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Schaut öfters nach dem Rechten: Hobbyhistoriker Walter Holzer vor der Maria-Denk-Kapelle.

Serie: „Unsere Hausberge“

Hier oben wird alles gut: Mit Walter Holzer auf dem Fürst Tegernberg

Nicht nur im Südlandkreis stehen Berge. Auch der Norden hat ein paar, sagen wir, markante Hü- gel aufzuweisen. So klein sie auch sein mögen, so wichtig sind sie für ihre Städte und Gemeinden. Heute geht es mit Hobbyhistoriker Walter Holzer auf den Fürst Tegernberg bei Degerndorf.

Degerndorf – Woher der 719 Meter hohe Hügel im Münsinger Ortsteil Degerndorf seinen Namen hat, ist nicht überliefert. In alten Schriften heißt er mal „Firstöger“, mal „Fürstegernberg“. „Mit einem Fürst hat er aber wohl eher nichts zu tun“, sagt Walter Holzer. Der Geretsrieder (80) hat sich vor 20 Jahren intensiv mit der Geschichte Degerndorfs befasst und das Buch „Degerndorf – eine Häuser- und Familienchronik“ verfasst. Auf die Idee kam er, nachdem er über die Holzers zwischen Icking und Königsdorf recherchiert hatte (ebenfalls als Buch erschienen). In Degerndorf lebten und leben sehr viele von Walter Holzers Vorfahren und Verwandten.

Viele Gläubige besuchen die Maria-Dank-Kapelle

Den Fürst Tegernberg besteigt der 80-Jährige regelmäßig von der Straße zwischen Degerndorf und Oberambach aus. Auf einer der Bänke unter den mächtigen Linden genießt der viel beschäftigte Rentner die Aussicht auf den Starnberger See und die Alpen. Außerdem schaut er nach dem Rechten in der Maria-Dank-Kapelle. „Ah, da liegt ja noch der Rosenkranz, den meine Frau beim letzten Mal auf dem Weg hier rauf gefunden hat“, sagt Holzer und zeigt auf die rosafarbene Gebetskette, die auf dem Tisch mit den Opferkerzen liegt.

Dass viele Gläubige aus Degerndorf und von weiter her die Kirche besuchen, sieht man an den Einträgen im Gästebuch auf dem Altar. „Heilige Mutter Gottes, ich danke Dir, dass es meiner Familie und dem Baby in meinem Bauch gut geht“, hat eine Frau geschrieben. Andere Besucher bitten um gutes Gelingen bei einer bevorstehenden Prüfung, um Genesung für sich oder ihre Angehörigen. Dem Fürst Tegernberg mit seinem Kirchlein im gotischen Stil wird etwas Mystisches nachgesagt. Vielleicht liegt es an der Geschichte der Kapelle, dass viele Menschen glauben, hier oben werde alles gut.

Alpenpanorama: Vom Fürst Tegernberg aus hat man einen schönen Blick in die Berge.

Holzer erzählt sie uns: Die damals noch selbstständige Gemeinde Degerndorf lag im Zweiten Weltkrieg am Rande einer Einflugschneise der alliierten Bomberverbände, die ihre tödliche Fracht nach München brachten. Am 22. November 1944 gingen 20 schwere Sprengbomben zwischen Bolzwang und Degerndorf nieder. Zum Glück richteten sie nur Flurschaden an. „Man vermutete einen Fehlabwurf, der eigentlich die Eisenbahngleise treffen sollte, auf denen die Geretsrieder Munitionsprodukte abtransportiert wurden“, weiß Holzer aus Erzählungen der Dorfbewohner.

Flugzeug drohte ins Dorf zu stürzen

Nach diesem Schrecken folgte einen Monat später der nächste. Am Abend des 17. Dezember 1944 näherte sich eines von 180 Flugzeugen, die Münchens Innenstadt verwüstet hatten, lichterloh brennend Degerndorf. Die britische Lancaster, beladen mit Phosphorbrandbomben, drohte mitten ins Dorf zu stürzen. Aber kurz zuvor explodierte die Maschine in der Luft. Die Flugzeugteile wurden kilometerweit verstreut, das Phosphor regnete brennend vom Himmel, und die Felder standen in Flammen. Im Dorfteich zischte es von den herabfallenden, glühenden Teilen. Wie durch ein Wunder blieben die Degerndorfer erneut verschont.

Gut erreichbar: Auf den Tegernberg geht es an der Straße von Degerndorf nach Oberambach links hinauf.

Eines der sieben Besatzungsmitglieder konnte sich mit dem Fallschirm retten, die anderen sechs kamen ums Leben. Sie wurden von den Gemeindebürgern – entgegen der Anweisung der damaligen Kreisleitung der NSDAP – auf dem Friedhof von St. Michael beerdigt und die Kreuze – aufgrund der Erkennungsmarken – mit ihren Namen versehen. Als nach Kriegsende die Amerikaner Degerndorf besetzten und erfuhren, dass man die Engländer nicht anonym im Wald verscharrt, sondern würdig bestattet hatte, erließen sie als Dank und Anerkennung den Befehl, das Dorf nicht zu plündern.

Der überlebende Flugzeuginsasse hieß Charles Samuel Joce. Er besuchte Ende der 1950er-Jahre seinen Absturzort. Zu dieser Zeit stand dort bereits die von den Einwohnern im Gedenken an das Wunder errichtete Maria-Dank-Kapelle. Fast der gesamte Ort hatte sich mit großem Idealismus am Bau beteiligt. Die Burschen holten aus dem zerbombten München die Ziegelsteine und klopften sie ab. Zement, Holz und Nägel beschaffte man durch Tauschgeschäfte. Am 23. Mai 1948 wurde die Kapelle feierlich eingeweiht. Seither ziehen die Degerndorfer jeden 13. eines Monats von Mai bis Oktober abends in einer Dankprozession auf den Fürst Tegernberg. Expositus Ludwig Betzinger hatte dies gemeinsam mit der Kirchengemeinde von St. Michael vor dem Bau der Kapelle beim Sonntagsgottesdienst gelobt.

Tanja Lühr

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