Gisela Sedlmeyer, Odile Aumeier, Ingrid Vogel und Karin Siebert beim Secondhandshop in Icking.
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Was darf’s denn sein? Gisela Sedlmeyer, Odile Aumeier, Ingrid Vogel und Karin Siebert (v. li.) berieten gern die Kunden im Ickinger Secondhandshop. Nach 40 Jahren ist nun Schluss.

„Die Entscheidung ist uns absolut nicht leicht gefallen“

Nach 40 Jahren: Aus für den Ickinger Secondhandshop

  • Franziska Konrad
    vonFranziska Konrad
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Ausgemusterte Röcke und Hosen, zu klein gewordene Skisachen, gelesene Bücher: 40 Jahre lockte der Ickinger Secondhandshop mit gut erhaltenen Waren zu Schnäppchenpreisen. Ausgerechnet zum runden Geburtstag sind die Ehrenamtlichen nun gezwungen aufzuhören.

  • Ickinger Secondhandshop: Nach 40 Jahren beenden die Ehrenamtlichen schweren Herzens den Verkauf
  • Auslöser für die Entscheidung ist die Corona-Pandemie und ein Nachwuchsproblem
  • In all den Jahren kamen über 100 000 Euro Spendengelder zusammen

Icking – Ingrid Vogel (75) sitzt in ihrem Garten auf der Terrasse und blättert in Ordnern, die quer über den Tisch verstreut liegen. Ab und zu umspielt ein zufriedenes Lächeln ihre Lippen. Briefe, Berichte, alte Fotos: Vier Jahrzehnte Ickinger Secondhandshop haben bei ihr viele Erinnerungen hinterlassen.

„Aber man soll ja bekanntlich aufhören, wenn’s am schönsten ist“, sagt die 75-Jährige. Schweren Herzens hat sich die Leiterin des Shops dazu entschlossen, gemeinsam mit den anderen Ehrenamtlichen den Verkauf zu beenden. „Die Entscheidung ist uns absolut nicht leicht gefallen“, gibt die Walchstadterin zu.

Erinnerungen: Bergeweise Ordner haben sich bei Ingrid Vogel in all den Jahren angesammelt.

Den Ausschlag zur Schließung gab Corona. Fast alle der acht Damen zählen inzwischen zur Generation Ü70 – und damit zur Risikogruppe. Vogel weiß: Beim Verkauf im Gemeindesaal ging es stets eng zu. „Damit gefährden wir nicht nur uns, sondern auch die anderen. Das möchten wir nicht riskieren.“ Außerdem steht das Team vor einem Nachwuchsproblem. „Gerne hätte ich die Leitung übergeben und im Team weitergemacht. Aber wir haben leider keinen Nachfolger gefunden“, bedauert Vogel.

Icking: Secondhandshop steht vor Nachwuchsproblem

Gegründet wurde der Secondhandshop einst von Pfarrersfrau Fredericke Helmes. Von da an ging auch die dreifache Mutter Ingrid Vogel zum Klamottenkauf in den Gemeindesaal. Bereits zwei Jahre später half sie selbst mit, 1999 übernahm sie die Leitung. „Die Leute kamen aus allen Richtungen, aus Solln, Straßlach oder Starnberg“, erzählt die 75-Jährige stolz.

Heute sind Flohmärkte und Kleiderbasare von Kindergärten, Schulen und Vereinen an der Tagesordnung. Nicht zu vergessen die Verkaufsplattformen im Internet. „Diese Angebote gab es damals alle noch nicht“, weiß Vogel. Das machte den Ickinger Secondhandshop zu etwas Besonderem.

Erfolg: Das Mädchen muss nicht mehr Wasser schleppen. Der Secondhandshop spendete dafür einen Esel.

Die Organisation lief zwar immer gleich ab: Warenannahme, Verkauf. Schlussabrechnung. „Trotzdem war es jedes Mal aufs Neue spannend, weil wir nie wussten, was auf uns zukommt.“ Einmal erstand etwa ein großer stattlicher Mann einen kleinen grünen Tanga. „Der sei für seine Freundin, hat er mir verraten“, erzählt Vogel und muss herzhaft lachen.

Ein anderes Mal probierte eine junge Frau ein schickes Ballkleid an. Die Robe gefiel der Kundin so gut, dass sie sie gleich anbehielt und darin weiter stöberte. „Die Kleidung wird weiterbenutzt, die Preise sind billig, und man tut etwas Gutes – besser geht’s doch nicht“, fasst die pensionierte Realschullehrerin zusammen.

Secondhandshop: Über 100 000 Euro Spendengelder kamen zusammen

15 Prozent des Gewinns spendete das Team an soziale Projekte. „80 Prozent der Klamotten verkauften wir für unter zehn Euro. Trotzdem haben wir in all den Jahren über 100 000 Euro Spenden zusammenbekommen“, verrät Vogel. Diese gingen etwa an Brot für die Welt, Ärzte ohne Grenzen, an Talitha Kumi – ein Internat in Palästina – und an Bedürftige aus dem Landkreis. „Es war so berührend, was wir mit dem Geld alles anfangen konnten“, schwärmt Vogel.

Es war so berührend, was wir mit dem Geld alles anfangen konnten.

Ingrid Vogel, Leiterin des Secondhandshops

Trotz all der schönen Momente – der Verkauf bedeutete für das Team auch viel Arbeit. „Die wird mir bestimmt nicht abgehen“, ist sich Ingrid Vogel sicher. „Aber die ganzen Kontakte werde ich vermissen.“ Sie klappt die Ordner zu. Das Kapitel Secondhandshop ist für sie abgeschlossen. „Doch langweilig wird mir ganz bestimmt nicht“, betont die 75-Jährige. „Ich habe schließlich noch meine Enkel, den Garten und die Arbeit bei der Nachbarschaftshilfe.“

Ein Mittel gegen die Wegwerfmentalität ist auch das Reparaturcafé in Wolfratshausen. Sein Konzept: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Menschen können mithelfen und sich anschauen, wie man ihre Geräte wieder auf Trab bringt.

kof

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