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Soziales Engagement: Georg Graf mit einem Teil der Schüler, die Freudenberg in seinem Trainingscenter in Nagapattinam in Tamil Nadu ausbildet.

„Verschiedene Kulturen sehr gut kennengelernt“

Münsinger hat neues Zuhause in Indien gefunden

Der Münsinger Georg Graf berichtet über das Leben und Arbeiten auf dem Subkontinent, über sein bedeutendes Ehrenamt und über die strikten Maßnahmen zur Eindämmung von Corona.

Münsing – Seit zwölf Jahren lebt der gebürtige Münsinger Georg Graf nun schon in Indien. Wir berichteten imJahr 2009 vom Umzug der Familie. Ehefrau Sabine und die beiden damals elf- und siebenjährigen Söhne Lukas und Elias folgten ihrem Mann beziehungsweise Vater nach einem Jahr Fernbeziehung vom 4000-Seelen-Dorf Münsing in die Elf-Millionen-Einwohner-Metropole Bangalore. „Aus einem eher mittelfristig angedachten Auslandsengagement ist eine lange Lebensphase geworden“, meldet sich Georg Graf bei unserer Zeitung aus dem Ausland.

Die ersten sechs Jahre arbeitete der 60-Jährige für ein Tochter-Unternehmen der Freudenberg-Gruppe, die weltweit technisch führende Produkte, Lösungen und Services für rund 40 Marktsegmente und für Tausende von Anwendungen herstellt, darunter Dichtungen (unter anderem in der Tochter-Firma EagleBurgmann), schwingungstechnische Komponenten, Technische Textilien, Filter, Spezialchemie, medizintechnische Produkte, Reinigungsprodukte und vieles mehr. Graf war als CFO (Chief Financial Officer) für Indien, Thailand, Malaysia, Singapur und Australien tätig. „Ich habe in diesen Jahren die verschiedenen Kulturen in Asien sehr gut kennengelernt“, erzählt er.

Seit sechs Jahren leitet er als CEO das Freudenberg Corporate Office in Indien und trägt auch die Verantwortung für eine Berufsschule, die das Unternehmen kurz nach dem südostasiatischen Tsunami von 2004 als langfristiges Hilfsprojekt in Südindien aufgebaut hat. Seit September 2019 ist der Oberbayer zudem ehrenamtlicher Präsident der indisch-deutschen Handelskammer. Er steht somit an der Spitze der größten deutschen, binationalen Handelskammer der Welt mit über 5500 Mitgliedern.

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Hoher Besuch: Graf empfängt als neuer Präsident der der indisch-deutschen Handelskammer Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Kürzlich empfing er in dieser Funktion Bundeskanzlerin Angela Merkel und tauschte sich persönlich mit ihr über die bilateralen Geschäftsbeziehungen aus. „Ich treffe so viele Besucher und Delegationen, aber die Kanzlerin war schon sehr herausragend“, sagt Graf. Er erzählt, in Deutschland gebe es ja die Floskeln „Mahlzeit“ oder „schönen Feierabend“. In Indien beginne, je nach Tageszeit, fast jedes Gespräch mit „Had your breakfast?“, „Had your lunch?“, „Had your tea?“ oder „Had your dinner?“ Also habe er sich dafür entschieden, die Kanzlerin am Morgen mit der Frage, ob sie schon gefrühstückt habe, zu begrüßen. „Sie antwortete mit einem tiefen ,Neiiin’ mit ihren typisch heruntergezogenen Mundwinkeln, aber mit einem sehr verschmitzten Lächeln. Sofort war meine Nervosität verflogen“, beschreibt Graf die Szene.

Seine beiden Söhne, heute 22 und 18, haben in Indien ihre Schulausbildung an einer internationalen Schule abgeschlossen. Laut ihrem Vater haben sie sich in der neuen Heimat sehr gut eingelebt, viele internationale und indische Freunde gefunden und sind zu „globalen Menschen herangewachsen“. Lukas studiert seit drei Jahren International Relations – Wirtschaft und Politik – im kanadischen Vancouver. Elias hat die Schule vor einem Jahr beendet. Er arbeitete für ein halbes Jahr in Münsing bei einem Schreiner und kehrte dann für weitere Praktika nach Bangalore zurück. Er will Design an der Universität studieren.

