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Lässiger Plausch auf der Couch: Der scheidende Leiter Josef Birzele (li.) und Klaus Schultz, Vorsitzender des Vereins Jugendsiedlung Hochland. 

Jugendsiedlung Hochland 

So herzlich wurde Josef Birzele verabschiedet

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Nach 27 Jahren als Leiter der Jugendsiedlung Hochland wurde Josef Birzele am Freitag mit allen Ehren verabschiedet. Den 150 Gästen fiel es offenbar nicht leicht, ihren „Beppo“ gehen zu lassen. 

Königsdorf – Willy Bäßler, Vorsitzender des Förderkreises Jugendsiedlung Hochland, kann sich an das Vorstellungsgespräch gut erinnern. Es war Anfang der 1990er Jahre, die Stelle des Leiters war zu besetzen, und ein junger Schwabe hatte sich angekündigt. „Ich wusste nur, dass er am Tag zuvor Vater geworden war und habe mich gefragt, ob er überhaupt kommt.“ Doch, er kam. Und hinterließ einen derartigen Eindruck, dass er die Stelle sofort erhielt.

Am Freitag wurde eben dieser Schwabe, Josef Birzele, nach 27 Jahren in allen Ehren verabschiedet. Er hat die Jugendsiedlung zu dem gemacht, was sie heute ist, nämlich ein bundesweit bekannter Lernort für Kinder und Jugendliche. Dafür erhielt „Beppo“, wie er an diesem Abend freundschaftlich genannt wurde, das neue Freundeszeichen des Förderkreises.

Birzele (63) selbst hat ebenfalls lebhafte Erinnerungen an die Anfangsjahre. In einem Couch-Gespräch mit Klaus Schultz, Vorsitzender des Vereins Jugendsiedlung Hochland, erzählte er launig wie eh und je, dass ihm die Jugendsiedlung von einem Besuch mit den Augsburger Pfadfindern ein Begriff gewesen sei. Die Zeit seiner Bewerbung Anfang der 1990er Jahre fiel dann in eine besonders bewegte Zeit: Die Katastrophe von Tschernobyl war nicht lange her, der Balkan-Krieg tobte, der Ostblock zerfiel, der Umweltgedanke begann sich durchzusetzen. „Damals fand ein Umdenken statt, man musste aufmerksam sein“, berichtete er.

In Königsdorf merkten sie sehr schnell, dass der Neue auf seine Worte auch Taten folgen lässt. Stichwort Umweltschutz: Kaum war Birzele im Amt, verbannte er zum allgemeinen Erstaunen die Mülleimer aus den Schlafzimmern und die Fritteuse aus der Küche. Stichwort Politik: Als München anrief, um eine Unterkunft für Tschernobyl-Kinder zu suchen, sagte Birzele gerne Ja. Eine Erfahrung, die ihn prägte: „Da kamen sie mit null Haaren auf dem Kopf und machten bei uns sechs Wochen Ferien.“ Auch eigene Inhalte waren ihm wichtig, der Seminarbetrieb nahm unter seiner Ägide an Fahrt auf.

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Eine besondere Erwähnung wert war Birzele sein besonderes Verhältnis zur Geschichte des einstigen Hochlandlagers. Einst wurde das Gelände von der Hitlerjugend für die Ziele der nationalsozialistischen Weltanschauung missbraucht. Relikte dieser Zeit fanden sich immer wieder, und zwar buchstäblich, etwa in Form eines verrosteten Gewehrs. „Das hat mich bewegt“, schilderte der 63-Jährige.

Bei seiner Aufarbeitung der besonderen Vergangenheit dieses Ortes – unter anderem in einer Radio-Sendung mit Zeitzeugen – achtete er sehr auf ein vertrauensvolles Miteinander. „Der Ort selbst konnte ja nichts dafür, und die Menschen waren nicht mehr da“, erzählte Birzele. Am Ende standen nicht nur Bücher, sondern auch Theaterstücke zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, aufgeführt vom Tölzer Gymnasium.

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Bezirkstagspräsident Josef Mederer blieb es überlassen, den Gästen des Festakts in einer Laudatio die wichtigsten Leistungen Birzeles in Erinnerung zu rufen. Von großer Wichtigkeit war das Jahr 1996, als die Jugendsiedlung nicht nur als bezirkliche Jugendbildungsstätte für Oberbayern, sondern auch als Umweltstation anerkannt wurde. Birzeles großer Beharrlichkeit sei es zu verdanken, dass jedes Gebäude erneuert wurde. Vor allem beim Tagungshaus habe er immer wieder Post aus Königsdorf erhalten, versehen mit der handschriftlichen Notiz „Houston, wir haben ein Problem“. Mederers Fazit: „Lieber Beppo, du hast in der Jugendarbeit Geschichte geschrieben.“

Birzele selbst bedankte sich bei den 150 Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft sowie aus dem sozialen Bereich, die zum Festakt gekommen waren. „Es tut gut, diesen Abend in einem Netzwerk von so vielen wohlmeinenden Menschen erleben zu dürfen.“ Vom Verein Jugendsiedlung erhielt Birzele einen Gutschein für einen Segelflug über die Jugendsiedlung geschenkt. Damit er das, was er in vielen Jahrzehnten geprägt hat, einmal ganz gelassen von oben betrachten kann.

Die Jugendsiedlung Hochland

Die Jugendsiedlung Hochland liegt linker Hand zwischen Königsdorf und Bad Tölz auf dem Gelände der ehemaligen „Oberen Rothmühle“. Zwischen 1936 und 1945 wurden im dortigen „Hochlandlager“ junge Frauen und Männer auf die Ziele des Nationalsozialismus eingeschworen. Als nach dem Kriegsende in Bayern wieder Jugendverbände gegründet wurden, entstand 1949 ein Trägerverein. 1950 nahm die Jugendsiedlung Hochland ihre Arbeit auf. Der Schwerpunkt der Jugendarbeit lag auf Zeltlagern. Die Gebäude, die zunächst heimatlosen Jugendlichen ein Dach über dem Kopf boten, wurden erhalten und weiterentwickelt. Heute gibt es auf dem 31 Hektar großen, isarnahen Gebiet ein Übernachtungs- sowie ein modernes Tagungshaus. In der Umweltstation sollen Heranwachsende den Wert der Natur, im Leader-Projekt „Demokratie-Werkstatt“ den Wert der Staatsform Demokratie erfahren. Ins pädagogische Konzept eingebunden ist unter dem Begriff „Lernen unter Sternen“ die nahe Sternwarte. Auch regelmäßige Zirkustage spielen eine wichtige Rolle. Als Josef Birzele die Jugendsiedlung übernahm, hatte sie ein jährliches Finanzvolumen von 300 000 Euro, heute sind es 3,2 Millionen Euro. Seine Nachfolger sind Robert Wenzelewski (Bildungsbereich) und Roland Herzog (Betriebsleitung). In der Jugendsiedlung arbeiten derzeit 35 Mitarbeiter.

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