Dr Jörg Lohse auf einer Wiese
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Naturbursche: Auf Streifzügen über Felder und durch Wälder kann Dr. Jörg Lohse (57) vom anstrengenden Alltag als Allgemeinmediziner und ärztlicher Koordinator der Kassenärztlichen Vereinigung im Landkreis abschalten. Der Münsinger Lohse ist auch Jäger.

Interview mit dem ärztlichen Koordinator

Corona-Koordinator Dr. Jörg Lohse über hohe Berge, kluge Ehefrauen und die dritte Welle

  • vonPeter Borchers
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Eigentlich hatte Dr. Jörg Lohse als Hausarzt genug zu tun. Dann kam Corona - und der ärztliche Koordinator des Landkreises musste die Maßnahmen gegen die Pandemie struktutieren.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Wenn in der Region die Rede von Impfungen, Schnelltests und Strategien gegen das Virus ist, fällt oft sein Name: Dr. Jörg Lohse versucht als ärztlicher Koordinator der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB), im Landkreis die Maßnahmen gegen Corona zu strukturieren. Er habe sich diesen Job nicht ausgesucht, der Job habe eher ihn gefunden, verrät der 57-Jährige im Interview mit unserer Zeitung.

Als Hausarzt in Münsing hat Lohse eigentlich genügend zu tun. Doch der gebürtige Münchner erkannte früh die Dimension der Pandemie und spreizte sich in die Thematik rein – „denn wenn ich etwas mache, mache ich es richtig“.

Herr Dr. Lohse, wann wussten Sie, dass Sie Arzt werden wollen?

Dr. Jörg Lohse: Über Besuche bei meinem Hausarzt habe ich früh gemerkt, dass das genau mein Ding wäre. Als ich mich in der 11.  Klasse auf zwei Leistungskurse festlegen musste, habe ich mir aber gesagt: Wenn du Medizin studieren willst, machst du jetzt etwas, was du später nie wieder machst. Also habe ich Englisch und Altgriechisch gewählt. Ich habe oft diametral etwas anderes getan als das, was ich eigentlich wollte. Ich dachte, Medizin mache ich mein Leben lang, dann brauche ich nicht schon mit Bio und Chemie in der Schule anzufangen. Bei der Bundeswehr ähnlich: Als ich gefragt wurde, ob ich Sanitäter werden möchte, habe ich gesagt: Nö. Ich bin lieber nach Mittenwald zu den Gebirgsjägern gegangen und ein bisserl auf die Berge gestiegen.

Sie mögen die Berge?

Dr. Jörg Lohse: Sehr, aber für die großen Sachen habe ich im Moment leider zu viel Gewicht und zu wenig Kondition.

Das wäre der richtige Grund, um wieder mit dem Berggehen anzufangen.

Dr. Jörg Lohse: Ja, wenn’s mal rum ist. Das sind so meine Träume. Aber eine volle Hausarztpraxis ist ein 50-Wochenstunden-Job, und jetzt noch die anderen Sachen nebenher – da ist das nicht zu schaffen.

Was war Ihr höchster Gipfel?

Dr. Jörg Lohse: Der Kilimandscharo während meiner Studienzeit. Und hier in Europa die Königsspitze (5895 Meter beziehungsweise 3851 Meter hoch, Anm. d. Redaktion).

Für das Hobby Berge fehlen Ihnen aktuell Zeit und Fitness. Hat Ihre Familie angesichts Ihres engen Terminkalenders wenigstens noch etwas von Ihnen?

Dr. Jörg Lohse: Meine Frau ist immer noch die Erstauflage, das passt also gut (lacht). Meine Töchter sind alle erwachsen. Alle drei wurden Ärztinnen und arbeiten in diversen Krankenhäusern. Durch die Älteste bin ich auch schon Großvater geworden. Ich bin gut eingebettet in die Familie, ich lebe gemütlich vor mich hin, mache meine Sachen, die allerdings sehr engagiert.

