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Begleitet von Musik begrüßte die Dorfgemeinschaft Martin Breiter.

„Ein gewaltiger Lebensabschnitt“

Fast vier Jahre auf der Walz - Martin Breiter (26) kehrt unter Tränen heim

Rührende Szenen in Münsing: Nach drei Jahren und neun Monaten kehrte Martin Breiter (26) von der Walz in seinen Heimatort zurück.

Münsing – Drei Jahre und neun Monate war Martin Breiter auf der Walz. Der Münsinger (26) reiste als Rechtschaffener Fremder Schlosser in der Gesellschaft der Rechtschaffenen Fremden Maurer und Steinhauer. Deren Ursprung liegt mehrere hundert Jahre zurück. Somit gehört die Gesellschaft zu den ältesten Vereinigungen reisender Handwerker – mit strengen Sitten und Regeln. Unserer Zeitung hat Breiter von seiner Reise erzählt.

Zur Walz sei er gekommen, weil seine Freundin mit ihm Schluss gemacht habe, erzählt der junge Mann mit den lebhaften, blauen Augen und den blonden Dreadlocks. Im Nachhinein kann er lachen über den an sich traurigen Auslöser. „Kein Schaden ohne Nutzen“, meint er. Zum Gespräch mit unserer Zeitung hat es sich der vor Kurzem heimgekehrte Wandergeselle in einer Hängematte im Garten seiner Eltern, die einen Malerbetrieb in Münsing haben, bequem gemacht.

Bannkreis von 50 Kilometern um den Heimatort

Auf einem Festival habe er einen Zimmerer auf der Walz getroffen. „Den hab’ ich mir geschnappt und ihn ausgefragt“, erzählt Martin Breiter. Die Idee der „Tippelei“ habe ihn schon länger fasziniert. Er regelte seine Angelegenheiten, schloss Versicherungen für unterwegs ab, legte sich die typische Kluft und den Charlottenburger, den gerollten und gebundenen Wanderrucksack, zu, und zwei Monate später ging es los.

Rund 20 Wandergesellen begleiteten Martin Breiter nach Hause.

Die Küste in Niedersachsen war die erste Station – möglichst weit weg von daheim. In den Herbergen, in denen sich reisende und ehemalige Wandergesellen, Einheimische genannt, einmal im Monat treffen, bekam Breiter Tipps, wo Arbeit zu finden war. Eine Anstellung auf Zeit zu bekommen, sei meist nicht schwierig gewesen, sagt er. Wandergesellen hätten einen guten Ruf. Die Rechtschaffenen Fremden arbeiten nicht für Kost und Logis, sondern ganz regulär nach Tarif. Höchstens ein halbes Jahr dürfen sie bei einem Betrieb bleiben.

Geschlafen wird entweder bei Leuten, die man kennengelernt hat, oder in den Herbergen. Man ist ohne Hilfsmittel wie eigenes Auto, Handy oder Laptop unterwegs. Zug und Bus gefahren wird nur im Notfall. Wer ins weiter entfernte Ausland möchte, kann aber fliegen.

Auf der Walz gilt es stets, den Bannkreis, der sich in einem Radius von 50 Kilometern um seinen Heimatort zieht, nicht zu betreten. Martin Breiter, ein Familienmensch, wie er sagt, hat sich einmal im Jahr vor Weihnachten außerhalb dieses Kreises mit seinen Eltern und seiner Schwester getroffen. Als sein Großvater starb, fuhr er zur Beerdigung nach Hause, zog danach aber sofort weiter.

Der Schlossergeselle bereiste nicht nur ganz Deutschland, wovon die vielen Stempel in seinem Wanderbuch zeugen, sondern auch das europäische Ausland sowie Teile Südamerikas und Afrikas. Dort arbeitete er zusammen mit einem Reisekamerad während der Wintermonate, weil es für die beiden als Schlosser schwer war, in der kalten Jahreszeit in Deutschland eine Beschäftigung zu finden.

Nachhaltig beeindruckt hat ihn ein fünfmonatiger Aufenthalt in einem Bergdorf im Unterengadin. „Das war Entschleunigung pur“, sagt er. Breiter restaurierte viel und führte anspruchsvolle Schlosserarbeiten aus: „Die Schweizer bauen für die nächsten 200 bis 300 Jahre. Das gefällt mir.“

Eine Nacht im „Tausend-Sterne-Hotel“

Rührende Szene: Martin Breiter schließt seinen Vater in die Arme.

Handwerklich habe er eine Menge gelernt. Doch fast wichtiger sind für den 26-Jährigen die Begegnungen mit den Menschen und die Freundschaften, die entstanden sind. „Du kommst beim Trampen mit völlig Fremden ins Gespräch und spontan bieten sie dir einen Schlafplatz für die Nacht an“, nennt er ein Beispiel. Bei schönem Wetter habe er allerdings lieber im „Tausend-Sterne-Hotel“, also unter freiem Himmel, gepennt. Frühmorgens ein Bad im See, noch nass in die Kleider und frisch drauf losgelaufen. Die Kameradschaft unter den reisenden Handwerksgesellen suche seinesgleichen, schwärmt der Münsinger. Man könne sich aufeinander verlassen. Die Freundschaften, so glaubt er, halten ein Leben lang.

Der weit gereiste Geselle will nicht verheimlichen, dass es auch harte Tage gab. In Dänemark fror sein Schlafsack einmal an einer Parkbank fest, so kalt war die Nacht. Ein Kreuzbandriss zwang ihn zu einer mehrwöchigen Pause. Ein „Einheimischer“ habe sich zum Glück während der Zeit um ihn gekümmert, erzählt er. Oft schlug er sich mit fünf Euro in der Hosentasche durch. In Paraguay wartete er auch einmal zwei Tage lang ohne Essen auf einen Bus, weil das Geld gerade noch für das Ticket reichte, für mehr nicht. Andererseits seien diese Erfahrungen prägend und im Nachhinein bereichernd gewesen, weil sich immer irgendwo eine Tür aufgetan habe, sagt Breiter: „Man lernt zu schätzen, wie fein so ein Schnitzel oder ein Glas Bier ist“.

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Die Heimkehr wurde nach Sitte der Rechtschaffenen Fremden zelebriert. Etwa 20 Spezl begleiteten Breiter zurück in seinen Heimatort – Geschichten erzählend, Lieder singend, querfeldein und im Kreis laufend, lachend und weinend zugleich. Denn auf der einen Seite freute er sich, seine Familie wiederzusehen. Auf der anderen ging „ein gewaltiger Lebensabschnitt“ vorbei, in dem Martin Breiter viel über den Beruf und sich selbst gelernt hat. Mit einem Freund von unterwegs will er ab September in München die Meisterschule besuchen. Ob es ihn danach wieder in die Ferne ziehen wird? „Keine Ahnung. Ich lebe im Jetzt und Hier, weil man eh nichts sicher planen kann. Auch das habe ich gelernt auf der Walz.“

Tanja Lühr

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