Obwohl die Familie immer wieder zu Besuchen in Münsing ist, sieht sie ihren künftigen Lebensmittelpunkt auf dem Subkontinent. „Ich bin mir bewusst, dass meine Heimat Oberbayern, der Starnberger See und Münsing zu den schönsten Flecken auf der Welt gehören – und ich habe sehr viel von dieser Welt gesehen“, sagt Georg Graf. Er freue sich jedes Mal, Münsing wiederzusehen. Auf dem Flug von Frankfurt nach München buche er immer die rechte Seite, damit er auf den See und die Berge schauen könne. Er verfolge das Dorfleben nach wie vor auf den Online-Seiten des Isar-Loisachboten. „Viele Münsinger machen, glaube ich, einen guten Job. Ich war ja selber in einigen Vereinen engagiert. Wenn ich sehe, was in Bayern im Ehrenamt auf die Beine gestellt wird, würde ich mir dieses Engagement fürs Gemeinwohl oft auch mehr für Indien wünschen.“ Doch leider seien die gesellschaftlichen Unterschiede in Indien noch zu groß, man lebe immer noch in einer sehr engen Service- und Kastengesellschaft.

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Was Georg Graf an dem Land schätzt, sind die wunderbaren Landschaften: die Kaffeeplantagen, Teegärten, Regenwälder, Dschungel, Wüsten, Reisfelder und faszinierend leeren Strände. In keiner Nation der Erde erlebe man eine solche Vielfalt an Kulturen, Sprachen, Religionen, Klimaverhältnissen, Essgewohnheiten, an sozialen und ideologischen Unterschieden. Als „Unity in Diversity“ bezeichneten die Inder dieses Phänomen, als Einheit in der Vielfalt. Graf nennt nur ein Beispiel: „Auf jedem unserer Geldscheine steht der Betrag in Rupien in 17 Sprachen und unterschiedlichen Skripten“.

Für den Firmenrepräsentanten bedeutet Indien aber auch, erfolgreich und zufrieden zu sein. Man müsse „Patience and Relations“ (Geduld und Verbindungen) praktizieren und pflegen. Geschäftliche Dinge seien ganz anders anzugehen als in Deutschland. Man brauche viel Zeit und müsse den Menschen mit Respekt begegnen, sich mit ihnen beschäftigen und sie verstehen oder wenigstens versuchen, sie zu verstehen.

Hilfe in der Not: Graf mit einem Studenten, dessen Vater im Tsunami umkam und der jetzt im Trainingscenter von Freudenberg lernt.

Als überzeugter Verfechter der Globalisierung glaubt Georg Graf, die Herausforderungen dieser Welt seien nur gemeinsam zu meistern. Zu ihnen gehört im Moment die Corona-Pandemie, „die Mutter aller Krisen“, wie Graf sie nennt. Er und seine Familie schützten sich, genau wie alle Mitarbeiter von Freudenberg, durch strenge Verhaltensregeln und Hygienemaßnahmen, berichtet er. Seit dem 25. März arbeite er im Homeoffice und habe seit diesem Tag das Haus nicht mehr verlassen. Noch sei die Versorgung mit Lebensmitteln gut. Manche Dinge, gerade Importe, erhalte man nicht immer. Sein Fahrer erledige die Einkäufe für die Familie mit dem Scooter. Die größte und umfassendste Ausgangssperre weltweit mit 1,37 Milliarden Menschen, die nicht vor die Türe gehen dürften, außer um notwendige Besorgungen zu machen, werde von der Bevölkerung diszipliniert befolgt, sagt der Münsinger.

Seit 25. März befindet sich Indien im totalen Lockdown. Die erste Phase dauerte 21 Tage, nun läuft bereits die vierte Phase. „Bundesstaaten haben ihre Grenzen geschlossen, es fahren weder Züge noch Busse, der nationale und internationale Flugbetrieb ist eingestellt. Industriebetriebe bleiben grundsätzlich geschlossen, bis auf jene, die lebensnotwendige Güter wie Medikamente herstellen“, berichtet Graf. Als verantwortlicher Krisenmanager für Freudenberg Indien beobachte er die Entwicklung der Corona-Krise genau: „Ich bin zuversichtlich, dass wir sehr sicher in Indien sind. Wir haben jetzt ungefähr 125 000 Fälle, und die Regierung hat bereits eine landesweite Ausgangssperre veranlasst, als wir nur 500 Fälle hatten. Wir haben Tausende von Krankenhäusern, die auf Corona vorbereitet sind, auch wenn das Gesundheitswesen hier nicht die Qualität wie in der westlichen Welt aufweist.“ Sorgen bereitet Graf die Situation in den Slums, wo das Virus sich leichter ausbreiten könnte. Aber er sagt: „Noch haben wir in Indien mit weitem Abstand die wenigsten Infizierten und Toten auf eine Million Menschen gerechnet.“

Tanja Lühr 

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