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Autorenlesung  zu 81 Jahren Bücherverbrennung

Gelting - Zum zweiten Mal veranstaltete der Verein Bürger fürs Badehaus mit dem Kulturverein Isar-Loisach eine Autorenlesung. Anlass war die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten.

Man hätte meinen können, nach der äußerst erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr würde das Interesse etwas geringer ausfallen. Doch weit gefehlt: Der Hinterhalt war übervoll. Später kommende Besucher holten sich Stühle aus dem Nebenzimmer oder mussten stehen.

Der Vorsitzenden des Badehaus-Vereins, Dr. Sybille Krafft, war es wieder gelungen, prominente Vorleser aus Wolfratshausen und Umgebung zu gewinnen, darunter Amelie Fried, Johano Strasser, Claus Steigenberger, Walter Steffen und Josef Brustmann. Sie und die Autoren, aus deren Büchern sie lasen, wurden von nicht minder prominenten Moderatoren angekündigt. Landrat Josef Niedermaier - zusammen mit Max Mannheimer Schirmherr des Abends - zum Beispiel stellte Oskar Maria Graf mit einer kleinen Anekdote vor.

In der Schule habe er Graf als Pflichtlektüre nur überflogen und deshalb eine schlechte Note bekommen, erzählte der Landrat. Als er später eine Bäckerlehre am Oskar-Maria-Graf-Ring in München gemacht und jeden Tag das Straßenschild gesehen habe, sei plötzlich sein Interesse an dem Schriftsteller geweckt worden und er habe „Das Leben meiner Mutter“ gelesen. Niedermaier: „Heute besitze ich 15 Exemplare dieses Buchs, die ich in Antiquariaten gefunden habe. Ich frage mich, warum ich damals im Unterricht nicht aufgepasst habe.“ Wer wäre besser geeignet gewesen, Graf zu rezitieren als der heimatverbundene Schauspieler Claus Steigenberger? Er ist ein echter Graf-Kenner.

Auch zu den anderen Vorlesern passten die von ihnen ausgesuchten Texte sehr gut. So befasste sich der ernsthafte Johano Strasser mit dem Abschiedswerk Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“, das kurz vor dessen Selbstmord im Exil entstand. Der Publizist und ehemalige Bewohner des Displaced-Persons-Lagers Föhrenwald, Leibl Rosenberg, der eigens aus Nürnberg angereist war, trug zwei jiddische Gedichte vor. Die Online-Lokalredakteurin Fenny Rosemann aus Eurasburg hatte Carl van der Linde ausgewählt, weil sie, ebenso wie er, aus der Grafschaft Bentheim nahe der niederländischen Grenze stammt. Sie überraschte die Zuhörer in einem original Bentheimer Arbeitsgewand, geerbt von ihrer Großmutter, und einem Vortrag in perfektem Plattdeutsch. Manche gelesenen Szenen waren bedrückend wie bei Kurt Tucholsky, manche heiter wie bei Joachim Ringelnatz, andere tragikomisch wie das von Josef Brustmann vertonte Lied einer Erich-Kästner-Geschichte über einen Turner, der einen viel bewunderten Handstand auf der Loreley vollbringt und anschließend in den Tod stürzt.

Zwischen den Lesungen zeigten angehende Abiturienten des Geschichte-Kurses von Eva Greif am Geretsrieder Gymnasium ihren Kurzfilm „Zeitzeugen des DP-Lagers Föhrenwald“. Die Jugendlichen haben ehemalige Bewohner des Lagers interviewt. Deren Erinnerungen waren teils traurig, aber überwiegend schön. „Für uns als Kinder war Föhrenwald ein Paradies“, sagte eine Frau.

Der Erlös der Lesung samt bayerisch-jüdisch-türkischem Buffet fließt zu 100 Prozent in den Umbau des ehemaligen Badehauses am Waldramer Kolpingplatz. Dort soll wie berichtet eine Dokumentations- und Begegnungsstätte entstehen. Mit einem Augenzwinkern setzte Hinterhalt-Betreiberin Assunta Tammelleo den Schlusspunkt des Abends, indem sie frei nach dem jüdisch-österreichischen Dichter und Komponisten Georg Kreisler sang „Geh’ ma Tauben vergiften im Park“. (tal)

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