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Wo Nachkriegs-Deutschland kurte: Die Geschichte der Ambacher Wiedemann-Klinik

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Von: Volker Ufertinger

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Wiedemann-Klinik, Postkarte aus dem Ambacher Verlag.
Berühmter Kurort: Die Wiedemann-Klinik, die sich offiziell Vital-Hotel und Gesundheitszentrum nannte, zog viele Kurgäste an. Zeitweise wurden 500 Patienten versorgt, die meisten ambulant. In Hintergrund mit den gelben Markisen das Haupthaus „Panorama“. © Ambacher Verlag

Im vergangenen Jahr war wieder viel von der ehemaligen Wiedemann-Klinik die Rede. Doch was war da überhaupt los? Über ein wichtiges Kapitel der Ambacher Geschichte.

Münsing – Es ist keine Übertreibung: Ohne die Presse hätte das kleine Dorf Ambach nach dem Krieg wohl kaum eine große Klinik bekommen. Die Münchner Illustrierte „Quick“, die die junge Bundesrepublik mit Neuigkeiten versorgte, schickte nämlich Ende der 1940er Jahre einen jungen, schriftstellerisch versierten Mediziner auf Recherchereise – Fritz Wiedemann. Man hörte damals viel von neuartigen, wundersamen Regenerationsmethoden. Die Rumänin Ana Aslan etwa hatte damit angefangen, das Narkosemittel Procain zu spritzen, angeblich mit fulminantem Erfolg. Was war da dran? Der junge Ambacher Wiedemann sollte der Sache nachgehen. Er befand die Methoden, die er dabei kennenlernte, für gut. „Mein Vater hat sich die Frage gestellt: Warum soll ich das nicht auch machen? Über das nötige Können verfügte er ja“, erzählt sein Sohn Dieter (82), auf dessen Erinnerungen dieser Artikel fußt. Es war der Anfang der Wiedemann-Klinik, die Jahrzehnte lang den Ruf Ambachs in die Welt trug.

Von diesem Sanatorium, zwischen 1952 und 2004 in Betrieb, ist neuerdings wieder viel die Rede. Eine Nachfolgenutzung rückt in greifbare Nähe, der neue Eigentümer, das Kuratorium Wohnen im Alter aus Unterhaching, will dort ein Seniorenwohnstift bauen. Nicht allen Ambachern gefällt die Dimension des Unterfangens, ein Bürgerbegehren – das erste in der Geschichte Münsings – wurde angestrengt. Grund genug, zurückzublicken auf die Ära Wiedemann. Es waren goldene Jahre. Doch von vorn.

Die Eltern von Fritz Wiedemann waren Münchner, die sich, wie viele andere Bürger der Landeshauptstadt auch, am Ostufer des Starnberger Sees eine Sommerfrische errichten ließen – in diesem Fall das „Waldschlössl“. Der Vater hatte zu Zeiten der Elektrifizierung Münchens um die Jahrhundertwende eine Kabelfabrik betrieben, die Mutter stammte aus der Zigarren-Dynastie Zuban. Sprich: Gut gestellte Honoratioren, die ihre Sommer immer in Ambach verbrachten. Mit ihnen der im Jahr 1911 geborene Sohn Fritz, der zeitweise in Holzhausen zur Schule ging. Seine Neigung galt nicht nur die Medizin, die er in seiner Heimatstadt studierte, sondern auch die Schriftstellerei. 1933, mit 22 Jahren, veröffentlichte er den Roman „Fluch des Heiligen“.

Waldschlössl, Wiedemann-Klinik
Einst eine Sommerfrische: Das Waldschlössl war die Urzelle der Wiedemann-Klinik. © Privat

Nachdem Fritz Wiedemann aus dem Krieg heimgekehrt war, richtete er in der Sommerfrische seiner Eltern eine kleine Arztpraxis ein. Dort ordinierte er – bis der Auftrag der Quick sein Leben veränderte. In den folgenden Jahren entwickelte er nicht, wie es oft fälschlich heißt, die Frischzellenkur, sondern vielmehr die Serum-Therapie, fußend auf den Erkenntnissen des russischen Arztes Alexander Bogolometz. Dabei ging es im Kern darum, menschliches Gewebe in ein Spendertier – meist ein Hase – zu spritzen, das daraufhin Antikörper entwickelt. Diese wiederum wurden den Patienten injiziert. Es ging um eine Art Impfung gegen Abbauvorgänge.

Es sprach sich herum, dass sich mit dieser Kur Erfolge erzielen ließen. Die Patienten strömten in Scharen nach Ambach. Das Waldschlössl genügte bald nicht mehr den wachsenden Anforderungen, das Klinik-Areal musste nach und nach erweitert werden. Das langwierige Prozedere mit Bebauungsplänen, Auslegungen, Einwendungen und dergleichen gab es damals noch nicht. Es wurde gebaut, fertig. So entstand das Haupthaus „Panorama“, die Wohnresidenzen „Riviera“ (Italien war in Mode), ein Freibad, eine Schwimmhalle, eine Kegelbahn, mehrere Golfplätze. Der Boom wurde freilich auch durch die Tatsache begünstigt, dass im Wirtschaftswunder-Deutschland den Bürgern jährliche Kuren zustanden. Die Leute verabredeten sich förmlich, sich im nächsten Jahr wieder zu treffen. Von einem Patienten weiß man, dass er 28 Mal da war.

