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Hobby-Astronom Enrico Enzmann verliert sein Haus beim Vulkanausbruch auf La Palma

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Von: Peter Borchers

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Vulkanausbruch La Palma
Urgewalt: Seit dem 19. September schießen aus einem Vulkan auf der Kanareninsel La Palma Tonnen von Asche und flüssigem Gestein. © Enzmann

Hobby-Astronom Enrico Enzmann besaß eine kleine Finca auf La Palma, um die Sterne beobachten zu können. Dann bebte die Erde und begrub alles unter sich.

Königsdorf/La Manchas – Enrico Enzmann liegt allein im Schlafzimmer seines Ferienhauses in der Gemeinde La Manchas. Es ist der 13. September, fünf Uhr früh. Erst eine Stunde zuvor war der 59-Jährige nach vielen Stunden der Himmelsbeobachtung ins Bett gegangen. Plötzlich erzittert das Haus, Enzmann ist auf einen Schlag hellwach. „Du kannst noch so tief schlafen, aber bei einem Erdbeben schießt sofort Adrenalin ein. Das muss ein Urinstinkt sein“, sagt er.

Vulkanausbruch auf La Palma: Enrico Enzmann verliert sein Haus und sein Teleskop

Mehrmals bebt die Erde an den folgenden Tagen. Eigentlich will der Königsdorfer noch bis zum 22. September, dem Tag vor dem Geburtstag seiner Silke, auf La Palma bleiben. Das astronomische Wetter ist jedoch nicht so, wie es Sternengucker sich wünschen. Also bucht er spontan um, bekommt für den 15. September einen Rückflug. Weil die Zeit sehr knapp ist, lässt er alles stehen und liegen. Auch astronomisches Equipment – nicht mehr erhältliche Filter und einige Kameras –, mit dem er gewöhnlich zwischen seinen Sternwarten in der bayerischen Heimat und auf der Kanareninsel hin und her pendelt, bleibt zurück. Vier Tage später bricht der rund 900 Meter hohe Vulkan etwa 2,4 Kilometer vom Haus entfernt aus.

Enrico Enzmann, Amateur-Astronom aus Königsdorf.
Enrico Enzmann, Amateur-Astronom aus Königsdorf. © Enzmann

Eine Nervenschlacht entbrennt. Die Enzmanns, nach 16 Jahren auf La Palma dort bestens sozialisiert, halten ständigen Kontakt mit Nachbarn und Freunden. Die erzählen ihnen, dass sich ein Lavastrom in Richtung ihres Hauses wälzt. Drohnenaufnahmen dokumentieren dieses Schauspiel. Vier Tage bangen sie. „Wir haben gehofft, dass die Lava oberhalb unseres Hauses stoppt oder sich vielleicht teilt“, sagt Enrico Enzmann. Irgendwo liest er, die Chance, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, sei deutlich größer, als sein Haus bei einem Vulkanausbruch zu verlieren. Der speiende Krater aber schert sich nicht um Wahrscheinlichkeitsrechnungen: Am 24. September verschlingt ein meterdicker, glühender Gesteinsbrei die weiße 120-Quadratmeter-Finca. Der träge Fluss stoppt erst an der Grundstücksgrenze, ein paar Palmen lässt die erbarmungslose Naturgewalt stehen.

Wie gelähmt sitzen die Enzmanns daheim in Königsdorf. „Wir haben zeitweise geheult wie die Schlosshunde“, sagt Enrico Enzmann. Der materielle Schaden ist enorm: Haus, Garten und Sternwarte sind begraben unter einer Lavadecke, so dick, dass sie mehrere Jahre zum Auskühlen benötigt. Erst wenige Wochen zuvor hatte Enrico Enzmann zwei neue Teleskope installieren lassen.

„Consorico“-Klausel tritt in Kraft

Ob und wie viel die Assekuranz zahlt, steht – welch ein Treppenwitz – in den Sternen. Auf den Kanaren decken selbst in Elementarversicherungen – eine solche besitzen die Enzmanns im Gegensatz zu den meisten Einheimischen – Vulkanausbrüche nicht ab. So jedenfalls lautet die erste Aussage ihres Maklers. Spannend wird es nach dem Tipp, den sie von der Frau ihres IT-Spezialisten erhalten. Das spanische Versicherungsrecht birgt eine sogenannte „Consorcio“-Klausel. Sie tritt in Kraft, wenn die Regierung den Katastrophenfall ausruft.

