+
Kennenlernen bei Kaffee und Kuchen: Helferkreis-Koordinatorin Regina Reitenhardt inmitten von Helfern und Flüchtlingen beim ersten „Café der Begegnung“ hier mit Helfer Dieter Rex-Stingl (li.) und Hans Khomenko (re.).

„Café der Begegnung“

Asylbewerber und Einheimische treffen sich in Münsing

Münsing - Zum ersten Mal treffen sich Asylbewerber und Einheimische zum Austausch im Münsinger Pfarrsaal: Im "Café der Begegnung".

Luftschlangen als Tischdekoration, Teller voll Krapfen, ein Film vom Münsinger Faschingsumzug aus dem Jahr 2009 flimmert über die große Leinwand. „Vielleicht möchten Sie nachher unseren Asylbewerbern ein bisschen was über unsere fünfte Jahreszeit hier erzählen“, ermuntert Regina Reitenhardt die einheimischen Besucher. Etwa genau so viele von ihnen wie Asylbewerber sind am Samstagnachmittag in den Pfarrsaal gekommen, zum ersten „Café der Begegnung“, initiiert vom ehrenamtlichen Helferkreis der Gemeinde und dem Pfarrgemeinderat.

Die Koordinatorinnen Regina Reitenhardt, Anke Mai und Traudl Linhuber haben an alles gedacht. Es gibt Kaffee, aber auch Tee, den viele Syrer und Afghanen lieber trinken. Außer Krapfen darf sich jeder selbstgebackenen Kirschkuchen und Kekse nehmen. Nach und nach füllt sich der Saal, so dass Regina Reitenhardt schon glaubt, die Trennwand entfernen und anbauen zu müssen. Aber dann findet doch jeder einen Platz. Man rückt einfach zusammen, was viel gemütlicher ist.

Auch der Bürgermeister schaut vorbei

Die syrische Familie mit Kleinkind auf dem Schoß und Baby im Kinderwagen setzt sich neben zwei Jugendliche aus Münsing, die zu dem Treffen gekommen sind ohne im Helferkreis aktiv zu sein. Auch Bürgermeister Michael Grasl schaut vorbei. Einige allein nach Deutschland geflüchtete junge Männer aus Afghanistan, die im Gemeindesaal untergebracht sind, unterhalten sich mit ihren Paten, zwei Männern aus Degerndorf. Einer dieser Flüchtlinge, ein 21-Jähriger, der nicht namentlich genannt werden möchte, erzählt in gutem Englisch, dass er in seiner Heimat Städteplanung studiert habe. Ein Jahr fehle ihm noch, er wolle gerne in München seinen Abschluss machen. Der junge Mann hatte bereits einen ersten Interview-Termin im Rahmen des Anhörungsverfahren. Zum zweiten ist er Anfang Februar eingeladen. Er würde sehr gerne in Deutschland bleiben, sagt der Afghane. Sein Pate ist Hans Khomenko (66). Zusammen mit Dieter Rex-Stingl (52) engagiert er sich seit Oktober ehrenamtlich in der Helfergruppe.

Seit November kümmern sich die beiden Degerndorfer um die Asylbewerber, die der Landkreis vorübergehend im Gemeindesaal unterbringt. Dort herrscht laut Regina Reitenhardt eine hohe Fluktuation. Trotzdem erhält jeder, der es möchte, kostenlosen Sprachunterricht und Unterstützung durch die Ehrenamtlichen. „Fast alle wollen Deutsch lernen und sie sind sehr fleißig“, sagt Regina Reitenhardt. Die jungen Männer würden auch gerne mit anpacken, „sie wollen eine Aufgabe haben“, berichtet Dieter Rex-Stingl. Der Frührentner hat gemeinsam mit Asylbewerbern eine Kleiderkammer im Pallaufhof eingerichtet. Zuvor betreute er eine Familie mit zwei Kindern aus Syrien als Pate. Die Eltern seien mit ihrem 13 Monate alten Kleinkind und einem auf der Flucht zur Welt gekommenen Baby von Syrien über die Türkei, Bulgarien, Ungarn und Österreich nach Bayern geflüchtet. Drei Monate lang seien sie unterwegs gewesen. Angst, Kälte und Hunger hätten sie ertragen. „Diese Familie war am Anfang psychisch sehr labil. Inzwischen lebt sie in Walchstadt. Wir haben immer noch Kontakt“, erzählt Betreuer Rex-Stingl.

Warum er sich engagiert? „Man bekommt sehr viel zurück. Du musst aber auch aufpassen, dass du nicht zu enge Freundschaften schließt. Sonst heulst du jedes Mal, wenn deine Asylbewerber weiterziehen“, weiß der 52-Jährige. Hans Khomenko lobt die Münsinger: „Die helfen mit Sachspenden wie Computern, Winterkleidung oder Fahrrädern“, sagt er. Man verwöhne die Flüchtlinge aber keinesfalls. Wenn beispielsweise ihr Guthaben fürs Handy immer schnell aufgebraucht sei, stecke man ihnen kein Geld zu. Sie müssten lernen, mit ihrem vom Landkreis ausgezahlten monatlichen Taschengeld zu haushalten.

40 bis 50 aktive Helfer gehören dem Kreis laut Regina Reitenhardt aktuell an. Insgesamt führe sie rund 80 Personen in ihrer Helferliste. Die Koordinatorin selbst steckt nach eigenen Angaben zur Zeit täglich vier Stunden in ihr Ehrenamt. Das Schöne für die Sozialreferentin des Gemeinderats dabei ist: „Man lernt Menschen kennen – auch Münsinger – die man unter normalen Umständen nie kennengelernt hätte. Das bereichert ungemein.“ Das große Ziel der Helfer sei im Moment, für die Asylbewerber, die schon länger in der Gemeinde leben, Arbeit zu finden. In einem Fall sei es bereits gelungen. Ein Mann habe eine Festanstellung bei der Gemeinde erhalten. Viele andere würden für 1,05 Euro gemeinnützige Arbeiten verrichten wie Mittagessen an der Münsinger Grundschule ausgeben. Reitenhardt freut sich: „Wir werden vom Landratsamt gelobt, dass bei uns alles so friedlich und reibungslos abläuft.“

von Tanja Lühr

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Der Wenzberg bleibt der Wenzberg - vorerst
Der Wenzberg bleibt nach einem Architekten mit nationalsozialistischer Vergangenheit benannt - zumindest vorerst. Eine Entscheidung über die Umbenennung der Straße soll …
Der Wenzberg bleibt der Wenzberg - vorerst
Tafel-Chef Peter Grooten ist verstorben
Peter Grooten wusste genau, was er wollte. Und was er wollte, das setzte er durch. Zum Glück für die Geretsrieder-Wolfratshauser Tafel. Der gebürtige Sauerländer …
Tafel-Chef Peter Grooten ist verstorben
Autohaus Kern muss schließen
Das Autohaus Kern an der Elbestraße war einst ein florierendes Unternehmen mit bis zu 40 Mitarbeitern. Doch das ist Vergangenheit. Jetzt ist der Traditionsbetrieb …
Autohaus Kern muss schließen
Karl-Lederer-Platz: Grundwasserproblem schlägt Wellen
Geretsried - „Warum baut man keinen Regenwasserkanal?“, fragte Doris Semmler am Stammtisch des CSU-Ortsverbands am Sonntag im Gasthof Geiger. Die Vertreterin der …
Karl-Lederer-Platz: Grundwasserproblem schlägt Wellen

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion