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Jung und zu allem bereit: In den Lagern für Displaced Persons, etwa in Föhrenwald, wurden viele junge Kämpfer für den neuen Staat Israel rekrutiert. Trainiert wurde unter anderem in der Jugendsiedlung Hochland. Also dort, wo einst die Hitlerjugend und der Bund Deutscher Mädels auf die NS-Ideologie eingeschworen worden waren.

Buch „Als die Juden nach Deutschland flohen“

Jugendsiedlung Hochland: Dort wurde für den Kampf ums Gelobte Land trainiert

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Das neue Buch „Als die Juden nach Deutschland flohen“ zeigt, wie in der Jugendsiedlung Hochland nach 1945 für den Palästina-Krieg trainiert wurde. Wir haben mit einem der beiden Autoren gesprochen. 

Königsdorf – Im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch ist im vergangenen Jahr ein 350 Seiten starkes Buch erschienen, das sich mit der deutschen und speziell bayerischen Nachkriegsgeschichte befasst. „Als die Juden nach Deutschland flohen“, heißt der Titel. Tatsächlich, es gab eine Zeit, in der Juden nicht aus Deutschland, sondern nach Deutschland flohen. Das war nach 1945, als sich Tausende von Juden vor allem in Polen auf den Weg machten, um im einstigen Hitler-Deutschland den Schutz der Amerikaner zu genießen. Das ist die eine These des Buches. Die andere: In vielen Lagern, etwa der Jugendsiedlung Hochland, wurden Kämpfer für den bevorstehenden Krieg mit Palästinensern ausgebildet. Darüber sprach Volker Ufertinger mit einem der beiden Autoren, Hans-Peter Föhrding (66), Freier Journalist in Berlin.

-Herr Föhrding, am 14. Mai 1948 hat David Ben Gurion den Staat Israel ausgerufen. Was hat das mit der Jugendsiedlung Hochland zu tun?

Nur einen Tag nach der Staatsgründung erklärten fünf arabische Nachbarstaaten Israel den Krieg. Ben Gurion hatte diese militärische Auseinandersetzung vorausgesehen. Der neue jüdische Staat brauchte daher dringend Soldaten zur Verteidigung. In der Jugendsiedlung Hochland wurden junge Menschen aus den umliegenden Lagern jüdischer Holocaust-Überlebender aus Osteuropa, die die UNO als Displaced Persons (DPs) bezeichnete, paramilitärisch ausgebildet. Und viele davon kamen später nach ihrer Auswanderung in der neuen israelischen Armee zum Einsatz. Sie haben im Unabhängigkeitskrieg, der bis Mitte 1949 dauerte, tapfer für ihr heiß ersehntes Gelobtes Land gekämpft und dabei auch beachtlichen Blutzoll geleistet.

-Es gibt das Zitat des deutsch-israelischen Historikers Dan Diner, dass die Wiege des Staates Israel in Bayern gestanden hat. Stimmen Sie zu?

In der Region München waren, unter dem Schutz der US-Besatzungsmacht, weit über ein Drittel der rund 250.000 bis 300.000 vor Pogromen geflohenen Juden in DP-Lagern untergebracht. München galt als heimliche Hauptstadt dieser Flüchtlinge. Doch diese Menschen saßen in den ersten Nachkriegsjahren in ihren Camps fest, da sie nicht auswandern konnten, denn zunächst wollte sie niemand haben. Dadurch vergrößerte sich der politische und diplomatische Druck auf die Staatengemeinschaft, für diese Flüchtlinge eine neue Heimstatt zu finden. Diners etwas überspitzte These von der Wiege in Bayern bringt dies zum Ausdruck. Aber viele Historiker sehen heute, dass die DP-Lager in Bayern ein wichtiger Hebel zur Gründung Israels waren. Ben Gurion wusste das Schicksal der osteuropäischen Flüchtlinge in Deutschland für seine Ziele zu instrumentalisieren.

-Die Jugendsiedlung war, wie es in Ihrem Buch heißt, zwischen 1936 und 1945 eine „braune Ertüchtigungsanstalt“ für die Hitler-Jugend (HJ) und den Bund Deutscher Mädels (BDM). Wie ging es nach dem Krieg weiter?

Die amerikanische Militäradministration beschlagnahmte überall NS-Einrichtungen und Gebäude von braunen Parteigängern sowie Nazi-Sympathisanten, und dort quartierte sie häufig gerade Opfergruppen ein. So geschehen mit der Siedlung Föhrenwald, die für Beschäftigte der Munitionsfabrik in Geretsried gebaut worden war. Daraus entstand bekanntlich ein rein jüdisches Lager. Ebenfalls traf es das Hotel Schloss Elmau, einige Jahre Sanatorium für kranke Juden aus dem DP-Camp Feldafing. Die Jugendsiedlung gehört in den Rahmen dieser Umwidmungen.

