Das unter Wasser stehende Grundstück
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Land unter: Bei Starkregen wird das Grundstück der Weinbuchners überschwemmt.

Starkregen in Königsdorf

Schon wieder Hochwasseropfer: Nach Superzellen-Entladung geht der Schaden einer Familie weit ins Fünfstellige

  • VonPeter Borchers
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Eine Superzelle mit Hagel und Starkregen entlud sich über Königsdorf. Und das Haus der Familie Weinbuchner soff ab - schon wieder. Sie fühlen sich allein gelassen.

Königsdorf – Eine der Eigenschaften von Wasser ist: Es fließt der Schwerkraft folgend von oben nach unten. In Königsdorf, das so pittoresk auf einem eiszeitlichen Moränenhügel thront, sorgt diese Physik bei Starkregen-Ereignissen zunehmend für Probleme: In viele Häuser schwappt dann das Wasser, das die versiegelten Böden nicht mehr aufnehmen. Heikle Wohnlagen gibt es einige in der Gemeinde, buchstäblich ganz tief in der Bredouille stecken Georg und Monika Weinbuchner.

Auf allen vier Seiten fällt das Gelände in Richtung ihres Hofs an der Osterhofener Straße 26 ab. Öffnet der Himmel seine Schleusen weit, sammelt sich das Wasser in dieser Senke – zuletzt geschehen am Abend des 25. Juli.

Superzelle richtete enormen Schaden an

An jenem Sonntag entlud sich eine Superzelle mit Hagel und Starkregen über Teilen Königsdorfs (wir berichteten). „Surreal schnell innerhalb von Minuten standen wir unter Wasser“, erzählt Georg Weinbuchner. „Schon fünf oder sechs Mal sind wir in den vergangenen zehn Jahren abgesoffen“, schiebt seine Frau hinterher. Diesmal drangen die Fluten über die Kellerschächte ins Haus, im Souterrain stand das Wasser fast zwei Meter hoch. Die Fenster, die Sauna, Hobbyraum, Heizung, die Waschküche mit den elektrischen Geräten, aber auch Dinge von ideellem Wert wie Familienalben und alte Bücher – alles ist zerstört.

Haus im See: Georg Weinbuchner zeigt an, wie hoch beim Unwetter am 25. Juni das Wasser vor der Tür stand.

Das Wasser entfaltete eine enorme Kraft, riss einen Türstock heraus und drehte einen 350 Kilogramm schweren Billardtisch um wie eine Styroporplatte. Die Gutachterin der Hagelversicherung, die einen Blick in die Kellerräume warf, habe den Schaden auf „50 000 Euro plus x“ taxiert, sagt Weinbuchner. Diese Summe muss er aus eigener Tasche berappen, denn die Hagel-Assekuranz greift hier nicht. „Und gegen Elementarschäden versichert uns in dieser Wohnlage leider niemand.“ Doppelt tragisch: Für 20 000 Euro hatte der 58-Jährige acht komplett abdichtbare Kellerschachtabdeckungen bestellt. Geliefert und eingebaut wurden sie erst zwei Wochen nach dem Unwetter. Abgesehen vom finanziellen Schaden ist auch die nervliche Belastung immens: „Das ist kein Leben mehr“, sagt Weinbuchner und streichelt seiner Frau über die Schulter. „Die Moni fängt inzwischen zu zittern an, wenn am Himmel dunkle Wolken aufziehen.“

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Die Hilfsbereitschaft war überwältigend

Geholfen haben der Familie viele Menschen in den ersten schweren Tagen. „Die Feuerwehr mit 20 Mann hat großartig gearbeitet“, sagt Monika Weinbuchner. Der Elektriker kam trotz einer Familienfeier um 18 Uhr und ging erst um 1.30 Uhr – als die Familie wieder Strom hatte. Ein Sanitärunternehmen aus Otterfing, den Kontakt hatte ein Feuerwehrler vermittelt, stellte eine Notheizung zur Verfügung – kostenlos. Wildfremde Menschen fragten, ob sie helfen können. Sogar Urlaubsgäste – das Ehepaar vermietet zwei Ferienwohnungen – ließen sich nicht vom Kommen abhalten und räumten mit auf. „Nur von der Gemeinde kam nix, gar nix.“