Auch als ärztlicher Koordinator der KVB hängen Sie sich richtig rein.

Dr. Jörg Lohse: Diese Rolle habe ich mir nicht aktiv ausgesucht. Sie ist mir wie vieles zugeflogen. So wie meine Wohnungen (lacht). Einmal in meinem Leben habe ich eine gesucht, alle anderen wurden mir immer angeboten.

Sie hätten diesen Job ablehnen können. Auch ohne ihn haben Sie reichlich Arbeit. Warum also diese zusätzliche Last?

Dr. Jörg Lohse: Das kann ich Ihnen gar nicht so genau beantworten. Wir hatten ja schon einige Epidemien – die Vogelgrippen, die Schweingrippe. Das habe ich alles registriert – und wieder zur Seite geschoben. Als es mit Corona losging, war mir bald klar: Hoppla, das Muster ist dieses Mal anders. Hier kommt etwas wirklich Bedrohliches. Schon im Januar 2020 habe ich ein bisschen kassandramäßig davor gewarnt und zwei Monate, bevor es richtig losging, Schutzanzüge, Masken und dergleichen besorgt. Natürlich viel zu wenig, auch ich habe das völlig unterschätzt.

Wie ging es danach weiter?

Dr. Jörg Lohse: Mein tolles Team (Lohse führt mit zwei Kollegen eine Gemeinschaftspraxis, Anm. d. Red.), das mich eigentlich als tiefenentspannt kennt, hat sich über meine Besorgnis zunächst gewundert. Da kommt ein Krieg, etwas Böses auf uns zu, gegen das wir uns wappnen müssen, habe ich meinem Team gesagt. Die Kollegen haben mir vertraut, wir organisierten den Praxisbetrieb um, arbeiteten in einem Zweischichtsystem, in dem sich die Teams nicht trafen. Auch anderen, zum Beispiel unserem Bürgermeister (Michael Grasl, Anm. d. Redaktion) hatte ich meine Sorgen mitgeteilt. Er hat daraufhin für die Gemeindeverwaltung Vorkehrungen getroffen. Ich war aber nicht der Missionar, der gesagt hat, hier ist meine Fahne, folgt mir. Mein Bauchgefühl hat mir einfach gesagt: Hier passiert etwas, das nicht gut ist.

Der Knackpunkt war dann, als Münsing – ausgehend von einer Maifeier – zum Corona-Hotspot im Landkreis mutierte. Richtig?

Dr. Jörg Lohse: Stimmt. Als die Leute reihenweise krank wurden, habe ich gesehen, das wir mit unserer bisherigen Logistik – ab und zu mal ein Abstrich – nicht mehr weiterkommen. In der Folge habe ich versucht, übers Gesundheitsamt, über Kollegen, über das Robert-Koch-Institut mehr zu erfahren. Aber die waren alle mit sich selbst beschäftigt. Ich war in meinem Leben noch nie entscheidungsschwach, habe nicht umsonst sechs Jahre Medizin studiert und zwei Jahre bei der Bundeswehr Erfahrungen in der Logistik gesammelt. Also habe ich mir gesagt: Wenn die anderen abtauchen, dann nehme ich das eben selbst in die Hand. Anfangs hat die Kommunalverwaltung etwas misstrauisch auf diesen Überaktivling aus dem Landkreisnorden geblickt. Das hat mich aber nicht gejuckt. Fairerweise muss ich sagen: Nur ein Teil der Kommunalverwaltung war paralysiert in dieser Chaosphase der ersten sechs Wochen. Ein anderer Teil, der Katastrophenschutz, war elektrisiert.

Wie sind Sie die Arbeit angegangen?

