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So funktioniert der Huabahof von Franz-Xaver Demmel

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Von: Volker Ufertinger

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Franz-Xaver Demmel, Biobauer aus Königsdorf
Technikaffiner Bio-Bauer: Franz Xaver Demmel erfasst sämtliche Daten, die seinen Hof betreffen. © Molkerei Berchtesgadener Land

Der Huabahhof in Schönrain ist ein extrem spannendes Projekt. Hier erprobt Landwirt Franz-Xaver Demmel vieles, was die Landwirtschaft in eine gute Zukunft führen könnte.

Königsdorf – Fräulein Schmidt ist eine glückliche, weil selbstbestimmte Kuh. Sie kann fressen, schlafen oder auf die Weide gehen, wann immer sie will. Möglich macht das ein Transponder, der das Tor nach draußen öffnet. Und wenn das Euter voll ist, spaziert das Tier einfach zum Melkroboter. Den Rest erledigt die Technik, die am Huabahof in Schönrain eine große Rolle spielt. Auch die TU München und die Hochschule Weihenstephan haben daran mitgewirkt, dem Tier dieses angenehme Leben zu ermöglichen.

Fräulein Schmidt und Landwirt Franz Xaver Demmel (51) haben ein besonderes Verhältnis zueinander. An ihrem Wohlergehen liegt ihm sehr – wie an dem aller anderen 80 Milchkühe. Das immense Know-how, das an diesem Biohof verbaut ist, dient vor allem drei Zielen. „Unsere Kriterien sind das Tierwohl, eine hochgradige Umweltverträglichkeit bei maximaler Produktion“, sagt Demmel. Damit das gelingt, helfen Frau Gerlinde, Tochter Kathi (20) und Sohn Xaver (23) kräftig mit.

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Der Hof hat in den vergangenen Monaten ein gewisses Aufsehen erregt, weil er der Landwirtschaft den Weg in eine bessere Zukunft weisen könnte. Im Wahlkampf schauten etwa Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Bundestagsabgeordneter Alexander Radwan (CSU) vorbei – und waren ziemlich beeindruckt. Ende Oktober wurde genau hier das Projekt „Zukunftsbauer“ der Öffentlichkeit vorgestellt, eine Kooperation von Penny und der Molkerei Berchtesgadener Land, die das Ziel hat, möglichst viele Höfe energetisch zu ertüchtigen. Bei dieser Gelegenheit sagte der Vorzeigelandwirt: „Entweder finden wir als Leuchtturmprojekt Nachahmer oder wir enden als Mahnmal einer gescheiterten bäuerlichen Landwirtschaft.“

Die Solaranlage produziert 300.000 Kilowattstunde im Jahr

Tatsächlich erprobt Demmel vieles, über das sich nachzudenken lohnt. Da wäre zum Beispiel die große Solaranlage auf dem Dach, die 300 000 Kilowattstunde Strom pro Jahr produziert. „Wir greifen jeden Sonnenstrahl ab“, erzählt der ehemalige Eishockey-Profi, der den Hof in zehnter Generation betreibt. Das macht ihn vom Stromnetz unabhängiger, zur völligen Autarkie fehlt nicht viel. Mit dem Strom wird der weitgehend elektrische Fuhrpark betrieben. Auch die Energie für die Melkanlage, die Fräulein Schmidt regelmäßig in Anspruch nimmt, stammt aus den Solarzellen. Der Landwirt schätzt ab: Der Strom, den 10.000 Höfe nach Schönrainer Vorbild herstellen könnten, entspricht in etwa der Leistung der Kernkraftwerke Isar I und II. Diese große Leistung wäre für Lastspitzen im Netz stundenweise verfügbar.

Stall Huabahof Schönrain
Klimaneutrale Rinderhaltung ist das Ziel am Huabahof in Schönrain. © Molkerei Berchtesgadener Land

Auch beim 2019 errichteten Milchviehstall hat Demmel neben dem Tierwohl den Umweltschutz im Auge gehabt. So wurden für Dach und Fassade Fichten- und Lärchenholz verwendet, um möglichst viel CO2 zu binden. „Wir streben eine klimaneutrale Rinderhaltung an“, so der umtriebige Landwirt. Diesem Ziel dient auch der spezielle Stallboden. Unter dem Beton befinden sich Gummiklappen mit einem schmalen Schlitz, die sich nur dann öffnen, wenn die Gülle kommt. Danach zieht sich der Gummi wieder zusammen. So gelangen nur wenig Emissionen in den Stall. Das Ergebnis: Etwa 60 Prozent weniger Ammoniak-Emissionen. Weiterer positiver Effekt: Die Klauen der Kühe bleiben gesund. Billig war das nicht, die 90 000 Euro waren das Dreifache des normalen Preises. „Aber das war es uns wert. Für unsere Tiere und die Umwelt.“

Von Klima- bis Artenschutz: Der Landwirt ist ein Allrounder

Das Gehirn des Huaba-Hofs befindet sich direkt über dem Kuhstall. Über ein Energie-Management-System (EMS) organisiert der Landwirt die Energieversorgung auf dem ganzen Hof. Durch die zentrale Steuerung lässt sich etwa verhindern, dass zu viele Großverbraucher – etwa E-Fahrzeuge – gleichzeitig am Strom hängen. Bald sollen sogar die Wetterverhältnisse berücksichtigt werden. Auf der Pinnwand steht ein Satz, der zeigt, dass in der Bevölkerung noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist: „Es ist schwer, andere Menschen die Größe von Dingen klarzumachen, die ihnen gering erscheinen.“

Der Landwirt selbst versteht sich als Vertreter einer interdisziplinären Landwirtschaft. Wenn es nach ihm geht, sollten Bauernhöfe auch über Lebensmittelproduktion hinaus gesellschaftliche Aufgaben wahrnehmen. Klimawandel, Artenschutz, Nahrungsmittel, Baukultur, Tierwohl, Gewässerschutz, Katastrophenschutz, Kulturlandschaft: All das fällt in die Zuständigkeit der Landwirte. Konkret könnte er sich vorstellen, dass Bauern der Ausbau der E-Mobilität unterstützen: „Wir haben fast flächendeckend Landwirtschaft, da könnte doch jeder Hof ein paar Zapfsäulen aufstellen und diese mit selbst produziertem Strom speisen.“

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Dem Königsdorfer ist vollkommen klar, dass nicht jeder Bauer 1:1 nachmachen kann, was er vormacht. Die erheblichen Investitionen waren ihm nur möglich, weil er als Ingenieur und Planer erfolgreich arbeitet. Dennoch: Es sind wichtige Hinweise. Auf dem Weg in eine bessere Zukunft sieht er Politik, Medien und Gesellschaft in der Pflicht. „Wer A sagt, muss auch B sagen“, erklärt er. Das heißt: Es genügt nicht, wenn Politiker immer nur von Ressourcenschonung und Klimaschutz reden, sie müssen auch Geld in die Hand nehmen.“ Auch die Verbraucher müssen zu Veränderungen bereit sein. „Wenn wir tun, was für Umwelt und Klima am besten ist, müssten die Produktpreise um 50 Prozent steigen – diese Art der Landwirtschaft ist enorm aufwendig.“ Aber sie lohnt sich. Um einer guten Zukunft willen.

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