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Der Maibaum beim Gasthaus Grossmann.

Der Ost-West-Konflikt

Darum stehen in der Gemeinde Münsing zwei Maibäume

Warum gibt es in Münsing eigentlich zwei Maibäume in nur rund 200 Meter Entfernung voneinander? Antworten auf diese und andere Fragen zur Ortsgeschichte geben die neuen Tafeln auf dem Dorfplatz.

Münsing – Historiker Dr.  Johannes Bernwieser, der auch die Münsinger Chronik erstellt, hat die Texte geschrieben. Grafiker Fritz Wagner aus Ambach hat die Tafeln gestaltet. Auf ihnen erfährt der Leser, dass Münsing ein „Dorf mit zwei Wurzeln“ ist. Es lässt sich auf zwei ehemals getrennte Siedlungen zurückführen, zum einen auf das Sedeldorf im heutigen Ostteil des Ortes, zum anderen auf das Pfarrdorf im heutigen Westteil.

Die „Ouschn“ und die „Weschn“

Zuerst gab es laut Bernwieser wohl das Sedeldorf. Der dort lebende Adel stiftete im achten Jahrhundert die Münsinger Kirche. Um sie herum bildete sich das Pfarrdorf. Trennlinie zwischen den beiden Ortsteilen ist die Gasse zwischen den Anwesen Bachstraße 12 und 14. Auch wenn Sedeldorf – von den Einheimischen „Ouschn“ für Osten genannt – und Pfarrdorf alias „Weschn“ seit Langem zusammengewachsen sind, ist die einstige Teilung noch bis heute nachvollziehbar, beispielsweise anhand der zwei Dorfwirtschaften oder der zwei Sektionen des Katholischen Burschenvereins, Münsing Ost und Münsing West, von denen jede ihren eigenen Maibaum aufstellt – die eine beim Neuwirt, die andere beim Altwirt.

Die Tafeln weisen überdies auf die Entwicklung des Münsinger Dorfplatzes und seines Umfelds im Mittelalter und in der Neuzeit hin. Das heutige Dorfplatzareal hatte im Laufe der Zeit viele Funktionen. Im Mittelalter war es Teil der Allmende des Pfarrdorfs. Das bedeutet, dass diese zentrale Fläche gemeinsamer Besitz aller Pfarrdörfler war und von allen genutzt werden konnte. Als 1794 am nördlichen Rand der Allmende im heutigen Anwesen Bachstraße 1 die erste Münsinger Schule ihren Betrieb aufnahm, wurde auf dem Platz ein großer Schulgarten angelegt. 

Notunterkünfte nach Kriegsende

Der Maibaum beim Gasthaus Limm.

Dieser Nutzgarten musste im 19. Jahrhundert dem Gemeindehaus weichen, einem einfachen zweigeschossigen Zweckbau. In ihm waren die Gemeindeverwaltung und – nachdem die alte Schule zu klein geworden war – die zweite Münsinger Schule sowie später ein Kindergarten untergebracht. Auch die zweite Schule wurde rasch zu klein, sodass man sich 1890/91 entschied, an der Weipertshausener Straße eine dritte zu errichten.

In der Zeit des Nationalsozialismus entstanden auch auf dem Dorfplatzareal neue Gebäude. Das Gemeindehaus erhielt 1937 im Westen einen Erweiterungsbau für die Hitlerjugend. In der nördlich vom Gemeindehaus errichteten Baracke – hier sollten eigentlich Dorfwaage und Leichenwagen untergestellt werden – waren zwischen 1939 und 1945 die nach Münsing verbrachten männlichen Zwangsarbeiter untergebracht. Diese wurden, nachdem sie tagsüber auf den Höfen und Feldern die befohlenen Dienste verrichtet hatten, in der Baracke eingeschlossen, während die Zwangsarbeiterinnen auf den Höfen bleiben mussten.

Als sich nach Kriegsende aufgrund der vielen Flüchtlinge die Einwohnerzahl Münsings fast verdoppelte, wurden die Gebäude am Dorfplatz auch als Notunterkünfte genutzt. Nach dem Umzug der Gemeindeverwaltung an die Weipertshausener Straße um 1964 dienten sie als Wohnraum.

Dorfplatz als Ort der Begegnung

1989 wurden Gemeindehaus und Baracke abgetragen. 1997 musste wegen des Lüßbach-Ausbaus das in der Nachkriegszeit im Südwesten des Areals errichtete ehemalige Bankgebäude mit Lagerhaus ebenfalls abgerissen werden. Als auch der in den 1990er Jahren auf dem Platz aufgestellte und als provisorische Postfiliale genutzte Container entfernt wurde, konnte mit den Planungen zur Gestaltung des Dorfplatzes in seiner heutigen Form begonnen werden.

16 Münsinger Bürger entwickelten in Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat und einem Architekten das 2001/2002 umgesetzte Konzept, das der ersten Funktion des Areals nicht unähnlich ist. Wie im Mittelalter ist ein zentraler Platz entstanden, der für das Dorfleben von großer Bedeutung ist: als Treffpunkt für Bewohner, Besucher und Freunde der Gemeinde Münsing, als Ort der Begegnung, des Austauschs und des Feierns.

Der Platz wurde wie berichtet kürzlich um eine Attraktion bereichert. Neben dem Café Freiraum, der Eisdiele und der Rundbank des Ostuferschutzverbands lädt das Loriot-Denkmal zum Verweilen ein. Die Szene der beiden sich streitenden „Herren im Bad“ lässt sich wiederum auf die uralte Fehde zwischen „Ouschn“ und „Weschn“ übertragen.

Tanja Lühr

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