krauss die NS-Geschichte Pöckings aufgearbeitet hat, nannte diese Zeilen spontan „ein Dokument der Verdrängung“. Und: „Setzen Sie gegen diese süßliche, verschleiernde Prosa ein Schild mit einer klaren Aufklärung, wer Paul Wenz war.“ Nicht ganz so schlimm nahm es seine Frau, Marita Krauss: „Daraus geht immerhin hervor, dass er ein Förderer der Schule war und also in der Gemeinde Gutes bewirkt hat.“ Die Meinungsverschiedenheit nahm sie mit Humor: „Es gilt die alte Regel: Vier Historiker, vier Meinungen.“ Für ein Schild statt einer Umbenennung sprach sich auch Vigids Nipperdey (Ickinger Initiative) aus: „Wir können Geschichte ja nicht ungeschehen machen“, sagte sie. „Nur Erklärungen bieten die Möglichkeit, weiter Fragen zu stellen.“ Der Gemeinderat befasst sich in seiner Sitzung an diesem Montag, 27. März, mit dem weiteren Vorgehen.

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