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Der Tatort in dem Weiler im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen wird von der Polizei abgeschirmt. Zeugenaufruf: Die Polizei hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung, Telefon 0881/6400 bei der Kripo Weilheim.

Doppelmord schockt die ganze Region

Der Tag danach: Panik, Angst und Entsetzen in Königsdorf

Nach dem Doppelmord von Höfen kommen mehr Details ans Licht. Die Stimmung im Ort ist gedrückt, die Polizei will ihre Präsenz hier verstärken. Alle hoffen, dass Luise S. überlebt. 

Königsdorf – Anton Demmel hat in der Nacht auf Sonntag sehr schlecht geschlafen. Nicht, weil ein Doppelmord in einer Gemeinde für einen Bürgermeister immer eine schlimme Sache ist. Sondern weil der Königsdorfer Rathauschef extrem nah dran war, als das Anwesen Höfen 20 am Samstagabend von der Polizei geöffnet wurde. Als Mitglied der zuständigen Feuerwehr stand Demmel an der Eingangstür. Durch den Türspalt sah er extreme Unordnung. „Da war mir klar: Wir finden nichts Gutes.“ Wenige Augenblicke später hörte Demmel einen Polizisten schreien: „Sanitäter! Sanitäter!“

Die Spurensicherung durchsucht das Haus.

Die Eigentümerin des Hauses, Luise S., konnte der Sanitäter retten, wenn auch schwerst verletzt. Für zwei weitere Menschen kam jede Hilfe zu spät. Sie waren tot. Erschlagen. Details zu dem grausamen Doppelmord sickerten zunächst nur wenige durch. Seit Montag herrscht mehr Klarheit. Wie Markus Deindl, Leiter der Soko „Höfen“, auf einer Pressekonferenz in Weilheim sagte, hat sich die Tat zwischen Mittwochabend und der Nacht zum Samstag ereignet. Vermutlich waren mehrere Täter am Werk, die Ermittler gehen von Raubmord aus. „Am Mittwochabend gab es ein Telefonat mit einem der Opfer“, sagte Deindl. Dann sei der Kontakt abgerissen.

Durchaus möglich also, dass die Opfer mehrere Tage in dem Haus lagen, bevor sie gefunden wurden. Bei den beiden Toten handelt es sich um eine 76 Jahre alte Frau aus Eschborn bei Frankfurt und einen 81-Jährigen aus Nordrhein-Westfalen. Sie waren vermutlich Freunde oder Bekannte von Luise S. und laut Deindl „nicht erst seit einem Tag im Haus“. Gestorben sind sie durch stumpfe, massive Gewalt, auf ihren Körpern seien Schläge festgestellt worden.

Osteuropäische Autos in Königsdorf? Polizei ermittelt in alle Richtungen

Die schwer verletzte Hausbesitzerin sei noch nicht vernehmungsfähig. Ob etwas gestohlen wurde, steht noch nicht fest. Offensichtliche Anzeichen – etwa aufgebrochene Schmuck- oder Geldkassetten – gebe es aber nicht. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt wegen zweifachen Mordes in Tateinheit mit versuchtem Mord. Auch dem Hinweis, dass in letzter Zeit mehrfach Autos mit osteuropäischen Kennzeichen in der Gegend gesehen wurden, geht die Soko nach. Die Spurensicherung wird sich noch eine Weile hinziehen – zum einen, weil sich das Haus über drei Etagen erstreckt, zum anderen, weil auch das Umfeld untersucht wird. Auch sogenannte Profiler sind im Einsatz. Inzwischen sind auch Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen, einige davon seien vielversprechend, sagte ein Polizeisprecher.

Der Mesner von Königsdorf: Hans Hartl.

Die Stimmung in Königsdorf schwankt zwischen Fassungslosigkeit und Entsetzen. Etwa bei Hans Hartl. Als langjähriger Gemeinderat und Mesner der Kirche St. Laurentius ist er gut vernetzt. Er sagt: „Das kann doch nicht wahr sein.“ Wenn man von solchen Verbrechen hört, dann haben sie sich in München, Hamburg oder Berlin abgespielt. Doch jetzt in diesem Weiler? Wer ist jetzt noch sicher? Hartl findet, dass sich etwas ändert in Deutschland, und das nicht zum Besseren. Die Sitten verrohen. So hat man in der Kirche schon mehrmals die Opferstöcke ausgeräumt. „Die kundschaften das aus, dann schlagen sie zu, fertig.“ Sicher sei es ein Unterschied, ob man etwas stiehlt oder ob man Menschen erschlägt. Aber die Tendenz macht Hartl große Sorgen, es ist dieses diffuse Gefühl der Bedrohung.

