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Um Energielücken zu schließen: Mann rüstet Haus auf Wasserstofftechnik um

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Von: Andrea Kästle

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Andreas Seebach auf der Terrasse seines Anwesens in Irschenhausen (oben re.), in dem er vormacht, wie vor Ort gewonnener Strom vor Ort gespeichert werden kann.
Andreas Seebach auf der Terrasse seines Anwesens in Irschenhausen (oben re.), in dem er vormacht, wie vor Ort gewonnener Strom vor Ort gespeichert werden kann. © Andrea Kästle

Seit drei Jahren rüstet Andreas Seebach sein Heim auf Wasserstofftechnik um. Der Irschenhauser ist sich sicher: „Wir können in Deutschland die Energiewende wirklich schaffen.“

Irschenhausen – Im Garten steht die Skulptur einer Tänzerin. Zwischen einigen Stauden sieht man ein Schild: „Ich bin ein Naturgarten“, ist darauf zu lesen. Auf dem Balkon findet sich ein Korb mit duftenden Quitten. Unter der Decke hängt eine Girlande mit gelben Glühbirnen. Nebenan, auf dem grünen Hügel, grast eine kleine Herde großer Schafe mit Glöckchen um den Hals – eine oberbayerische Idylle. Wir befinden uns in einem Irschenhauser Architektenhaus, das einerseits sehr besonders und mit Bauhaus-Anklängen in den 1960er-Jahren gebaut worden ist. Zum anderen soll es die Zukunft sein.

Mann rüstet Haus auf Wasserstocktechnik um - Strom von PV-Anlage will er auch im Winter nutzen

Das Gebäude gehört nicht mehr dem Architekten, dessen viele Kinder in winzigen Zimmern aufgewachsen sind, die aussehen wie kleine Zugabteile und von einem Gang abgehen, der vom Wohnzimmer wegführt. 2018 hat Andreas Seebach das Anwesen gekauft. Er hatte bis dahin Biogasanlagen konzipiert und war einer der wenigen, die damit nicht nur Strom erzeugt, sondern das dabei entstehende Biomethan auch ins Gasnetz eingespeist haben.

Nun ist er dabei, sein Haus aus- und umzurüsten mit diversen Speichern, sodass der Strom, den die inzwischen auf dem Flachdach installierte PV-Anlage liefert, einen Teil des Energiebedarfs nicht nur in Sommernächten, sondern auch im Winter deckt. Einer dieser Speicher funktioniert über Wasserstoff. Hier gilt die Formel, die Seebach mehrfach sagt an diesem Nachmittag: „Power to gas to power.“ Genau das ist in der Energiewende nämlich das Problem: Es reicht nicht, irgendwie irgendwo grünen Strom herzukriegen. Der Strom muss quasi 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr verfügbar sein. Das heißt: Man braucht intelligente Möglichkeiten, um ihn zwischenzulagern.

Das Wohnzimmer des Architektenhauses aus den 1960er-Jahren, das ein Vorzeigehaus geworden ist in Sachen Energieeffizienz.
Das Wohnzimmer des Architektenhauses aus den 1960er-Jahren, das ein Vorzeigehaus geworden ist in Sachen Energieeffizienz. © Andrea Kästle

Zu Beginn unseres Besuchs unterhalten wir uns über das Wetter, über den schönen, aber viel zu warmen Herbst, dessen viel zu hohe Temperaturen vom Klimawandel zeugen. „Man darf ihn trotzdem genießen“, rät Andreas Seebach, blinzelt gegen das Licht, setzt seine Sonnenbrille auf und fängt an, sein Haus zu erklären.

Zwei Stunden redet der promovierte Wirtschaftsingenieur, er – das liegt wahrscheinlich am Beruf – geht gerne ins Detail. Dann folgen wir ihm hinunter ins Souterrain, lassen uns die nigelnagelneue Haustechnik zeigen, die viel weniger Platz wegnimmt als gedacht. „Ja, das ist eigentlich alles sehr übersichtlich“, sagt Seebach und nickt.

Irschenhauser überzeugt: „Können in Deutschland die Energiewende wirklich schaffen“

Wo früher der Öltank stand in diesem Haus, das in den Hang hineingebaut und umgeben ist von wild wucherndem Grün, sind jetzt andere Gerätschaften: ein Heizkreisverteiler, die Hochtemperatur-Brennstoffzelle, die Gas-Brennwerttherme, die Wärmepumpe, der Warmwasserspeicher, die Frischwasserstation, der Heizstab mit Steuerung, der Controller, der Elektrolyseur, die Brennstoffzelle, der Batteriespeicher. Alles Geräte, die kleiner sind, als ihre Namen andeuten. Nur der Elektrolyseur hat die Größe eines Gastronomie-Kühlschranks.

