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Große Herausforderung: Mit Beginn der Allgemeinverfügung war die Jugendsiedlung Hochland bis Ende Mai komplett geschlossen. Nur langsam läuft der Betrieb wieder an. Roland Herzog, einer der beiden Leiter, spricht von einer schwierigen Aufgabe, die vor ihm und seinem Team liegt. 

„Wir sind noch nicht über den Berg“

So leidet die Jugendsiedlung Hochland unter der Corona-Krise

  • vonPeter Borchers
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Die Jugendsiedlung Hochland an der Rothmühle ist eine deutschlandweit bekannte Jugendbildungsstätte. Einen zweiten Lockdown würde sie wohl kaum überstehen. 

Königsdorf– Die Jugendsiedlung Hochland mit ihren zahlreichen Bildungs- und Freizeitangeboten ist eine der Einrichtungen des Landkreises mit Leuchtturm-Charakter. Im Unterschied zu den anderen elf bayerischen Jugendbildungsstätten dieser Art steht hinter den Königsdorfern nur ein kleiner Trägerverein, nicht ein öffentlicher Träger wie zum Beispiel ein Kreisjugendring. Dementsprechend hart trifft die Corona-Pandemie den Verein. Wir sprachen mit Roland Herzog, der als Betriebsleiter gemeinsam mit Robert Wenzelewski – er ist zuständig für den Bildungsbereich – die Einrichtung an der Rothmühle führt.

Herr Herzog, wie ist der aktuelle Sachstand? Was hat offen, was ist geschlossen?

Mit Beginn der Allgemeinverfügung am 18. März musste die gesamte Jugendsiedlung ihren Betrieb komplett einstellen. Seit 30. Mai sind unter Einhaltung sämtlicher vorgeschriebener Hygieneregeln der Jugendzeltplatz und die Blockhütten wieder geöffnet. Geschlossen bleibt aktuell noch die Jugendbildungsstätte mit ihren gut 100 Betten. Eine Wiederaufnahme des Betriebs bereiten wir allerdings vor und hoffen auf eine Möglichkeit im Sommer, den wirtschaftlichen Betrieb der Bildungsstätte aufnehmen zu können.

Wie ist der Betrieb der Hütten und des Zeltplatzes geregelt?

Nach dem Beherbergungs-Konzept der Staatsregierung war es wieder gestattet, Ferienwohnungen zu vermieten. Diesem Prinzip folgend sind unsere Blockhütten seit Pfingsten jeweils belegbar mit Personen aus höchstens zwei Haushalten, ab heute auch mit bis zu zehn Personen aus verschiedenen Haushalten. Das funktioniert einwandfrei nach den Vorgaben. Für die Hütten haben wir auch noch freie Termine.

Zelten darf man ebenfalls wieder bei Ihnen?

Hier gilt Ähnliches. Der Zeltplatz ist jetzt aufgeteilt in 20 mal 20 Meter große Parzellen, die jeweils mit aktuell zehn  Personen belegt werden dürfen. Jeder Parzelle ist (noch) eine eigene Sanitäreinheit in einem unserer Waschhäuser auf dem Gelände zugewiesen. Auch hier haben wir noch freie Kapazitäten. Urlaub in der Jugendsiedlung für Familien oder kleinen Gruppen beziehungsweise mehr bei weiteren Hütten oder Parzellen ist also auf jeden Fall möglich. Das gilt für die Wochenenden bis zu den Sommerferien, weil wir davon ausgehen, dass die Nachfrage unter Woche eher gering ist. Wie die Regelungen für größere Gruppen und klassische Gruppenzeltlager der Jugendarbeit im Sommer (Juli und Ferien) dann sein werden, können wir momentan leider noch nicht absehen – hoffen allerdings auf weitere Lockerungen. Als Betrieb sind wir auf jeden Fall vorbereitet und startklar.

Die Möglichkeit zu Campen ist eines Ihrer Standbeine, das andere ist die Jugendbildungsstätte. Was ist dort erlaubt und möglich?

Seit einiger Zeit dürfen Aus- und Fortbildungen für Hauptberufliche wieder stattfinden. Einige Module der Zusatzqualifikation für Erlebnispädagogik, eine groß angelegte Weiterbildung für Sozialpädagogen und Erzieher, führen wir beispielsweise durch. Bei uns wird es sicher ebenfalls Angebote in den Ferien geben. Aktuell klären wir, unter welchen staatlich geltenden Rahmenbedingungen Ferienangebote auch mit Übernachtung möglich und pädagogisch vertretbar sein werden. All das kann dazu führen, dass Ferienzeltlager mit dem vorgesehenen Programm tagsüber, also ohne Übernachtung, ablaufen werden. Unsere Küche ist auf jegliche Situation vorbereitet. Der Ablauf im Speisesaal ist in unserem Schutzkonzept klar geregelt.

