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„Haben Sie gewusst, dass...?“: Architekturhistorikerin Kaija Voss (li.) sprach zwischen Film- und Musikeinlagen im katholischen Pfarrheim in Waldram über typisch bayerische Advents- und Weihnachtsbräuche.

Benefizabend "Bräuche im Wandel"

„Jeder feiert seine eigene Weihnacht“

Wolfratshausen – Knöpfelsingen, Christkindlanschießen und Perchtenlauf: Heute für viele Fremdwörter, früher und mancherorts auch jetzt noch gepflegte Weihnachtsbräuche. Eine eindrucksvolle Darstellung dieser überlieferten Traditionen zeigten der Historische und der Verein Bürger fürs Badehaus unter dem Titel „Von Martini bis Dreikönig“ in Waldram.

Beim Christkindlanschießen, einem Böllersalut, wurde täglich – heute nur noch an Heilig Abend und vor allem im Berchtesgadener Land – die Weihnachtzeit eingeläutet. Doch der Brauch war im 17. Jahrhundert verboten worden, wie die Zuhörer in einem BR-Film aus dem Jahr 1993 erfuhren. Denn auch Wilderer hatten die Waffen benutzt.

Beim Knöpfelsingen an den drei Donnerstagen vor Weihnachten gehen auch heute noch die Kinder in einigen wenigen Regionen von Haus zu Haus und erbitten eine milde Gabe – früher für sich selbst, weil man nicht genug hatte, später für Bedürftige. Allerdings haben sich ihre Texte wie „Wir erbitten für die Armen, die drüben leben in der Ostzone zum Erbarmen“ zwischenzeitlich geändert. Und, man glaubt es kaum: Auch in den 1950er Jahren steckten durchaus schon Frauen im Nikolausgewand und besuchten die Kleinen.

Das Wort „Weihnachten“ kommt wahrscheinlich aus dem Mittelhochdeutschen – im Sinne von „Der Geweihte naht“. Außerdem ließ Referntin Kaija Voss das Publikum wissen, dass die Anfänge der Adventszeit keineswegs besinnlich waren. So hatte im Mittelalter das „Heilige-Christ-Umgehen“ eher Ähnlichkeit mit Fasching als mit Beten und Innehalten. Man geht heute davon aus, dass unsere Weihnachtsmärkte als Relikt übrig geblieben sind.

Die Advents- und Weihnachtszeit war früher der politischen Herrschaft unterworfen. So waren tatsächlich einmal die Sternsinger verboten worden – und während der Zeit der Aufklärung das Aufstellen von Krippen in Kirchen. Deshalb stehen seit Beginn des 19. Jahrhunderts die Krippen auch in den Wohnzimmern.

Was heute kaum noch einer weiß: Die Adventszeit ist eigentlich eine Fastenzeit, die am Heiligen Abend mit einem Festmahl endet. Und wer bringt danach die Geschenke? Das Christkind oder der Weihnachtsmann? Laut Voss ist das klar geregelt: Im Süden bringt das Christkind die Packerl, im Norden hat der Weihnachtsmann irgendwann dem Nikolaus die Ränge abgelaufen. „Manche glauben allerdings auch, dass er von Coca-Cola stammt“, sagte Voss mit einem Zwinkern.

Trotz der unterschiedlichen Bräuche ist die Expertin davon überzeugt, dass familiäres Brauchtum noch einmal etwas ganz anderes ist als das überlieferte Brauchtum. „Jeder feiert seine eigene Weihnacht“, sagte Voss.

Umrahmt wurde die Veranstaltung von regionalen adventlichen – und eben nicht schon weihnachtlichen – Gesängen. Der Erlös aus dem Benefiz-Abend kommt dem Erinnerungsprojekt Badehaus Waldram-Föhrenwald zugute. Monika Herold

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