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„Wir können in Deutschland die Energiewende wirklich schaffen“, zeigt sich Seebach überzeugt, und in diesem Moment merkt man ihm erstmals die Begeisterung an, die ihn antreiben muss, um ihn die 60-Stunden-Woche, die er im Schnitt hat, durchstehen zu lassen. Kurz zuvor auf dem Balkon, als nebenan die Glöckchen der Schafe bimmelten, während er Details seiner intelligenten Energie-Vorratshaltung unterm PV-Dach aufgezeichnet hat, hatte er angedeutet: „Das alles ist ein großes Thema.“ Ist es wirklich. Das Haus von Andreas Seebach ist das erste in Deutschland, das schon älter und damit nur teilweise energetisch saniert ist und in dem die Kombi aus Batterie- und Wasserstoffspeicher im „Reallabor“ getestet wird.

„Wasserstoff hilft uns, die Winterlücke in der Stromherstellung zu schließen“: Im Bild links der Zugang zum Maschinenraum des Hauses. Die solarstrom- und wasserstoffbasierte Energieversorgung wird digital gesteuert.
„Wasserstoff hilft uns, die Winterlücke in der Stromherstellung zu schließen“: Im Bild links der Zugang zum Maschinenraum des Hauses. Die solarstrom- und wasserstoffbasierte Energieversorgung wird digital gesteuert. © Andrea Kästle

Seebach strebt nicht an, in seinem Heim komplett unabhängig vom öffentlichen Stromnetz zu werden. Eine 100-prozentige Autarkie sei nicht sein Ziel, da zu aufwendig zu erreichen. Was er möchte, ist „lediglich, den vor Ort produzierten Strom über die PV-Anlage auch vollständig vor Ort zu nutzen“. Nichts davon will er einspeisen – weil an sonnigen Tagen im Sommer ohnehin immer ausreichend Strom im Netz sein wird und überflüssige Energie geerdet – und damit „weggeworfen“ – wird.

Um auch in der Nacht Energie zu haben, verfügt das Haus über einen Batteriespeicher, der 14 Kilowattstunden aufnehmen kann; außerdem über eine Wärmepumpe, die ebenfalls Strom speichert, indem sie mit Solarstrom tagsüber einen 750 Liter fassenden Schichtwasserspeicher erhitzt. Der stellt dann 60 Kilowattstunden Wärmeenergie bereit – für die Heizung in der Nacht.

Außerdem vorhanden: eine Ladestation fürs E-Auto, zusätzlich, wie schon erwähnt, die Speichermöglichkeiten für Wasserstoff in Gasflaschen, zunächst 24 an der Zahl, die beachtliche 840 Kilowattstunden Energie konservieren. Dies dürfte ausreichen, um dieses Haus im Winter einige Wochen lang mit Energie zu versorgen. Dafür braucht es den Elektrolyseur, jenes kühlschrankgroße Gerät im Keller, das Wasser aufspaltet in Wasserstoff und Sauerstoff.

Irschenhausen: Mann rüstet Haus seit drei Jahren um - Ständig bekommt er deshalb Besuch

Seit drei Jahren ist Seebach dabei, sein Heim umzurüsten. Ständig bekommt er deshalb Besuch. Er hat gemeinsam mit Kollegen die Wasserstoffinitiative Bayern und Baden-Württemberg H2Süd gegründet – ein Verein, der wasserstoffbasierte Lösungsmöglichkeiten für die Energiewende ausarbeiten will. Erst vor Kurzem wurde im Haus zusätzlich die Energiegenossenschaft Icking-Isartal aus der Taufe gehoben. Sie soll in der Region die Ausstattung privater Dächer mit PV-Anlagen vorantreiben.

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Dazu möchte sie Streifen mit PV-Freiflächenanlagen entlang von Bahntrassen und Autobahnen versehen, außerdem Beteiligungen an Windrädern aushandeln und intelligente Speichermöglichkeiten schaffen. Neben einer größeren Freiflächenanlage würde man dann gleich einen Elektrolyseur plus einen Wasserstoff-Speicher platzieren. Kann gut sein, meint Seebach, dass das Isartal damit eine Art Vorzeigeregion wird in Sachen Klimaschutz und Energieeffizienz.

Ideal wäre es, wenn das vorhandene Gasnetz irgendwann einfach umgenutzt wird für Wasserstoff. „Um das Jahr 2040 herum“, meint Andreas Seebach, „könnte es soweit sein.“ In der Zwischenzeit wäre es bereits möglich, ohne große Umbaumaßnahmen die Infrastruktur zu 20 Prozent mit Wasserstoff bespielen. (Von Andrea Kästle)

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