Familie ist sicher: Die Gemeinde trägt die Hauptschuld an der Misere

Dabei trägt die nach Ansicht der Weinbuchners die Hauptschuld an der Misere. Gebaut haben sie das Haus 1990 – und das um 30 Zentimeter angehoben im Vergleich zum Elternhaus, das sie dafür abrissen. Noch höher, das habe man ihnen nicht erlaubt. „In dem alten Haus hat es übrigens nie Schwierigkeiten mit Hochwasser gegeben“, beteuert der 58-Jährige. Massiver wurde das Problem erst mit dem Bau der Osterhofener Straße vor 20 Jahren. Weinbuchner drängte damals darauf, „dass die Straße 30 Zentimeter tiefer gelegt wird, damit ich hier keine Probleme bekomme. Aber da war nichts zu machen.“ Seit etwa zehn Jahren trennt gegenüber von seinem Hof eine 30 Zentimeter hohe Betonwand die Straße von einer Neubausiedlung, „damit wurde es ganz schlimm“. Wie ein Staudamm leitet die Mauer die von Osten und Westen herabschießenden Fluten auf das Grundstück der Weinbuchners. Folglich laufe das Wasser nicht nur über die Kellerschächte, sondern auch über die – erhöht liegende – Haustür in die Wohnung. Noch etwas ärgert den 58-Jährigen: 20.000 Euro hat er im Rahmen der damals noch geltenden Straßenausbaubeitragssatzung für die Errichtung der Osterhofener Straße hinblättern müssen, „und dieser Beitrag beinhaltet eigentlich eine funktionierende Straßenentwässerung. Dafür ist allein die Gemeinde verantwortlich, nicht wir Anlieger.“

Monika Weinbuchner im zerstörten Keller, der bis zu eineinhalb Meter überflutet war.

Bürgermeister Rainer Kopnicky und Geschäftsleiter Andreas Baumann hätten sich die Schäden am Tag nach dem Unwetter angesehen, sagt Georg Weinbuchner. Konkretes habe der Besuch aber nicht ergeben. Aus dem Gemeinderat habe sich niemand blicken lassen. Die Weinbuchners fühlen sich im Stich gelassen. Im Rathaus wisse man „seit 20 Jahren, dass die Straße nicht richtig entwässert wird. Aber es passiert nichts.“ Dem 58-Jährigen fällt dazu der Satz eines langjährigen Gaißacher Kommunalpolitikers ein. Der hatte einmal gesagt: „Solidarität in einem Dorf fängt im Rathaus an.“

Weinbuchner möchte finanzielle Unterstützung von der Gemeinde

Schon nach dem ebenfalls heftigen Hochwasser am 2. Juli 2020 hatte das Ehepaar die Initiative ergriffen, lud die Gemeinderäte zur Ortsbesichtigung ein und bot an, dass die Kommune „auf unserem Grund ein tiefes Absetzbecken bauen kann mit einem großen Überlauf in Richtung B11/Niederhamer Straße“. Georg Weinbuchner verhandelte mit den zwei Nachbarn, über der Grund der Ablauf führen sollte. „Ich hatte alles spruchreif. Die Gemeinde hätte es nur genehmigen müssen.“ Hat sie aber nicht. Jetzt will er einen Antrag auf finanzielle Hilfe stellen, der öffentlich im Gemeinderat behandelt werden soll.

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Rainer Kopnicky versteht, „dass die Nerven der Familie blank liegen und dass sie eine schnelle Lösung will“. Die aber gebe es nicht, sagt der Rathauschef. Die Entwässerung an der Osterhofener Straße sei nach dem Stand der Technik auf ein fünfjähriges Hochwasser ausgerichtet worden. Rigolen konnte man damals nicht so groß bauen, um Wassermengen, wie sie mittlerweile innerhalb kurzer Zeit vom Himmel fallen, aufnehmen zu können. Hinzu komme, dass Hagelkörner die Gullys ruckzuck verstopfen. „Mir soll mal einer erklären, wie wir das auf die Schnelle in den Griff bekommen können.“ Kopnicky ist allerdings bewusst, „dass wir dringend etwas tun müssen“. Genau deshalb habe die Gemeinde Anfang des Jahres eine Fachfirma mit der die Erstellung eines Konzepts zum Hochwassermanagement beauftragt. „Aber es dauert, bis das fertig ist.“

Finanzielle Unterstützung für eine Familie? Der Bürgermeister findet das problematisch

Die Frage, ob man die Weinbuchners finanziell unterstützen soll, hält der Bürgermeister für „problematisch“. Erstens brauche es dazu einen Beschluss des Gemeinderats. Zudem müsse geklärt sein, ob die Schuld tatsächlich bei der Gemeinde liegt. Ebenfalls ungeklärt: „Aus welchem Topf sollten wir das Geld nehmen?“ Abgesehen davon müsste man dann alle Hochwasseropfer entschädigen, „schon aus Gleichheitsgründen“. Auf ihre Anfrage, ob aus dem staatlichen Hochwasserfonds Entschädigungen zu erwarten seien, habe die Verwaltung übrigens eine Absage erhalten, erzählt Kopnicky. „In diesen Genuss kommen die Landkreise Traunstein, Rosenheim, Berchtesgaden-Land und sogar Miesbach, nicht aber der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Warum unsere Nachbarn dabei sind, nicht aber wir, konnte man uns nicht erklären.“

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Georg Weinbuchner hat in seiner Verzweiflung unterdessen den CSU-Landtagsabgeordneten und Stimmkreisabgeordneten Martin Bachhuber um Unterstützung gebeten. „Irgendetwas muss ich ja tun, sonst werde ich verrückt.“

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