Dr. Jörg Lohse: Unsere Antenne auf dem Dach war kaputt, der Fernseher ist ausgefallen. Also hatte ich abends etwas mehr Zeit, um mir Gedanken zu machen. Wir brauchten ungefährliche Möglichkeiten, massenhaft Abstriche zu machen, Patienten zu besuchen und zu untersuchen. Wir mussten unsere eigenen Teams schützen. Ich habe ein bisschen herumgetüftelt. In diesem ganzen anfänglichen Chaos hat es sich dann ergeben, dass ich die Führung übernehme. So hat sich das gesamte System gebildet. Der Fernseher geht inzwischen übrigens wieder, aber ich habe mich ans Nicht-Schauen inzwischen gewöhnt.

Zu dem von Ihnen angesprochenen System gehörte bald auch die eigens geschaffene Corona-Praxis in Wolfratshausen – die Sie gar nicht für sinnvoll hielten.

Dr. Jörg Lohse: Ja, für mich war das Quatsch. Niemand in Lenggries mit 40 Grad Fieber fährt in eine Praxis nach Wolfratshausen. Ich hielt eine Abstrichstation und einen Hausbesuchsdienst für besser als eine Corona-Praxis. Aber die war politischer Wille. Also habe ich mir gedacht: Wenn das schon unbedingt sein muss, dann halte ich wenigstens ein Auge drauf. Sabotieren ist niemals mein Weg. Wenn sie unbedingt kommen soll, tue ich alles, damit es gut wird.

Viel war dort nicht los.

Dr. Jörg Lohse: In den rund zwei Monaten kamen fünf Patienten. Anfang Juli 2020 war die Praxis wieder zu, weil der Katastrophenfall mit einem Schlag beendet wurde.

Für Sie war die Krise aber längst nicht ausgestanden?

Dr. Jörg Lohse: Nein. Mir war klar, dass im Herbst und Winter die Infektionszahlen wieder steigen werden. Und beim Katastrophenschutz haben sie mir inzwischen zugehört, da ist ein Vertrauensverhältnis entstanden. Also haben wir die Covid-Praxis nur eingemottet. Mitte September ging’s wieder los. Dann kam man aktiv auf mich zu. Der KVB wollte einen ärztlichen Koordinator, und der Landkreis sollte darüber mitbestimmen.

Haben Sie sofort zugesagt?

Dr. Jörg Lohse: Nein, ich habe meine Frau gefragt, ob ich es machen soll.

Was hat sie Ihnen geraten?

Dr. Jörg Lohse: Sie hat mich angegrinst und gesagt: Erstens machst du es sowieso. Und zweitens wäre es für dich schlimmer, zusehen zu müssen, wenn etwas falsch gemacht wird und dann herumzunörgeln. Meine Chefin hatte damit Recht. Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, helfe ich gerne mit. Ob in subalterner oder führender Rolle, ist mir dabei nicht wichtig.

Eine verständnisvolle und kluge Frau.

Dr. Jörg Lohse: Stimmt. Sie kennt mich gut, sie ist top.

Aus der Corona-Praxis wurde unter Ihrer Regie zunächst eine Infekt-Ambulanz. Was ist im Moment ihre dringlichste Aufgabe?

Dr. Jörg Lohse: Um das Thema Impfen tobt der Wahlkampf. Hier trete ich ein bisschen auf die Bremse. Wir haben durch unglaublich gute Vorarbeit zwei sehr gute Impfzentren, die noch nicht einmal zu 70 Prozent ausgelastet sind. Deshalb müssen wir nicht jetzt schon just for show in Hausarztpraxen Impfungen anbieten – zumal am 1. April gerade mal zehn Impfdosen geliefert werden sollen. Das ist für mich Schaufensterpolitik. Lieber machen wir es richtig ab Ende April – und dann alle gleichzeitig.

Dr Jörg Lohse ist Allgemeinmediziner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie - und aktuell viel beschäftigt als ärztlicher Koordinator in der Corona-Pandemie

Sie sind nicht nur Allgemeinmediziner, sondern auch Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Hilft Ihnen dieses Wissen in Ihrem Job?