-Warum war das Gelände der Jugendsiedlung so gut geeignet für die Kriegssimulation?

Das Lager zeichnete sich durch zwei Vorteile aus: Es lag inmitten eines Waldes und bot auf diese Weise einen natürlichen Schutz für neugierige Blicke von außen. Die etwas hügelige Landschaft, auch mit Zugang zur Isar, eignete sich ideal für praktische Trainings von erwarteten künftigen Militäreinsätzen.

-Von wann bis wann wurden dort Kämpfer ausgebildet?

Hans-Peter Föhrding: Freier Journalist in Berlin.

Zunächst diente die Hochlandsiedlung als Kibbuz, also einem landwirtschaftlichen Kollektiv. Sie war dem nahen DP-Lager Föhrenwald unterstellt. Die paramilitärische Ausbildung begann im Frühjahr 1946 und dauerte bis zum Herbst 1948. Organisiert wurde das Training vornehmlich von entsandten Angehörigen der Hagana, der Untergrundarmee des Jischuw, wie man die jüdische Gemeinschaft in Palästina bezeichnete. Sie kamen mit dem Auftrag nach Deutschland, Militär-Nachwuchs zu rekrutieren.

-Wie muss man sich solche paramilitärischen Übungen praktisch vorstellen?

Die Übungen umfassten ein volles Programm: von praktischer Unterweisung in Waffenkunde, Schießübungen (heimlich in einem Keller), Exerzieren, Nahkampf, Selbstverteidigung, auch Schulung auf dem Wasser der Isar. Am Ende der mehrwöchigen Kurse schworen die Teilnehmer den Eid als künftige Offiziere – auf eine Bibel und eine Pistole. Auch ein Kurs mit weiblichen Anwärtern kam zustande.

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-Sowohl in Föhrenwald als auch in der Jugendsiedlung hatten die Amerikaner das Sagen. Waren Sie mit den Übungen einverstanden?

Militärähnliche Übungen standen nach US-Besatzungsrecht eigentlich unter Strafe, auch der Gebrauch scharfer Waffen. Aber die Behörden der US-Army, die den Juden in ihren Camps eine weitgehende Selbstverwaltung eingeräumt hatten, unternahmen offiziell nichts gegen die getarnten martialischen Aktivitäten im Busch. Sie ließen es einfach geschehen. Allerdings blieben sie durch Geheimdienstberichte stets darüber im Bilde, was sich vermeintlich ungesehen abspielte. So konnte es auch geschehen, dass in vielen DP-Lagern unter dem Etikett „Sport“ bereits militärischer Drill unter jungen Juden betrieben wurde.

-War David Ben Gurion je in Königsdorf? In anderen DP-Lagern hat er sich ja ein Bild gemacht.

Ben Gurion kam bei seinen Reisen durch mehrere DP-Camps 1945 und 1946, auch nach München, aber nicht nach Föhrenwald. Als Chef der Jewish Agency lag ihm bei seinen charismatischen Reden besonders daran, viele jüdische Flüchtlinge von der Auswanderung nach „Eretz Israel“, eben ins Gelobte Land, zu überzeugen. Er fand enormen Zuspruch bei seinen Auftritten, denn viele seiner Zuhörer sahen in ihm geradezu einen „Messias“.

-Auf welche Quellen haben Sie bei Ihrer Recherche zurückgegriffen?

Bei unseren Recherchen zum Thema haben wir auf umfangreiches Material in der Literatur zurückgreifen können, auch Bestände in vielen Archiven, darunter das Wolfratshauser Stadtarchiv, wo wir übrigens auch alte Ausgaben des Isar-Loisachboten ausgewertet haben. Außerdem führten wir Gespräche mit 26 Zeitzeugen sowie Fachleuten in Deutschland und Israel. Bei dem Thema Ausbildung jüdischer Soldaten stützen wir uns auf wertvolle Studien des Nürnberger Historikers und Forschers Jim G. Tobias.

-Waren Sie für Ihre Recherche auch vor Ort, in Waldram und in der Jugendsiedlung?

Zusammen mit meinem Partner Heinz Verfürth gingen die Recherchen für das Buch über zwei Jahre. Natürlich führte uns das auch nach Bayern und speziell nach Föhrenwald, dem heutigen Waldram. Etliche Gespräche mit Kennern der Szene, Anwohnern und Zeitzeugen rundeten allmählich das Bild.

Das Buch

Hans-Peter Föhrding, Heinz Verfürth: Als die Juden nach Deutschland flohen. Ein vergessenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte, Kiepenheuer & Witsch, 24 Euro. vu

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