Gelungene Premiere: Autor Harald Kämmerer (re.), begleitet von Reinhard Soll, im Münsinger Freiraum. Foto: sh

Mönch auf Abwegen

Münsing - Lesung mit Hörspielcharakter: Autor Harry Kämmerer und Gitarrist Reinhard Soll begeistern ihr Publikum im Freiraum Münsing.

Über die Leinwand flimmern Standbilder aus dem Münchner Untergrund. Lauschige Gitarrenklänge weben den passenden Soundtrack, während der Autor in die Szenerie einführt. „Auch in Nymphenburg und Grünwald machen sich die Leute kalt. München bleibt ein guter Ort, für Gewalt und Raub und Mord.“ Mit einem lauten „Pflatsch“ unter den dottergelben Türmen der Theatinerkirche beginnt der Roman „Heiligenblut“ von Harry Kämmerer. Der Münchner Autor und Verlagsredakteur gab diese Mischung aus Kriminal-Roman und Krimi-Komödie bei der ersten Lesung im Münsinger Freiraum zum Besten.

Die Premiere im neuen Ambiente des früheren „Marcipane“ war gleichzeitig eine „Finissage“, wie der Autor (der bereits mit seinen Romanen „Isartod“ und „Die schöne Münchnerin“ in Münsing zu Gast war) eingangs verriet. In Kürze erscheint mit dem Titel „Pressing“ das vierte Buch des gebürtigen Passauers, weshalb er zum letzten Mal aus „Heiligenblut“ las.

Ein Mann in schwarzer Soutane ist am helllichten Tag aus dem vierten Stock eines Rokoko-Palais in der Kardinal-Faulhaber-Straße gestürzt. Schnell findet das schräge Ermittlerteam der Mordkommission I - Chef Mader mit seinem Dackel Bajazzo, „Soulman“ Hummel, der „oft mit einer Prise zu viel Testosteron ermittelnde“ Zankl und Dosi, rothaarige Niederbayerin mit losem Mundwerk - heraus, dass der tote Mönch auf finsteren Abwegen wandelte. Bruder Wolfgang war in dubiose Immobiliengeschäfte verstrickt und führte ein verhängnisvolles Doppelleben - inklusive Geliebter, die in einer geheimen Zweitwohnung (die vor den Augen der Kommissare in die Luft fliegt) tot in der Badewanne liegt, vom Säurebad zerfressen.

Der Abend wurde ein wahres Hörvergnügen für die rund 30 Gäste. Mal in ruhigem Erzählton, mal in Sprechgesang, dann in hastigem Stakkato ließ Kämmerer seine Protagonisten lebendig werden. Wie im Buch, das die Kriminalgeschichte zwischen München, Niederbayern und Passau in kleinen und kleinsten Kapiteln erzählt, reihte der Autor kurze Szenen aneinander. Das forderte den Zuhörer, der konzentriert bleiben musste, um der gleichermaßen furiosen wie kuriosen Verbrecherjagd folgen zu können. Doch auch wer zwischenzeitig den Handlungsstrang verlor, kam auf seine Kosten. Dafür sorgten einige ausgewählte Szenen, mit denen Kämmerer für kollektive Lachsalven sorgte - zum Beispiel, als Ermittlerin Dosi sich in ihr Dirndl zwängt („Fränkie würde ausflippen. Dekolleté wie Honigmelonen bei ihrem Türken an der Landshuter Allee“) oder als der verstorbene „fette Dillinger“ aus dem Lieferwagen rutscht und „mit über 30 Stundenkilometern in edles Eichenholz gepackt die steile Bergstraße hinab in Richtung Donau zischt“.

Wunderbar ergänzt wurde der locker-saloppe Sprachstil, in dem der Autor seine Geschichten erzählt, von den Klängen, die Hobby-Musiker Reinhard Soll seiner Fender-Gitarre entlockte. Mal chillig-entspannt, mal rockig, mal samtweich, mal jaulend - etwa wenn den Kommissar nach dem Genuss von zuviel Bärwurz der Kater plagt. In perfektem Zusammenspiel machten Erzähler und Musiker die Lesung zu einem literarischen Event mit Hörspielcharakter. „Köstlich“, fasste eine amüsierte Zuhörerin es am Ende treffend zusammen.

Rudi Stallein

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