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Diese Königsdorfer Familie rettete KZ-Haftlinge vor dem sicheren Tod

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Von: Volker Ufertinger

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Familie Trinkl aus Königsdorf
Sie hielten dicht: (v.li.) Otto Trinkl, seine Töchter Lore, Eva (hinten) und Rosmarie sowie seine Frau Katharina. In den letzten Kriegstagen nahmen sie drei Überlebende des Todesmarschs auf und versteckten sie vor der SS. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Die Familie Trinkl vom Schuss-Hof hinter Osterhofen riskierte 1945 ihr Leben, als sie drei geflüchtete KZ-Häftlinge versteckte. Als die SS kam, behielten alle die Nerven.

Königsdorf/Geretsried – 90 Jahre ist Lore Jarsch aus dem Geretsrieder Stadtteil Gartenberg heuer geworden. Eine Geschichte will sie unbedingt noch erzählen: Wie ihre Familie in den letzten Kriegstagen drei Männer versteckte, die dem Todesmarsch entronnen waren, darunter den Kommunisten und Schriftsteller Werner Groß aus Nürtingen bei Stuttgart. Die Trinkls – so der Mädchenname von Lore Jarsch – wohnten auf dem Schuss-Hof bei Königsdorf, auf einer Kuppe über dem Hochlandlager, wo der Jugend die NS-Ideologie eingetrichtert wurde. Die einsame Lage war Voraussetzung dafür, dass sie dem todgeweihten Trio Zuflucht geben konnten. Sie ist überzeugt: „Hätten wir Nachbarn gehabt, wären wir sicher verraten worden.“ Lore Jarsch war damals 14 Jahre alt. Wie dramatisch die Lage war, verstand sie zwar noch nicht. Doch sie wusste ganz genau: „Was wir hier machen, ist sehr gefährlich. Wir haben alle dichtgehalten.“

Lore Jarsch, Geretsried
Lore Jarsch war zum Zeitpunkt der Ereignisse 14 Jahre alt. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Es war der 1. Mai 1945, wenige Tage vor der Kapitulation von Nazi-Deutschland, als der Vater, Otto Trinkl, das Haus verließ. Mit dabei hatte er seinen Schwager Albert aus Nürtingen, der zusammen mit seiner Frau die letzten Kriegsmonate in Königsdorf verbrachte. Am Isarufer stieß das Duo auf drei ausgemergelte Gestalten. Das Unglaubliche: Albert Kicherer und Werner Groß kannten sich aus Nürtingen, sie hatten ihre Jugend miteinander verbracht. Rasch brachte man die zu Tode erschöpften Männer auf den Hof, reichte ihnen zivile Kleidung, versteckte sie im Heu und gab ihnen zu essen. Wohlgemerkt nur Mageres, sie mussten sich erst wieder an normales Essen gewöhnen. Ein paar Tage lang streiften auf dem Rückzug befindliche SS-Truppen durch die Gegend und kontrollierten auch den Hof der Trinkls. Sie ließen die Familie am Zaun aufstellen, entsicherten ihre Revolver und inspizierten das Haus. Das Heu durchwühlten sie nicht. Lore Jarsch ist überzeugt: „Es wäre der sichere Tod für alle gewesen.“

Schuss-Hof, gemalt von Lore Jarsch
Ein Bild von einem Bauernhof: So malte die junge Lore Jarsch den Hof in Königsdorf-Schuss. © Repro: Hermsdorf-Hiss

Otto Trinkl, Jahrgang 1900, und Werner Groß, Jahrgang 1907, waren beide Opfer der Nazis, wenn auch in sehr verschiedenen Maß. Trinkl stammte aus München, unterhielt ein Fuhrunternehmen, träumte aber von einem bäuerlichen Leben. Deshalb kaufte er sich zunächst einen Hof in Einöd links der Isar. 1938 enteigneten ihn die Nazis, um ihre angebliche Schokoladenfabrik zu bauen – tatsächlich entstanden dort Rüstungsfirmen für den Zweiten Weltkrieg. Von der sehr geringen Abfindung kaufte der Münchner 1939 den Schuss-Hof. Zunächst hielt man sich dort vor allem am Wochenende auf, dann aber, als München bombardiert wurde, die meiste Zeit. Die drei Töchter waren nur teilweise in Königsdorf. Öfter kamen sie nach Unterammergau, über die Kinderlandverschickung.