Bilder: Zwei Tote nach Gewaltverbrechen in Königsdorf

Verunsicherung, Angst und Panik in Königsdorf ist groß

Luise S. hat Hartl nicht gekannt, oder besser kaum. „Höchstens vom Grüßen, oder wenn wir über das Wetter geredet haben.“ Was ihr passiert ist, geht ihm trotzdem sehr nah. Noch näher geht es den Nachbarn. Dass sie alle ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, ist ein Indiz. Die Verunsicherung, die Angst ist groß. „Das war für uns alle ein großer Schreck“, sagt ein Anwohner. „Wir hoffen alle, dass die Frau durchkommt und die Verbrecher schnell gefasst werden.“ Luise S. kennt er gut. „Sie ist noch recht aktiv“, erzählt er. So sei sie mit ihren 76 Jahren in der Tölzer Gegend noch oft beim Wandern gewesen. Nach seiner Erinnerung hat sie sich viel um ihren kranken Mann gekümmert.

Profiler Alexander Horn (l.) machte sich  ein Bild des Tatorts. Er ist Chef-Profiler beim Polizeipräsidium München.

Fast schon Panik hat eine andere Nachbarin. Sie sagt: „Wir haben hier alle Angst.“ Die Ereignisse vom Wochenende rauben ihr den Schlaf: „Ich kriege kein Auge zu, obwohl auch nachts Polizei da ist.“ Sie hat sich ein Messer neben das Bett gelegt und eine schwere Taschenlampe. Für alle Fälle.

„Überaus schockierende, brutale Tat“ sagt der Polizeipräsident

„Es handelt sich um eine überaus schockierende und brutale Tat, wie es sich so – zumindest in jüngster Zeit – in dieser Region nicht ereignet hat“, sagte Polizeipräsident Robert Kopp am Montag. Normalerweise würden Einbrecher den Tatort verlassen, wenn nur die leiseste Gefahr besteht, dass sie entdeckt werden. Das war in Höfen offenbar anders. Weil das Sicherheitsempfinden der Menschen vor Ort empfindlich gestört ist, wird die Polizei ihre Präsenz an zivilen und uniformierten Beamten erhöhen. Kopp kündigte an, dass auch Diensthundeführer und berittene Polizei eingesetzt werden. Außerdem wird die Soko aufgestockt – von 42 auf 52 Ermittler. Große Hoffnungen, auch das wurde am Montag klar, liegen auf der Spurensicherung am Tatort – und auf Luise S. Darauf, dass sie sich erholt – und darauf, dass sie mit ihrer Aussage zur Klärung des Doppelmords beitragen kann.

Bürgermeister Anton Demmel war am Tatort.

Anton Demmel kennt die Eigentümerin des Hauses nur flüchtig. Es ist Brauch, dass der Bürgermeister zu runden Geburtstagen gratuliert, und das hat er auch bei Luise S. getan. Sein Eindruck von ihr und ihrem 2016 verstorbenen Ehemann: „Nette, ehrliche, anständige Leute.“ Auf Reichtum habe nichts hingedeutet. Gerüchte, dass das Ehepaar über Vermögen verfügt, hat er nie gehört. Nur eines hat ihn in den vergangenen Tagen aufmerksam werden lassen: Die Fenster im ersten Stock waren vergittert. „Üblich ist das bei uns jedenfalls nicht.“ Er hofft natürlich inständig, dass sie überlebt. Das hoffen alle Königsdorfer.

Alle aktuellen Informationen und Entwicklungen können Sie in unserem Ticker nachlesen. Am 1. März wird der Raubmord von Königsdorf Thema bei Aktenzeichen XY sein.

Von Frederik Lang und Volker Ufertinger

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