Das tut sie am 21. September – was laut Enrico Enzmann „schon einmal gut für uns ist“. Die neuen Nachbarn haben weniger Glück: Ihr Haus hat die Lava U-förmig umschlossen, es ist nicht mehr erreichbar. Da es nicht kaputt ist, greift hier die Consorcio-Klausel nicht. Verrückt: Vor wenigen Monaten waren die Enzmanns drauf und dran, dieses Haus für ihre Kinder zu kaufen, um das Familiendomizil etwas zu erweitern. Letztlich war es ihnen zu teuer.

Luftaufnahme La Palma, verschüttetes Wohnhaus von Enrico Enzmann
Die kleine Finca der Familie Enzmann auf La Palma ist vom Erdboden verschwunden. Das auf dem Foto zu sehende Haus der Nachbarn ist mehr bewohnbar. Oben rechts: Ein erloschener Vulkankegel. © Privat

„Jede Kerbe im Esstisch hat eine Geschichte erzählt“

Der materielle Verlust ist das eine, der emotionale Schmerz das andere. Die Familie hat jede Menge Herzblut und Arbeit in ihr im Jahr 2005 gekauftes Häuschen gesteckt. „Jede Kerbe im Esstisch hat eine Geschichte erzählt“, sagt Silke Enzmann, und ihre Augen schimmern feucht. Sie alle seien dort heimisch geworden – „und meine Töchter gesund“. Beide hätten in früher Kindheit unter Atemwegsproblemen gelitten. „Bevor sich ein chronisches Asthma entwickelt, riet uns der Arzt, mit ihnen möglichst oft ans Meer zu fahren.“ Dies und die Leidenschaft ihres Mannes für die Astronomie hätten letztlich den Ausschlag gegeben, sich auf La Palma niederzulassen.

Gleichwohl wissen die Enzmanns, dass es ihnen gut geht. Sie sind gesund, besitzen ein Dach über dem Kopf. Viele andere – darunter Freunde und Bekannte – haben das nicht mehr. La Palma habe etwa 80 000 Einwohner, 2600 Häuser seien zerstört, sagt Silke Enzmann. „Wenn man davon ausgeht, dass eine durchschnittliche kanarische Familie mit vier bis fünf Personen in einem Haus lebt, haben 10 000 Menschen ihre Bleibe verloren. Das ist etwa ein Achtel der Bevölkerung.“ Ihr Mann ergänzt: „Wir kennen einen Bauunternehmer, der hat sein Wohnhaus, seine kleine Firma mit Gerätschaften und Fahrzeugen und vier kleine Ferienhäuser, die er vermietete, verloren – also seine gesamte Existenz.“ Auch der Gärtner, der sich in ihrer Abwesenheit ums Anwesen kümmerte, hat keinen Job mehr. „Alle Häuser seiner Kunden sind weg“, so der 59-Jährige, „er weiß nicht, ob er seine beiden Söhne weiterhin auf Teneriffa studieren lassen kann.“ Und welchen Spätfolgen die Bevölkerung durch giftige Gase und die mit scharfkantigen Aschepartikeln durchsetzte Atemluft ausgesetzt ist, wisse auch noch niemand.

Jupiter, aufgenommen vom Teleskop von Enrico Enzmann
Sensationelles Foto: Dieses Bild vom Jupiter schoss Enrico Enzmann kurz vor der Katastrophe auf La Palma. Für ihn ist es wie ein Vermächtnis. © Enzmann

Wie man den Betroffenen helfen kann? Die Insel lebe nur von zwei Dingen: Bananen und Tourismus, sagt Enrico Enzmann. Viele Plantagen seien zerstört. „Am besten wäre es, die Urlauber kämen auch weiterhin nach La Palma.“ Auch sie selbst würden gerne auf der Insel bleiben, sich dort ein neues Häuschen bauen – allerdings im vulkanisch weniger aktiven Norden. Doch dort bezahlbaren und geeigneten Baugrund zu finden, ist nicht leicht. Schon wegen der Corona-Pandemie hätten die Preise deutlich angezogen, weiß der 59-Jährige, „und jetzt, wo viele Menschen neuen Wohnraum brauchen, wird es sicher noch schwieriger“.

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Enrico Enzmann zieht ein Foto aus einer Mappe. Es ist nur wenige Tage vor der Katastrophe in seiner nun verschütteten Sternwarte entstanden und zeigt den Jupiter. Selbst Profi-Astronomen bewerten es in seiner Detailtreue als eine der besten Aufnahmen des Planeten, die jemals von der Erde aus gemacht worden ist. „Es ist wie ein Vermächtnis“, sagt er nachdenklich.

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