Sie haben etwa 35 Mitarbeiter. Die hatten drei Monate wenig zu tun.

Sie sind alle in Kurzarbeit, werden das je nach Auslastung auch noch bleiben. Je nach Bedarf wird der eine oder andere nach Belegungssituation anteilig arbeiten.

Das hört sich nicht danach an, als würden Sie so bald eine Entspannung der Lage erwarten.

Die Aussichten sind difus. Unser größtes Problem ist, dass wir unter der Woche abhängig sind von Schulen. Und Schulen, das ist der Inhalt eines Schreibens des Kultusministeriums, das schon im April veröffentlicht wurde, dürfen bis auf Weiteres keine neuen Verträge abschließen. Das heißt, das gesamte nächste Schuljahr steht komplett in den Sternen – und das ist das, was vielen Einrichtungen wie unserer die Zukunft erschwert. Deshalb brauchen wir Kurzarbeit, so lange es irgendwie geht, um zu überleben.

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Das klingt düster.

Im schlimmsten Fall müssen wir damit rechnen, dass es das gesamte nächste Schuljahr keinen Markt für Schulfahrten ins Schullandheim geben wird. Der Hintergrund ist folgender: Im Herbst machen die Schulen ihre gesamte Jahresplanung, das betrifft auch Klassenfahrten und Ausflüge. Es ist davon auszugehen, dass es bis dahin keine Impfung gegen das Virus geben wird. Vermutlich werden nur wenige Schulleitungen den Mut haben und sagen: „Wir fahren da oder dort hin.“ Deshalb rechnen wir nicht wirklich mit Buchungen unter der Woche.

Erhalten Sie staatliche Unterstützung?

Kurzarbeit ist ja schon einmal ein wesentliches und sehr wichtiges Instrument der Hilfe. Zudem gibt es einen kleinen Rettungsschirm für Jugendherbergen und -bildungsstätten–- der für das Zeitfenster von Mitte März bis Ende Juli aufgespannt wurde. Reale Betriebsausgaben werden in einer gewissen Höhe erstattet. Das erlaubt uns, die Struktur unserer Jugendarbeit und Gebäude bis Ende Juli zu erhalten. Was danach ist, wissen wir nicht. Die Einnahmen aus unserem Hütten- und Zeltlagerbetrieb decken aktuell in keinster Weise unsere monatlichen laufenden Kosten, gleichzeitig schrumpfen Rücklagen.

Ist die Situation für die Jugendsiedlung Hochland existenziell bedrohlich?

Sie hat das Potenzial, es zu werden, wenn erneute Betriebsschließungen aufgrund der pandemischen Entwicklung nötig sind beziehungsweise lange aufrecht erhalten werden müssen. Problematisch ist die Situation deshalb, weil soziale Unternehmen wie wir als Verein gar nicht so große Rücklagen aufbauen dürfen, um für derartige extreme Betriebsstillstände gewappnet zu sein. Die Situation ist schwierig, und wir sind sicher noch nicht über den Berg.

Letzte Frage, Herr Herzog: Sie und Robert Wenzelewski haben die Leitung der Jugendsiedlung erst vor rund zwei Jahren von Josef Birzele übernommen. Sie hätten sich wahrscheinlich nie träumen lassen, dass Sie bereits nach so kurzer Amtszeit vor einem solch massiven und sicher auch persönlich belastenden Problem stehen?

Das stimmt. Was mir persönlich in dieser schwierigen Zeit hilft: Ich komme aus einem Lehrberuf im Rettungsdienst und bin Feuerwehrmann, also im Bereich des Krisen- und Notfallmanagements zu Hause. Von daher rede ich lieber von Herausforderungen. Deshalb vorhin mein Satz „Wir sind noch nicht über den Berg.“ Der beinhaltet nämlich, dass wir heil aus dieser Krise herauskommen können, obwohl noch viele Aufgaben vor uns liegen. Es ist mehr als ein Meisterstück, das wir gemeinsam bewerkstelligen müssen. Aber ich sehe keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Dass wir die ersten Phasen der Krise ordentlich hingekriegt haben, sehe ich als guten Beweis für unseren Trägerverein, dass der Betrieb in guten Händen ist.

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