Jüdische Kämpfer trainierten in Königsdorf

- Ab 1946 illegale Offiziersschule im ehemaligen Hochlandlager

VON VERONIKA MERGENTHAL Königsdorf - Ein nahezu unbekanntes Kapitel der Königsdorfer Nachkriegsgeschichte erforschte nun der Journalist und Dokumentarfilmer Jim G. Tobias. Auf dem Areal der heutigen Jugendsiedlung Hochland, wo im Dritten Reich von 1936 bis 1945 die deutsche Jugend nach der Ideologie des Nationalsozialismus erzogen und gedrillt worden war, gab es von 1946 bis 1948 ein Ausbildungslager für jüdische Soldaten. Zum Thema "Sie sind Bürger Israels - Die geheime Ausbildung von jüdischen Soldaten in Bayern" drehte Jim G. Tobias 2003 eine TV-Dokumentation, die er am 18. Mai um 19.30 Uhr in der Jugendbildungsstätte Königsdorf zeigt.

Schon jetzt kann man im Internet einen ersten Eindruck seiner Forschungen gewinnen: In der jüdischen Zeitung "Aufbau" veröffentlichte der Journalist einen Artikel, nachzulesen unter www.aufbauonline.com/2001/issue2/pages2/20.html.

Bisher war nur bekannt, dass das einstige Hochlandlager nach Kriegsende von den Amerikanern besetzt wurde, die eine Weile dort stationiert blieben. Das ehemalige Nazieigentum kam über die US-Militärregierung in die Hände der bayerischen Vermögensverwaltung und stand - so berichtet das Königsdorfer Heimatbuch auf Seite 82 - im Frühjahr 1949 für jüdische "DPs" (Displaced Persons) zur Verfügung. Diese seien dort in handwerklichen Berufen geschult worden, "eine Voraussetzung für die Einreise in den im Aufbau befindlichen Staat Israel", schreiben die Autoren Marlies Hieke und Georg Burger. Dokumentarfilmer Tobias, mit Peter Zinke Verfasser des Buches "Nakam - Jüdische Rache an NS-Tätern" (Hamburg 2000), fand aber heraus, dass in Königsdorf schon seit 1946 DPs ausgebildet wurden - als Soldaten.

In den ersten Nachkriegsjahren lebten in Bayern Zehntausende von Displaced Persons und warteten auf eine Auswanderungsmöglichkeit nach Palästina. Um den Traum vom jüdischen Staat Wirklichkeit werden zu lassen, benötigte man Kämpfer für den bevorstehenden israelischen Unabhängigkeitskrieg. Daher richtete die jüdische Untergrundorganisation "Hagana" auf dem versteckt gelegenen Gelände an der Isar zwischen Wiesen und dichten Wäldern ein Trainingslager für Holocaust-Überlebende ein. In der illegalen Offiziersschule wurden bis zum Frühjahr 1948 einige hundert Männer und Frauen ausgebildet. Die Besatzungsmacht erteilte zwar Anfang 1947 den Befehl, die militärischen Übungen zu stoppen, tolerierte sie jedoch faktisch. Offiziere als Sportlehrer getarnt Meist als Sportlehrer getarnt, reisten die frisch gebackenen "Hagana"-Offiziere nach Kursabschluss durch die süddeutschen Displaced-Person-Camps und brachten zahlreichen jungen Juden militärische Grundkenntnisse bei.

Für seinen Film spürte Tobias knapp ein Dutzend der damaligen Absolventen der Offiziersschule sowie den stellvertretenden "Hagana"-Kommandeur für Deutschland in Israel auf. Ein wichtiger Ansprechpartner war der heute 70-jährige Israeli Fritz Will, ein gebürtiger Wiener Jude, der den Holocaust in Ungarn im Untergrund überlebte und als einer der ersten Rekruten in Königsdorf gedrillt wurde. "Das Handgranatenwerfen lernten wir mit Steinen. Wir wollten nicht auffallen, das war doch alles illegal", zitiert Tobias Will in seinem Artikel. Ergänzend recherchierte er im US-Nationalarchiv in Washington und im "Hagana"-Archiv in Tel-Aviv.

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