„Wenn Frauen kritisch nachfragen, gelten sie schnell als dumm“

42 Jahre im Kreistag

Bad Tölz-Wolfratshausen - Siebenmal schaffte Monika Hoffmann-Sailer den Einzug in den Kreistag. Nach 42 Jahren nimmt sie nun Abschied - als dienstältestes Mitglied und mit einem dicken Fell.

Es gibt Momente im Leben, die vergisst man nicht. Und manchmal sind das Ausflüge, von denen man vorher nie gedacht hätte, dass sie einen so prägenden Eindruck hinterlassen. Bei Monika Hoffmann-Sailer (68) war das Mitte der 1980er-Jahre der Fall. Der Kreistag diskutierte verschiedene Möglichkeiten der Wertstoff-Entsorgung und machte einen Busausflug zu einer Müllsortierungsanlage. „Und da standen wir nun am Förderband und sahen Studenten, die per Hand den Müll auseinander klaubten“, erinnert sich Hoffmann-Sailer. „Der Geruch war unerträglich. Und dann die Studenten. Danach hat es mir wochenlang große Schwierigkeiten bereitet, etwas in den Müll zu schmeißen, weil ich immer an die Studenten denken musste. Das Thema Wiederverwertung hat für mich seither eine ganz andere Dimension.“

42 Jahre hat Monika Hoffmann-Sailer auf Seiten der SPD im Kreistag mitdiskutiert, welchen Weg der Landkreis einschlagen soll. Sie saß im DTK-Aufsichtsrat, im Sozial- und Kreisausschuss, war Rechnungsprüferin und von 2006 bis 2008 eine der Stellvertreterinnen von Landrat Manfred Nagler (CSU). „Als Mitglied einer kleineren Fraktion muss man immer am Ball bleiben und sehr gut vorbereitet sein“, hat sie gelernt.

Hoffmann-Sailer saß tausende Stunden in Sitzungen. Manchmal stimmte sie als einzige gegen etwas. „Einen blöden Kommentar habe ich nie bekommen“, sagt sie. Aber sie hat gespürt, „dass man als Frau öfters als dumm angesehen wird, wenn man Dinge mehrmals und kritisch hinterfragt“. Dass sich nicht viele Frauen in der Kommunalpolitik engagieren, kann sie nachvollziehen. „Mit Familie und Beruf ist man ausgelastet. Und wenn Frauen etwas anpacken, möchten sie es perfekt machen.“

Hoffmann-Sailer hat früh gelernt, ihre Meinungen zu vertreten. Die Eltern der gebürtigen Benediktbeurerin wohnten in Ried im Haus der Frauenrechtlerin Dorothee von Velsen. Der Vater engagierte sich in der SPD. „Mit ihm konnte ich viel politisch diskutieren.“ Evangelisch und bei den Jusos - damit hatte man es aber vor Ort nicht leicht. „Politisch wollte ich selbst eigentlich nie was werden“, sagt Hoffmann-Sailer. „Ich wollte aber anderen immer helfen.“ Ende der 1960er-Jahre organisierte sie Seminare für Frauen und zollt den Teilnehmerinnen von damals heute großen Respekt: „Damals war’s nicht selbstverständlich, dass Frauen am Wochenende zu politischen Diskussionen fuhren. Sie sollten zu Hause sein und sich um die Kinder kümmern. Und deswegen gab’s oft Ärger. Aber diese Frauen waren so willensstark und sind trotzdem gefahren.“

Bei der Wahl 1972 ließ sie sich dann doch aufstellen und zog auf Anhieb in Gemeinderat und Kreistag ein. Dort war sie die einzige Frau neben Kreisbäuerin Rosl Geiger. An die hitzigen Debatten im Zuge der Gebietsreform, als aus zwei Landkreisen einer wurde, erinnert sie sich sehr gut. Sie bedauert bis heute, dass es im Landkreis immer noch kein einheitliches Tarifsystem für den öffentlichen Nahverkehr gibt, und „dass im Kreistag ein ausgeprägtes Blöckedenken herrscht“.

Generell findet es die 68-Jährige schade, dass sich die meisten Bürger nur noch projektbezogen für die Gemeinde engagieren. „Man kann sich nicht nur die Rosinen raussuchen“, kritisiert sie. Dank Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen hat sie selbst einiges erreicht - etwa dazu beigetragen, dass das Tölzer Jugendcafé etabliert werden kann. In ihrem „anderen Leben“ arbeitete Hoffmann-Sailer als Bankkauffrau 43 Jahre bei der Sparkasse. „Meine Kollegen haben mich nie spüren lassen, wenn ich mal wieder Sitzung hatte und nachmittags nicht da war“, sagt sie dankbar.

Dem neuen Kreistag gehört sie nicht mehr an. Aber im Kochler Gemeinderat hört Hoffmann-Sailer nicht auf. „Ich hab’s mir überlegt. Aber ich will kämpfen, dass das Pumpspeicherkraftwerk am Jochberg nicht gebaut wird.“

Christiane Mühlbauer

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