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Gemeinsam ran an den Speckstein: Ihre Kreativität zeigen (linke Seite, von vorne) Romal (8), Darwin (9), (re. Seite, v. vorne) Ahmed (10), Lewi (10), Siwa (10), Lioba (10) und Rufus (8). Betreuer Adrian (17) hilft, wenn es Fragen gibt.

Zeltlager der evangelischen Dekanatsjugend

„Integration läuft hier von selbst“

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Königsdorf - Gemeinsam basteln, sporteln, Abenteuer erleben: Für die Kinder, die am Zeltlager der evangelischen Dekanatsjugend in Königsdorf teilnehmen, ist in den Pfingstferien vieles geboten. Mit dabei sind diesmal auch junge Flüchtlinge.

Konzentriert feilt Ahmed an einem Speckstein. Noch die Ecken etwas abrunden, dann ist das Meisterwerk fertig. „Das ist ein Fernseher“, sagt der Zehnjährige aus Syrien und grinst. Neben ihm hat Levi (10) einen Würfel aus dem Stein geformt. „Ich mach’ noch die fünf drauf“, sagt der Bub aus dem Landkreis Miesbach und bohrt mit einem kleinen spitzen Werkzeug fünf Punkte in den Stein. Auch der gleichaltrige Siwa zeigt stolz einen Umhänger, den er gefertigt hat. Auf der einen Seite hat der junge Syrer den Anfangsbuchstaben seines Namens geritzt, auf der anderen den letzten. Romal (8) aus Afghanistan ist mittlerweile fertig mit seinem Speckstein, er ist bei der Knetmasse angekommen und formt eine große Kugel.

„Integration läuft hier von selbst“, sagt Marion Münsterer und lacht. Die Diakonin betreut die Jugendfreizeit, die die evangelische Dekanatsjugend Tölz jedes Jahr anbietet. Heuer ist etwas anders: Zum ersten Mal ist eine größere Gruppe an Flüchtlingskindern dabei. „Wir haben es letztes Jahr mal im Kleinen versucht“, sagt Dieter Hoff vom Dekanat. „Es war toll, daher wollten wir es heuer noch breiter aufstellen.“ Über die Helferkreise nahm das Dekanat Kontakt auf, und die Resonanz war riesig. Obwohl sich die Kinder zum großen Teil nicht kannten, baute sich sofort eine positive Stimmung auf. „Es gibt überhaupt keine Berührungsängste“, sagt Münsterer. „Es macht sehr viel Spaß hier mitzuarbeiten und zu sehen, wie die Kinder als Gruppe durchstarten“, sagt die 17-jährige Sophia aus Lenggries, die als Helferin mit dabei ist.

Die Resonanz war riesig

Unter dem Motto „Reise durch die Zeit“ geht es von der Steinzeit mit Höhlenmalerei und Specksteinkunst bis hin zu einer Olympiade. Dabei gibt es vormittags meist ein Bastelangebot, nachmittags sportliche Betätigung. Sprachlich haben die Kinder aus Syrien und Afghanistan praktisch keine Probleme. „Nur zwei sprechen erst wenig Deutsch, aber für sie übersetzen dann die anderen Kinder“, sagt Münsterer. „Notfalls kommunizieren wir mit Händen und Füßen – auch das funktioniert.“

Für die Kinder sei die Zeltfreizeit die Möglichkeit, mal rauszukommen und andere Kontakte zu pflegen, sagt Hoff. Die Dekanatsjugend unterstützt sie ebenso wie alle anderen Kinder aus sozial schwächer gestellten Familien finanziell, damit sie teilnehmen können. Für die Eltern sei es oft schwieriger, ihre Kinder eine Woche lang nicht zu sehen. Münsterer berichtet von einer Begebenheit im vergangenen Jahr: „Wir hatten zwei Flüchtlingskinder dabei, die in Lenggries untergebracht waren.“ An einem sehr heißen Vormittag stand plötzlich ein fremder Mann auf dem Zeltplatz und schaute hilfesuchend. „Es stellte sich heraus, dass es der Papa der beiden Buben war und er extra mit dem Radl nach Königsdorf gefahren war, weil er sehen wollte, ob es ihnen gut geht.“ Als er merkte, wie gut es seinen Kindern gefiel, sei er glücklich wieder zurückgeradelt.“

Mittlerweile haben einige der Buben mit dem Basteln im großen Gemeinschaftszelt aufgehört und toben mit einem Fußball über das Zeltgelände. Siwa aber beschäftigt sich weiter mit einer Specksteinarbeit – mittlerweile ist der Zehnjährige von oben bis unten weiß vom Steinstaub. „Mir gefällt es gut hier“, sagt er.

Stolz zeigt er ein Aquarium aus einer Schuhbox, das er heute Vormittag gefertigt hat. „Das hier sind Fische, auf diesem Stein sitzt ein Krebs.“ Schnell verstaut er seinen Schatz wieder in seinem Zelt. Und schon ist er wieder hochkonzentriert dabei, seinen Speckstein-Anhänger fertig zu stellen.

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