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Zwei Stationen der Werkrettung und eine Krankenstation gab es im Jahr 1941 in Geretsried.

Serie: Ärzte, hexen, Handaufleger

Krankheitsbild: „Kanarienvögel“

Geretsried – Volksheilkunde und Religion – in fünf Kapiteln gibt das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger“ des Historischen Vereins Wolfratshausen einen Überblick über die Geschichte der Medizin im Isar- und Loisachtal. Wir stellen das 248-seitige Werk in einer Serie vor. Heute: „Kanarienvögel und Sanitätskolonnen – Medizin in Geretsried“.

Um 1900 hat der Ort Geretsried nur knapp über 260 Einwohner. Medizingeschichte, die über die Volksheilkunde hinausging, wurde bis dahin noch nicht geschrieben. Das ändert sich auch mit dem Bau der beiden Rüstungswerke, der Dynamit AG und der Deutschen Sprengchemie (DSC), die auf dem Gebiet des damaligen Wolfratshauser Forsts ab 1937 entstanden, nicht grundsätzlich. Allerdings verfügte man jetzt über einen Werksarzt und über Sanitätsbaracken für Werksunfälle, die unter anderem auf der heutigen Böhmwiese standen.

Die Produktion von Sprengstoff war zweifellos gesundheitsgefährdend, nach außen besonders deutlich sichtbar wurde das im Zusammenhang mit der Pikrinsäure. Sie war Bestandteil des in Geretsried hergestellten Sprengstoffs Nitropenta und führte nicht nur zu allergischen Reaktionen, sondern färbte Haut und Haare gelb, sobald eine Person damit länger in Berührung kam. Die Pikrinsäure fraß sich durch die Kleidung, die giftigen Dämpfe führten zu Atemwegsreizungen. Die Arbeiterinnen in der Nitropenta-Fertigung wurden aufgrund ihres „gelben“ Erscheinungsbildes, das erst nach einiger Zeit wieder verschwand, auch „Kanarienvögel“ genannt. Eine Zeitzeugin aus Königsdorf, ehemalige Krankenschwester bei der DSC, erinnert sich: „Dr. Bösl kontrollierte monatlich den Gesundheitszustand der DSC-Belegschaft, machte toxikologische Untersuchungen in der Pressenabteilung und ordnete Urlaub an, wenn sich Haare und Augen gelb verfärbten.

Das Krankenhaus war rund um die Uhr besetzt, bei Unfällen im Werk durfte das Sanitätspersonal nur in Begleitung des Werkschutzes zur Erste-Hilfe-Leistung. Im Krankenwagen wurden Verletzte wurden erst zur Station 164 und dann stationär ins Gebäude 211 gebracht. Im Lager Stein südlich von 211 stand ein kleines Unfall-Sanitätsgebäude für kleinere Verletzungen, Quarantäne und dergleichen.“

Nicht nur die Produktion selbst war gefährlich, auch das Essen war teilweise sehr schlecht und führte zur Mangelernährung der Arbeiter. Die hygienischen Bedingungen in den Unterkünften waren ebenso unzureichend, Maßnahmen zur Entlausung und zur Desinfektion die Folge. Ungewollte Schwangerschaften stellten ein weiteres Problem dar; den Frauen wurde dann ein Schwangerschaftsabbruch nahegelegt oder sogar befohlen. Trotzdem gab es ab 1943 in Gelting eine behelfsmäßige Entbindungsstation in Form einer Baracke neben dem Gemeindehaus an der Straße nach Buchberg. Einige schwangere Frauen wurden auch zurück in die Heimat geschickt – ein ebenso gefährlicher Weg.

Im April 1945 führte der Todesmarsch aus dem KZ Dachau über die B11 in Richtung Süden durch Wolfratshausen und Geretsried, zahllose Kranke und Sterbende bringt man – allerdings erst Anfang Mai – in das Wolfratshauser Krankenhaus. Im Mai 1945 werden die Geretsrieder Rüstungswerke durch amerikanische Truppen besetzt. Ein Jahr später, im April 1946, kommen die ersten Heimatvertriebenen, 554 Sudetendeutsche aus Graslitz, nach Geretsried.

1950 wird die Gemeinde Geretsried gegründet, der Zustrom von Heimatvertriebenen hält an. Rund um die Uhr werden die Gebäude der Rüstungswerke Geretsried gesprengt, ebenso bringt man die noch vorhandenen Sprengkapseln und Granatfüllungen zur Detonation. Wie sah es bei dieser riskanten Arbeit mit der medizinischen Versorgung aus? Die hygienischen Bedingungen sind noch immer katastrophal, lediglich Entlausungen und gelegentliche Desinfektionsmaßnahmen werden durchgeführt. Erst 1950 wird das Lager Gartenberg geschlossen, und der Umzug in zu Notwohnungen umgebaute Bunker oder neu errichtete Wohnhäuser ist möglich – bis dahin wohnen die neuen Bewohner in den alten Barackenlagern. Bruno Hüttl, ein ausgebildeter Sanitäter aus den Reihen der einstigen Lagerbevölkerung, übernahm in der Sanitätsbaracke die medizinische Erstversorgung – so erinnert sich Werner Sebb an die „Stunde Null“ in Geretsried. Er berichtet auch, dass der Gesundheitszustand der Lagerbevölkerung „erstaunlich gut“ war. Von 1947 bis 1948 bekam Lagersanitäter Bruno Hüttl Unterstützung durch Dr. Diessner, ab 1948 dann durch Dr. Fritz Balling. Dieser ließ sich in den Folgejahren als praktischer Arzt in Geretsried nieder und gehörte dem ersten, 1950 gewählten Gemeinderat an. Kaija Voss

(Beim Abdruck des Textes handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Buchartikels)

Info

Das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger. Medizingeschichte im Isar- und Loisachtal“ ist für 25 Euro im örtlichen Buchhandel sowie über den Historischen Verein Wolfratshausen zu kaufen.

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