Chefarzt Dr. Wiedemann – in der Blütezeit Herr über zwölf Ärzte und 35 Angestellte – verfeinerte seine Methoden derweil immer weiter. Er kooperierte mit dem Schweizer Vitamin-Papst Lothar Burgerstein, entwickelte Procain-Kapseln, setzte Enzyme zur Unterstützung der Serum-Therapie ein. Bei seinem Tun fühlte er sich dem Grundsatz verpflichtet, seinen Patienten so wenig Chemie wie möglich zuzumuten. Dieter Wiedemann erinnert sich an die Redewendung seines Vaters von der „zu giftigen Schulmedizin“. Damit traf er den Nerv der Zeit. Sein Ratgeber „Biologisch leben – biologisch heilen“, erschienen 1978 im Heyne-Verlag, war ein Renner. Überhaupt blieb Fritz Wiedemann ein produktiver Autor, er schrieb mehr als 20 Bücher, auch über Psychologie und antiautoritäre Erziehung.

So erinnert sich Schmiedemeister Rudolf Werner

Schmiedemeister Rudolf Werner (60) aus Holzhausen erinnert sich gerne an die Jahre der Wiedemann-Klinik. Er hatte dort nicht nur beruflich zu tun, sondern auch in seiner Eigenschaft als Klarinettist der Musikkapelle Holzhausen. „Wie es bei einem solchen großen Haus ist, sind immer wieder Arbeiten angefallen“, erzählt er. Sein Betrieb etwa kümmerte sich nicht nur um Neuanfertigungen, sondern reparierte auch die etwa 20 Fahrräder des Sanatoriums. „Das ganze Dorf hat extrem von den Kurgästen profitiert, das wird heute gerne vergessen“, erzählt er. Außerdem war der monatliche Frühschoppen an einem Sonntag zwischen elf und zwölf Uhr eine schöne Sache, nicht nur für die Gäste, sondern auch für die Einheimischen. Die 1973 neu gegründete Musikkapelle Holzhausen spielte – meist auf der Schwimmbadterrasse – Polkas, Walzer und Märsche. Der Direktor des Sanatoriums pflegte bei schönem Wetter zu scherzen, dass er persönlich mit langen Stangen die Wolken weggeschoben hätte. Und schenkte den Kurgästen ausnahmsweise Bier ein mit den Worten: „Jetzt habe ich aus Versehen das Personalbier angezapft.“

Ambach und die umliegenden Dörfer profitierten erheblich vom Erfolg der Klinik. „Das Sanatorium hatte zeitweise 500 Patienten, die meisten davon ambulant. Die mussten ja irgendwo übernachten“, erzählt Dieter Wiedemann. Jeder, der ein Zimmer zu vermieten hatte, vermietete es. Die Ansprüche waren damals längst nicht so hoch wie heute, auch eine Toilette auf dem Gang war völlig in Ordnung. Belegt ist eine Zahl aus dem Jahr 1987: Demnach gingen 30 000 von 89 000 Übernachtungen im Gemeindegebiet Münsing auf das Konto der Klinik – also ein Drittel. Die Handwerker hatten volle Auftragsbücher. Auch als Arbeitgeber war das Sanatorium eine gute Adresse. Nicht zu vergessen die Restaurants wie der „Huber am See“, wo die Wiedemann-Patienten ein- und ausgingen. Vor allem an den sogenannten Trockentagen, an denen die Kurgäste laut Diätplan eigentlich möglichst wenig trinken sollten, und schon gar keinen Alkohol. Das taten sie in den umgebenden Wirtschaften dann doch. Heimlich.

Vater Dr. Fritz Wiedemann (2. v. li.) mit seinen Söhnen (v. li.) Michael, Helmut und Dieter.
Die Wiedemanns: Vater Dr. Fritz Wiedemann (2. v. li.) mit seinen Söhnen (v. li.) Michael, Helmut und Dieter. © privat

Promis gaben sich die Klinke in die Hand, vor allem Schauspieler. Gert Fröbe, Heinz Rühmann, Harald Juhnke, Inge Meysel, Liselotte Pulver, Heidi Kabel, Johannes Hesters (der bekanntlich das gesegnete Alter von 108 Jahren erreichte): Die Liste klingt wie das Who is Who der TV-Stars von einst. Auch Politiker ließen sich in Ambach körperlich und seelisch wiederherstellen, vor allem der FDP, der Wiedemann nahe stand. Er war ein konservativer Mensch, mit der 1968er Bewegung hatte er wenig im Sinn. Bundespräsident Heinrich Lübke wollte ebenfalls in Ambach kuren, drei Mal hatte er sich angemeldet. Aber immer kam etwas dazwischen.

Die goldene Zeit der Wiedemann-Klinik endete in den 1990er Jahren. 1991 starb Fritz Wiedemann an einem Herzleiden, das er lange selbst therapiert hatte. Die Nachfolge teilten sich seine Söhne Michael, Dieter und Helmut. Sie hatten mit veränderten Rahmenbedingungen zu kämpfen: Es wurden immer weniger Kuren erlaubt, das war ein schleichender Prozess. Und den Selbstzahlern bot sich plötzlich eine Alternative: Mit demselben Geld konnte man jetzt in die Karibik fliegen.

Es war der Anfang vom Ende. 2004 verkaufte Helmut Wiedemann das Areal an das italienische Unternehmen Sanacare in der Hoffnung, dass eine Reha-Klinik den Standort rettet. Vergeblich. Der Hoffnungsträger ging bald darauf pleite und ließ die Patientenakten der Promis offen herumliegen – ein Datenskandal, der Aufsehen erregte. Zwischenzeitlich entdeckte die einschlägige Szene die alten Gemäuder als Partylocation und gruselte sich wohlig an diesem „Lost place“. Im April 2016 kaufte das Kuratorium Wohnen im Alter das Gelände, zäunte es ein und trieb sein Projekt, ein Seniorenwohnstift, voran. Eben dieses Projekt spaltet die Bürger, von goldenen Zeiten ist man weit entfernt. Von der einst ruhmreiche Klinik ist nur eine Ruine übrig.

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