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Leben für die Kunst: (v. li.) Schriftsteller Albert von Schirnding, Ruth Kohler sowie Hollerhaus-Chefin Lia Schneider-Stöckl am Sonntag im Hollerhaus.

Albert von Schirnding im Hollerhaus

Wunderbar altmodisch

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Icking - Albert von Schirnding, Besitzer des Schlosses Harmating, ist ein Dichter alten Schlags. Seine Prosa ist an den Klassikern geschult, anspielungsreich und wunderbar klug. Am Sonntag las er im Hollerhaus - und sein Publikum lauschte atemlos. 

Da saß also der Bub im April 1945 und wartete sehnsüchtig auf seinen Vater. Neun Jahre war er alt, wohnte gemeinsam mit der evakuierten Familie auf Schloss Harmating, blickte stundenlang hinaus ins Tal und fragte sich, ob sein Vater nicht bald auftauchen würde. Mit dem Rad sollte der Vater kommen, das wusste er, Benzin war schließlich zu wertvoll in diesem Krieg, der in Wahrheit nur noch wenige Tage dauern sollte. Und tatsächlich, der Vater kam, irgendwann, wie er es versprochen hatte. Der Bub stürzte ihm entgegen.

Von diesen quälenden Minuten des Wartens hätte nie jemand etwas erfahren, wenn der junge Mann nicht später Schriftsteller geworden wäre. Es war Albert von Schirnding (81), heute Schlossherr in Harmating, Essayist, Lyriker, Übersetzer, Herausgeber und nicht zuletzt Kulturehrenpreisträger des Landkreises. Die Passage hat Eingang in sein jüngstes, autobiographisches Werk „Jugend, gestern“ gefunden, aus dem von Schirnding am Sonntag im ausverkauften Hollerhaus einem atemlos lauschenden Publikum vorgelesen hat. Und Schirnding wäre nicht er selbst, wenn er das Erlebte nicht mit einer Reflexion verknüpft hätte. „Glaubt nur, mit Sehnsucht hat Erwartung nichts gemein. Sehnsucht bleibt vage, geht ins offene Meer, verliert sich im Unendlichen, genießt sich selbst. Erwartung zielt auf ein Nahes, Einzelnes, Einziges, das sie entfacht, zum Glühen bringt.“ Das hat er schon früh, in den Stunden des Wartens, erfahren. Und später in wunderbar reflektierte Worte gefasst.

Die Matinee war gleichzeitig eine Finissage

Man merkt schon: Albert von Schirndings Prosa ist im besten Sinne altmodisch. Der Autor nimmt sich Zeit zum Erzählen, reichert seine Geschichten mit Goethe-Zitaten an, schweift ab in die griechische Mythologie und schöpft aus dem, was man früher humanistische Bildung nannte. Der Mann, der seine Texte nach wie vor im höchsten Zimmer des Harmatinger Schlosses schreibt, umgeben von Tausenden von Büchern und ohne Internetzugang, macht es seinen Lesern nicht leicht. Hopplahopp erschließt sich da gar nichts. Aber wer zuhören kann, wird belohnt. Zumal von Schirnding seine Texte sehr lebendig vorlesen kann – eine Gabe, die nicht jeder Autor hat.

Der Auftritt im Hollerhaus war für von Schirnding eine Premiere, er las dort zum ersten Mal öffentlich, öfter ist er in der Tölzer Buchhandlung Urban zu Gast. Dafür hatte er sich ein besonderes Jahr und einen besonderen Tag ausgesucht. Denn: 2017 wird das 100-jährige Jubiläum der Galerie des Hollerhauses begangen. Und am Sonntag konnte man die Bilder der Malerin Ruth Kohler – ebenfalls einer Kulturehrenpreisträgerin – zum letzten Mal dort sehen. Ihre abstrakten Werke, die teils in Münsing und teils in Chicago entstehen, pulsieren vor Vitalität und verliehen den gelesenen Worten einen besonderen Zauber. Von Schirnding bezeichnete es als „große Ehre, in der Kulisse lesen zu dürfen.“ Sicher hätte der gelehrte Schlossherr von Harmating viel zu sagen gehabt über das Verhältnis von Malerei und Dichtung. Man hätte ihm liebend gerne dabei zugehört.

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