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Ukraine-Flüchtlinge finden Bleibe: Mann (60) aus Icking nimmt Familie auf

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Von: Dominik Stallein

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Flüchtlinge aus der Ukraine
Auf der Flucht: Viele Ukrainer verlassen wegen des russischen Angriffs ihre Heimat – wie diese Gruppe an der rumänisch-ukrainischen Grenze. Fünf Menschen sind bei einem Ickinger untergekommen. © Mihailescu/ AFP

Der Krieg in der Ukraine trieb zwei Frauen mit ihren Kindern und ihrer Mutter in die Flucht. Sie fanden bei Boris Levin eine Bleibe. Der Ickinger berichtet.

Icking – Als die ersten russischen Bomben auf ihre Heimat fielen, fassten zwei junge Frauen schnell den Entschluss: Sie brachten sich, ihre Mutter und ihre zwei kleinen Kinder in Sicherheit. Vor wenigen Tagen sind die Frauen in Icking angekommen. Boris Levin hat die fünf Ukrainer aufgenommen, ihnen eine Wohnung zur Verfügung gestellt und sich um die Kriegsflüchtlinge gekümmert. Levin hat selbst ukrainische Wurzeln.

Krieg in Ukraine: Flüchtlingsfamilie findet eine Wohnung in Icking

Als ihn der Hilferuf aus seiner Heimat erreichte, stand für ihn sofort fest, dass er helfen würde: Die Familie suchte eine Bleibe, schnell, unkompliziert und sicher. Die Wohnung, in der Levins Tochter seit einiger Zeit lebt, stellte er den fünf Flüchtigen zur Verfügung. Die Tochter ist in der Zwischenzeit wieder bei ihren Eltern eingezogen, „das war für uns einfach“, sagt Levin bescheiden. Die Flüchtlinge haben am Sonntag ihre Zuflucht erreicht, erschöpft von den Strapazen, mitgenommen vom Blutvergießen in ihrer Heimat – aber vor allem dankbar, nun in Sicherheit zu sein.

Familie aus der Ukraine aufgenommen - Ickinger kümmert sich um Kriegsflüchtlinge

Um sie und vor allem die beiden Kinder – ein vierjähriger Bub und ein zwei Monate alter Säugling – zu versorgen, hat Levin Spenden gesammelt. Das Kleinkind schläft in einem Gitterbett, das der Familie überlassen wurde. Die Frauen haben Kleider bekommen, weil sie auf der hektischen Flucht nur so viel mitgenommen haben, wie sie auf die Schnelle einpacken und tragen konnten. „Zum Glück gibt es hier viel Hilfsbereitschaft“, sagt Levin. Auf seinen Aufruf auf der Online-Plattform Facebook hatten sich einige Menschen gemeldet und Sachspenden angeboten. Er selbst hat der Familie etwas Geld gegeben, damit sie sich eine Zeit lang selbst versorgen kann, und er hat die nötigsten Dinge wie Shampoo und Seife für die Frauen besorgt.

Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland: Familie muss vieles mit Behörden klären - Übersetzer gesucht

Ein Dach über dem Kopf und diese alltäglichen Produkte seien natürlich wichtig für die Neuankömmlinge. Damit alleine ist es aber nicht erledigt: „Es ist für die Frauen keine Urlaubsreise“, sagt Levin. Mit der Schlüsselübergabe wie bei einer Ferienwohnung hört die Hilfe nicht auf – sie geht vielmehr erst los. Die Geflüchteten müssen sich bei den Behörden melden, ihren Aufenthaltsstatus klären und sich in ihrem neuen Umfeld zurecht finden. Für die drei Frauen, die in Levins Wohnung leben, ist das einfacher, als es in anderen Bleiben wäre. Levin spricht russisch, versteht ukrainisch und kann Behördenschreiben übersetzen sowie alltägliche Fragen über das Leben in Icking beantworten. „Man darf das nicht unterschätzen“, weiß der 60-Jährige.

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Es sei nicht damit getan, einfach hilfsbereit zu sein und eine freie Wohnung oder ein Zimmer für die Ukrainer anzubieten: „Man ist auch der erste Ansprechpartner für sie.“ Derzeit sucht Levin ukrainisch sprechende Unterstützer, die als Begleiter fungieren könnten, wenn noch mehr Menschen in der Region ankommen und Hilfe im Alltag benötigen.

In Sicherheit vor dem Krieg in der Heimat: „Kann sein, dass ihre Städte dem Erdboden gleich gemacht werden“

Wie lange es dauern wird, bis die Familien sich alleine in Deutschland und Icking zurechtfinden, kann Levin nicht abschätzen. „Sie lernen aber schon Deutsch und wollen gerne arbeiten“, ihr Leben in Deutschland führen, so selbstständig das im Moment geht. Und nur so lange, wie es nötig ist: „Sie haben mir schon gesagt, dass sie am liebsten in ihre Heimat zurück möchten“, aber erst dann, wenn dort wieder Frieden herrscht. Im Moment wissen sie nicht, wann und wie das möglich sein wird. „Es kann sein, dass ihre Städte dem Erdboden gleich gemacht werden.“ Die Angst um ihre Freunde, ihre Männer und ihre Heimat haben die Frauen mit nach Deutschland genommen. Ihre Männer sind in der Ukraine geblieben, um zu kämpfen. „Die Frauen sind sehr beunruhigt, auch wenn es ihnen hier gut geht. Sie sehen im Fernsehen, was in der Ukraine passiert, wie es den Menschen dort ergeht.“

Ickinger hat ukrainische Wurzeln - und bietet einer Flüchtlingsfamilie Obdach

Auch Levin verfolgt diese Meldungen ganz genau. Bis 1978 lebte er in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, dann zog seine Familie in die USA und er später nach Icking. Die Millionenstadt, die er in seiner Jugend kennenlernte, „wird jeden Tag ein Stück weiter ruiniert“, sagt er nachdenklich. Für den 60-Jährigen ist klar, dass er so lange helfen wird, wie es nötig ist. „Bis auf Weiteres“ können die Frauen in der Wohnung bleiben. „Sie wollen sich aber etwas Eigenes aufbauen“, hätten sie ihm gesagt. Und irgendwann zurückkehren, wenn keine Bomben mehr auf ihre Heimat fallen.

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