Dr. Jörg Lohse: Meine Frau und ich hatten schon Kinder, als wir noch gar nichts verdient haben. In der Allgemeinmedizin war damals keine Stelle frei, folglich habe ich die erste Stelle genommen, die ich bekommen konnte – in der Psychiatrie in Haar. Aus den dort ursprünglich geplanten sechs Monaten sind zwölf Jahre geworden. Auch hier war mein Motto: Entweder mache ich es richtig oder gar nicht. Psyche und Körper gehören für mich untrennbar zusammen. Die sich in dieser Pandemie entwickelnden Gruppendynamiken, die soziologischen Auswirkungen gehören mitbehandelt. Das ist mir als Arzt sehr, sehr wichtig.

Sie tauchten in den vergangenen Monaten oft in den Medien auf. An exponierter Stelle arbeitenden Menschen schlägt in Deutschland nicht selten Neid entgegen. Haben dieser Hinsicht Erfahrungen gemacht?

Dr. Jörg Lohse: Bisher nicht, nein. Vielleicht bin ich auf diesem Auge auch blind. Ich laufe jetzt aber auch nicht durch die Gegend und posaune herum. G’scheithaferln mag ich nicht. Ich sage meist erst etwas, wenn ich gefragt werde. Nur wenn ich sehe, dass die Hütte brennt, mache ich meinen Mund auf – so wie im vergangenen Juli, als ich die Leute genervt habe mit meiner düsteren Prognose für den Herbst.

Wann werden wir die Pandemie überwunden haben?

Dr. Jörg Lohse: Ich bin jetzt kein Christian Drosten (einer der führenden Virologen Deutschlands, Anm. d. Red.), aber aus medizinischer Sicht, glaube ich, werden wir Corona im Laufe des Jahres so klein kriegen, dass es nicht mehr das dominierende Thema ist. Da bin ich relativ optimistisch. Was mir ein bisschen Sorge macht, sind die Mutationen. Auf der anderen Seite haben wir inzwischen so viel gelernt und machen so viel richtig, dass auch das nur eine Begleiterscheinung sein wird. Wir werden einmal im Jahr zum Impfen gehen müssen, um unseren Schutz gegen irgendwelche Mutationen aufzufrischen. Ich fürchte allerdings, dass die dritte Welle uns nochmals böse beuteln wird, wir mit den Kapazitäten in den Krankenhäusern an unsere Grenzen stoßen werden. Erst nach Pfingsten wird sich die Lage entspannen, und der nächste Winter wird nicht mehr so schlimm wie der letzte.

Die Spanische Grippe tobte zwischen 1918 und 1920 in drei Wellen um die Welt. Sie forderte rund 50 Millionen Tote – manche Schätzungen sprechen gar von 100 Millionen – , bis sie auf einmal verschwand, und dies ganz ohne Impfmaßnahmen. Kann das mit Corona nicht auch passieren?

Dr. Jörg Lohse: Möglich ist es. Im Moment lernen wir: Mutationen sind böse und gefährlich. Aber sie können auch retten. Stellen Sie sich vor, in Münsing oder Wanne-Eickel bildet sich jetzt gerade eine Mutation, die extrem ansteckend ist, die uns aber nicht krank macht oder gar umbringt. Diese Mutation donnert durchs Land oder durch die Welt, und etwa 70 Prozent der Menschen stecken sich – ähnlich dem Herpesvirus – damit an. Wenn das passieren würde, und wir dadurch gegen die bösen Viren eine Immunität aufbauen, dann hätten wir es geschafft.

Herr Dr. Lohse, eine letzte Frage: Für die Berge fühlen Sie sich nicht fit genug, Fernsehen haben Sie sich abgewöhnt. Wie und wo können Sie Corona mal für ein paar Stunden vergessen?

Dr. Jörg Lohse: Ich gehe zum Jagen und gelegentlich zum Fischen. Ich hatte das Glück, zum Jagdpächter meines eigenen Dorfes zu gewählt zu werden. Ich mag es, durch den Wald zu streifen und mir die Nase anfrieren zu lassen. Und ab und zu spiele ich den Großpapa, das entspannt auch.

Das Gespräch führte Peter Borchers

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