+
Gut gemeint, schlecht gemacht: Die kostenlosen Stadtbusfahrten kommen die Stadt teuer zu stehen. 

Bleibt die Stadt auf den Kosten sitzen? 

Kostenloser Stadtbus: Wolfratshauser Rat macht Rolle rückwärts

„Keine Sternstunde“ - das sagen Wolfratshauser Stadträte mittlerweile über ihren Beschluss, Schüler und Senioren kostenlos mit dem Stadtbus fahren zu lassen.  

Wolfratshausen „Wir haben uns auf mündliche Aussagen verlassen“, bilanzierte Vize-Bürgermeister Fritz Schnaller (SPD) in der jüngsten Stadtratssitzung. „Nun werden wir sauber draufzahlen.“ Denn: Der Beschluss des Rats, dass Schüler und Senioren kostenlos mit dem Stadtbus fahren können (wir berichteten), kommt die Kommune teuer zu stehen.

Laut Dr. Hans Schmidt (Grüne) und Manfred Menke (SPD), beides Mitglieder der Arbeitsgruppe Stadtbus, ist völlig ungewiss, wie viel Geld der MVV der Stadt zurückerstattet. Trotz vieler E-Mails, die Hin und Her gesendet worden seien, sowie einer stattlichen Anzahl persönlicher Telefonate ließ sich in den vergangenen Monaten nicht verlässlich ermitteln, welche Summe pro Förderfall von den Verkehrsbetrieben ans Rathaus zurückfließt.

Im Juli hatte der Stadtrat beschlossen, ein zweijähriges Experiment zu starten. Seit Beginn dieses Schuljahrs nutzen mehr als 430 Wolfratshauser Schüler das Gratis-Ticket. Die Jahreskarte berechtigt sie allerdings nicht nur zur kostenlosen Nutzung des Stadtbusses, sondern sie gilt für das gesamte MVV-Netz. „Wir wollten den Stadtbus fördern, nicht den MVV subventionieren“, stellte Menke kritisch fest. Konkret: Die Kommune zahlt für die Gratistickets gut 180 000 Euro, denn ab Januar kommen zusätzlich auch Bürger, die älter sind als 65 Jahre, in diesen Genuss. Ihnen erstattet die Stadt den Preis einer Einzelfahrt mit dem Stadtbus.

Mit Blick auf die Ausgabenseite machte der Stadtrat nun allerdings einen Rückzieher. Ob das Angebot für Wolfratshauser Schüler auch im Schuljahr 2020/21 gilt, soll erst im nächsten Jahr entschieden werden. Dieses Hintertürchen lasse man sich offen, „weil wir die Kosten begrenzen müssen“, sagte Menke. „Wir sind da vorweg galoppiert“, meinte Annette Heinloth (Grüne) rückblickend. Der Juli-Beschluss sei in keiner „Sternstunde“ des Gremiums gefallen, räumte sie ein.

Schmidt betonte, dass er sich auf eine Aussage des ÖPNV-Beauftragten in der Tölzer Kreisbehörde, Matthias Schmid, verlassen habe. Schmid („ohne dt“) habe ihm in einem Telefongespräch am 8. Juli, also einen Tag vor der Stadtratssitzung, erklärt, dass die Stadt die Kosten zwar nicht eins zu eins zurückbekomme. Doch die Kommune könne „mit ungefähr dem gleichen Betrag rechnen“, den sie für die Gratistickets auslege. Doch erstens kommt es anders, und zweitens habe der ÖPNV-Beauftragte später erklärt, dass es sich um ein „Missverständnis“ gehandelt habe. „Wir haben leider nichts Schriftliches vom Landratsamt“, berichtete Stadtrat Schmidt.

Das Ende vom Lied: Die Erstattung der Tickets erfolgt auf Grundlage einer Fahrgastbefragung. Gut möglich, dass der MVV einen Großteil des ausgelegten Geldes einbehält, weil justament bei der Fahrgastbefragung kaum jemand im Stadtbus sitzt. Menke, Schmidt und Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) appellierten aus diesem Grund mit Nachdruck an die Schüler, das Jahresticket fleißig zu nutzen. Im Sommer gingen die Stadträte davon aus, dass ihr Geschenk an die Jugend sowie die Senioren den Stadtsäckel mit maximal 40 000 Euro belasten wird. Nachdem sich das als Trugschluss entpuppt hatte, hob das Gremium den Beschluss, dass das Angebot für Schüler und die Generation 65+ zwei Jahre gilt, mit 19:2 Stimmen auf. Im Juni nächsten Jahres soll beraten werden, wie’s weitergeht. Fazit von Vize-Rathauschef Schnaller: „Wir können aus der Sache nur lernen.“

Stadtrat Dr. Manfred Fleischer (CSU) brach vorausblickend eine Lanze für die Senioren. Sollten Schüler auch im Schuljahr 2020/21 kostenlos mit dem Stadtbus fahren dürfen, könne es in seinen Augen nicht sein, dass ältere Semester „mit dem Ofenrohr ins Gebirge schauen“.

cce

Lesen Sie auch: „Showpolitik“: Kostenloser Stadtbus in Wolfratshausen sorgt für wenig Begeisterung in Geretsried

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mit diesem Programm zieht die Ickinger Initiative in den Wahlkampf
Reithalle, Mobilfunk, ein Veranstaltungsraum: Die Ickinger Initiative bezieht in einem Pressegespräch Position zu den großen Ickinger Themen. 
Mit diesem Programm zieht die Ickinger Initiative in den Wahlkampf
Aufsehen um Wahlplakate: Mit schwarzem Kreuz beschmiert – und an Maibäumen aufgehängt
In Icking herrscht Fassungslosigkeit. Mehrere Wahlplakate wurden beschädigt, doch dann folgte der traurige Höhepunkt um Plakate von Bürgermeisterkandidatin Cornelia …
Aufsehen um Wahlplakate: Mit schwarzem Kreuz beschmiert – und an Maibäumen aufgehängt
Drogenbeauftragte der Bundesregierung zu Gast: Modellprojekt zur Jugendsuchtprävention?
Was kann man tun, um Jugendliche besser vor den Gefahren von illegalen Drogen zu warnen? Darüber diskutierte eine Expertenrunde in Geretsried.  
Drogenbeauftragte der Bundesregierung zu Gast: Modellprojekt zur Jugendsuchtprävention?
Auf der Suche nach ihrem sichergestellten Auto: Bayerin mit irrer Aktion mitten auf der Autobahn
Ziemlich viel falsch gemacht hat eine Autofahrerin (66) aus Mittenwald. Ihr Ford hatte erhebliche Mängel - und sie spazierte auch noch zu Fuß über die A95.
Auf der Suche nach ihrem sichergestellten Auto: Bayerin mit irrer Aktion mitten auf der Autobahn

Kommentare