Werner Groß in den 1920er Jahren
Werner Groß aus Nürtingen war lange im KZ. Er floh - und hatte Glück. © Stadtarchiv Nürtingen

Noch übler spielten die Nazis Werner Groß mit. Der Mechaniker, der nebenher Geschichten und Gedichte schrieb, war überzeugter Kommunist. Die Nazis beobachteten ihn nach 1933 genau. Von 1938 bis 1945 musste er die sogenannte Schutzhaft erdulden. In verschiedenen Konzentrationslagern erlebte er brutalste Gewalt, am schlimmsten in Dachau. Neuzugänge wie er mussten so lange Sport treiben, bis einer tot umfiel. Häftlinge wurden vom Dach gestoßen, um eine Wette unter SS-Leuten zu erfüllen. Kurz bevor die Amerikaner das Lager Ende April 1945 befreiten, zwang die SS Tausende Häftlinge auf den Todesmarsch in Richtung Süden. Am 30. April 1945, am Ende seiner Kräfte, riskierte der Nürtinger Groß mit zwei anderen Häftlingen die Flucht, setzte sich nahe der heutigen B11 von der Gruppe ab und übernachtete bei Schneetreiben im Wald. Dann begegnete er seinen Rettern und überstand dramatische Tage. Erst, als die Amerikaner auf dem Hof auftauchten, fühlte er sich frei.

Bericht von Werner Groß in der Nürtinger Zeitung vom August 1945

„Nach einer kurzen Strecke sind die Straßen, die wir passieren, übersät mit Toten und Sterbenden. Die hinter uns unmittelbar gehende Hundestaffel hetzte ihre Hunde auf diese unglücklichen, wehrlosen Menschen. Was nicht zerfleischt wird, fällt unter den Gewehrkolben und Pistolenkugeln dieser SS-Sadisten. Wird denn nicht auch den Stupidesten unter ihnen klar, dass diese Menschenjäger von heute das Wild von morgen sein werden? Oder ist ihnen die verfluchte, so genannte „Himmler-Disziplin“ so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie nur noch stoßende, tretende, schlagende und Genickschüsse gebende Nazi-Maschinen sind?

Es wird Abend und immer weiter zieht sich der Zug auseinander... Eine durch auffahrende deutsche Artillerie verursachte Verkehrsstockung benützend, springen wir zu dritt von der Straße in den Wald und klettern auf allen vieren den steilen Hang hinauf. Es ist nachts um 10 Uhr, ein Schneesturm tobt seit einer Stunde... Außer dem Toben des Sturms und unseren klopfenden Herzen ist nichts zu hören – unsere Flucht blieb unbemerkt... Mit dem aufziehenden Morgen überqueren wir vorsichtig die Tölzer Straße... Als wir erschöpft am Ufer der Isar rasteten, um einen Übergang auszufinden, wurden wir dort von einem Bauern entdeckt. Sein Begleiter war zu meinem Erstaunen ein Bekannter aus meiner Heimatstadt und erkannte mich...

Auf dem Hof wurden wir von der Familie gut aufgenommen, der Bauer gab uns Zivilsachen und versteckte uns, denn einige Male kam die Mord-SS in die Umgebung und den Hof selbst. Anfang Mai besetzten die Amerikaner das am Fuße des Hofes gelegene Königsdorf und erst jetzt fühlten wir uns mit vollem Bewusstsein frei.“

Anfang Juni, nachdem sie wieder halbwegs zu Kräften gekommen waren, nahmen Werner Groß und seine zwei Begleiter Abschied aus Königsdorf. „Sie haben zusammen den Bus nach München genommen.“ Das Leben begann für alle von vorne. Otto Trinkl kehrte nach München zurück und verkaufte an der Goethestraße Vespas. Die ältere Schwester Eva wurde Lehrerin in Schwabing, die jüngere Schwester Rosmarie ging nach Stuttgart. Lore Jarsch heiratete und kam Anfang der 1960er Jahre nach Geretsried. Der Hof in Königsdorf ist noch im Besitz der Familie, er gehört der Enkelin von Lore Jarsch, die demnächst zum 5. Mal Urgroßmutter wird. Inzwischen ist es ein normales Wohnhaus. Die Zeitzeugen von damals sind alle verstorben. Auch ein Grund, warum sie ihre Geschichte unbedingt noch erzählen will.

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Werner Groß schrieb nach seiner Rückkehr den eindrucksvollen Artikel „Todesmarsch in die Berge!“ Er engagierte sich sofort für die Aufarbeitung der NS-Zeit, womit er sich viele Feinde machte. Er unterstützte die Entnazifizierung, kandidierte für den Gemeinderat und leitete im November 1945 die erste örtliche Gedenkfeier für die Opfer des NS-Regimes. Am 29. November 1950 rammte ein Auto das Motorrad von Werner Groß, er war sofort tot. Die genauen Umstände wurden nie aufgeklärt.

Werner Groß
Das Leben von Werner Groß ist intensiv erforscht worden. Zu empfehlen ist das Buch von Joachim Schlör: „In einer Nazi-Welt lässt sich nicht leben.“ Werner Groß – Lebensgeschichte eines Antifaschisten. Tübinger Verein für Volkskunde, 261 Seiten. Auch die Internetseite www.gedenken-nt.de ist sehr informativ.

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