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Mauerfall: Kennenlern-Kaffee bei Familie Wessi

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„Rennpappe“, „Sachsenporsche“ oder „Fluchtkoffer“: Nach dem Fall der Mauer tauchten immer mehr Fahrzeuge der Marke Trabant auf den Straßen im Landkreis auf. © Sabine Hermsdorf (Repro)

Wolfratshausen – Kennen Sie den: Wie verdoppelt man den Wert des Trabis? Antwort: Indem man ihn volltankt. Und wie vervierfacht man den Wert eines Trabis? Antwort: Eine Banane auf den Rücksitz legen.

Witze auf Kosten der DDR-Bürger hatten zur Wendezeit Hochkonjunktur. Dabei waren die Ereignisse um den 9. November herum alles andere als lustig und hielten auch die Menschen im Landkreis in Atem. Wir haben im Redaktionsarchiv nachgeschaut, wie unsere Zeitung das dokumentiert hat, was sich zum Zeitpunkt der Maueröffnung bei uns abgespielt hat.

„Kinderwagen sind Mangelware“ titelt der Isar-Loisachbote/Geretsrieder Merkur etwa am 10. November. Der Artikel thematisiert die Situation im Notaufnahmelager in der Katastrophenschutzschule in Geretsried. Demnach sind die Kleiderkammern dank der vielen Spenden zwar ganz gut gefüllt. „Anoraks, Schals, Handschuhe, Mützen und warme Schuhe können wir aber gut gebrauchen“, sagte ein BRK-Mann. Auch Kinderwagen werden dringend benötigt. Viele Familien waren ja nur mit ihren Kindern auf dem Arm in den Westen gekommen. Erfreulich groß ist auch die Bereitschaft der Menschen hier, soziale Kontakte zu den Neuankömmlingen zu knüpfen. Einige Familien laden die DDR-Übersiedler sogar spontan zu Kaffee und Kuchen ein.

Am gleichen Tag veröffentlicht unsere Zeitung ein Gespräch mit Peter Preller. Der damalige Leiter des Wolfratshauser Arbeitsamts schildert, wie seine Behörde mit den arbeitssuchenden Aus- und Übersiedlern umgeht. Generell, so der Tenor, sind die neuen, meist jüngeren Arbeitskräfte, offenbar sehr gefragt. Viele Ostdeutsche sind im gewerblichen Bereich gut ausgebildet und können schnell vermittelt werden. Auch wer handwerklich etwas drauf hat, findet in der Regel schnell Arbeit. Schwierigkeiten gibt es hingegen im kaufmännischen, erzieherischen und akademischen Bereich. Der Grund laut Preller: „Die Ausbildung in einem anderen Gesellschaftssystem hilft wenig bei veränderten Vorgaben in einem demokratischen Staat.“ Vorurteile, die „Ossis“ würden den „Wessis“ Arbeitsplätze wegnehmen, bezeichnet Preller als absoluten Quatsch. „Im Gegenteil. In bestimmten Bereichen helfen sie, Mängel zu beheben.“ Mehr dran ist offenbar an den Befürchtungen, dass die Übersiedler dem Leistungsdruck eines Acht-Stunden-Tags nicht gewachsen sind. Arbeitgeber hätten ihm bestätigt, dass es manchen auch an Eigeninitiative und Dynamik fehle, sagt Preller damals. „Aber wen wundert‘s, wenn in der Vergangenheit der Staat die meisten Entscheidungen abgenommen hat?“

Den größten Raum in der Berichterstattung nimmt das Notaufnahmelager in Geretsried ein, welchem unsere Zeitung dieser Tage einen eigenen Artikel gewidmet hat. „200 DDR-Flüchtlinge seit gestern in Geretsried“, „Wir haben’s im Griff“ oder „Die Übersiedler haben sich vorbildlich verhalten“ – so und so ähnlich lauten die Schlagzeilen. Die Artikel schildern, wie die ersten Flüchtlinge ankommen, nahrungstechnisch sowie medizinisch versorgt und registriert werden. Eine von ihnen ist Britta Hecks. Sie fährt mit dem Taxi von Prag zum Grenzübergang Waidhaus, ist mehr als 24 Stunden unterwegs. Paul Günther flieht vom Arbeitsplatz weg. Seine Familie lässt er zurück, er will sie sobald wie möglich nachholen. Auch wenn alles kurzfristig und hektisch ist, Schulpersonal, BRK und THW rund um die Uhr im Einsatz sind – Willy Schütz, Leiter der Katastrophenschutzschule, ist zufrieden. „Es gibt keine gravierenden Mängel. Die Leute sind sehr diszipliniert“, lobt er.

Wenige Tage später ist alles vorbei, der Alltag kehrt wieder ein. Am 15. November berichtet unsere Zeitung, dass die letzten Aussiedler das Gebäude an der Sudetenstraße verlassen haben und keine neuen nachkommen. Die, die ihre ersten Tage in Westdeutschland auf Geretsrieder Boden verbracht haben, sind dankbar. „Die Versorgung war toll“, sagt etwa Mike Glaubitz aus Ost-Berlin. „So eine Freundlichkeit findet man bei uns selten.“

Zurück zum Trabi: Die auch „Rennpappe“, „Sachsenporsche“ oder „Fluchtkoffer“ genannten Kleinwagen tuckern vor 25 Jahren auch durch den Nordlandkreis. Freundliche Worte findet der Kollege für das erste Exemplar, das sich in Münsing findet, allerdings nicht. Von einem „hässlichen und qualmenden Ungetüm“ schreibt er – und übertreibt maßlos. Oder wussten Sie etwa nicht, dass der Trabi sogar mal den zweiten Preis in einem Windkanalwettbewerb gewonnen hat? Den ersten Platz belegte – eine Schrankwand. Frederik Lang

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