Alte Zeiten, alte Schrift: Kassenbuch der Feuerwehr St. Heinrich hielt 125 Jahre lang
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Ausgaben 1985: In penibler Kurrentschrift hielten die St. Heinricher Kassiere Soll und Haben fest.

„Es war super, darin zu schmökern“

Alte Zeiten, alte Schrift: Kassenbuch der Feuerwehr St. Heinrich hielt 125 Jahre lang

  • Volker Ufertinger
    vonVolker Ufertinger
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Die Gründungsväter der Feuerwehr St. Heinrich erwarben 1894 ein Kassenbuch. Dieses war bis vor kurzem noch in Gebrauch - und bietet einen einmaligen Blick in die Vergangenheit des Vereins.

Münsing – Man schrieb das Jahr 1894, als die Feuerwehr St. Heinrich in der heutigen Fischerrosl gegründet wurde. Den Gründervätern ging es nicht nur darum, im Unglücksfall für ihre Mitbürger da zu sein, sondern auch, das Vereinsleben exakt zu dokumentieren. 

Feuerwehr St. Heinrich: Gründungsväter erwarben Kassenbuch

So erwarb man drei Bücher: Die Mitgliederliste, die Inventarliste und nicht zuletzt das Kassenbuch, oder vielmehr „Cassabuch“, wie es auf dem Deckblatt heißt. Ob man es glaubt oder nicht: Dieses Buch von anno dazumal war bis vor kurzem in Gebrauch. Durch Generationen ging es von Hand zu Hand. Erst im Jubiläumsjahr 2019 war es vollgeschrieben.

Bernhard Block, Kommandant der Feuerwehr

Anlässlich der 125-Jahr-Feier 2019 haben sich Kommandant Bernhard Block (28) und Erster Vorstand Nikolaus Huber (29) in die alten Bücher versenkt – und waren fasziniert. „Es war super, darin zu schmökern und die alten Geschichten zu lesen“, so Huber. 

Kassenbuch war bis vor kurzem in Gebrauch

Nicht anders erging es Bernhard Block, der bei der Lektüre immer wieder auf die eigene Verwandtschaft stieß. Klar, St. Heinrich ist nicht sonderlich groß, viele Familien sind seit Generationen dort ansässig, die Blocks speziell sind eine Feuerwehrfamilie durch und durch. „So habe ich etwa erfahren, dass mein Ururgroßvater auch schon Kommandant war“, erzählt er. Sein Name: Lazarus Schwaiger.

Die Einsätze von einst unterschieden sich gravierend von denen der Gegenwart. Wenn es brannte, wurde der Mesner, der neben der Fischerrosl wohnte, über ein Festnetztelefon verständigt – woraufhin er zur Kirche ging und die Glocken läuten ließ. 

Einsätze von damals unterscheiden sich gravierend von heute 

Die Lieblingsgeschichte von Bernhard Block: Einmal war die Feuerwehr St. Heinrich gezwungen, den Mitgliederbeitrag leicht zu erhöhen. Das gefiel nicht allen. Ein Mitglied erklärte, wie der Schriftführer exakt festhielt, um 21.30 Uhr seinen Austritt. „Um 21.33 Uhr ist er nach einigem Zureden wieder eingetreten“, erzählt Block mit einem Lachen. Auch das protokollierte der Schriftführer mit der gebotenen Gründlichkeit.

Was die Lektüre der drei Bücher erschwerte, waren für Block und Huber die damals übliche Kurrentschrift, die heute kaum mehr jemand entziffern kann. „Ich habe es von hinten nach vorne gelesen“, erzählt Block. So tastete er sich von der heutigen Schreibschrift langsam in die Vergangenheit vor. „Und manchmal habe ich mir auch Hilfe von älteren St. Heinrichern geholt.“

Nikolaus Huber, Erster Vorstand der Feuerwehr

Die Anschaffung der drei Bücher war für die Feuerwehr keine Kleinigkeit. „Das war so, wie wenn man sich heute einen Computer anschafft“, erzählt der Kassier Marino Nigojevic (31). Fest steht, dass die Qualität hoch war. 

Kurrentschrift erschwerte Lektüre der Bücher

Die Bindung ging auch in mehr als 100 Jahren nicht aus dem Leim, und das Papier bröselt nach wie vor kein bisschen. Das Mitgliederbuch war bis 1949 in Gebrauch, das Inventarbuch bis 1979 – und das Kassenbuch bis 2019.

Die ersten Eintragungen verraten viel über das damalige Vereinsleben. Unter „Ausgaben 1895“ etwa heißt es unter anderem: „Zeitung für Feuerlöschwesen 1,80 Mark, 16 Zigarren 96 Pfennige, 17 Liter Bier 4,08 Mark, Für Schreibpapier 20 Pfennige, Für Verbandstag nach Oberalting 5 Mark, Für Jahresbericht 10 Pfennige, Christbaumfeier 148,20 Mark.“ 

Eintragungen verraten viel über damaliges Vereinsleben

Der erste Brand, zu dem man ausrücken musste, ereignete sich 20. Juni 1896, er verursachte Kosten in Höhe von drei Mark. Bernhard Block fasst zusammen, was die Feuerwehr St. Heinrich durch alle Generationen hindurch auszeichnete: „Man war immer sparsam, aber man wusste schon auch zu feiern.“

Durch die intensive Beschäftigung sind die Bücher dem Vorstand sehr ans Herz gewachsen. Ans Münsinger Archiv abgeben möchten sie sie nur ungern, lieber sollen sie einen Ehrenplatz im Feuerwehrhaus erhalten. Und Kassier Marino Nigojevic verspricht, dass er die Tradition weiterführen will. 

Einnahmen und Ausgaben werden weiter handschriftlich festgehalten

Parallel zur Excel Tabelle wird er Einnahmen und Ausgaben weiter handschriftlich festhalten. „Ich mach das gerne, ein Riesenaufwand ist das nicht“, sagt er. Eine lesbare Handschrift hat er angeblich.

Ist auch gut so. In 125 Jahren könnte schließlich jemand auf die Idee kommen, in den alten Bänden zu blättern.

Henriette Poincaré, Frau des französischen Staatspräsidenten, galt als Wolfratshauserin. Die Soldaten im Ersten Weltkrieg wollten sie als Beute mit nach Hause bringen.

vu

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