Zerbombter Obersalzberg, Postkarte
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Der zerbombte Obersalzberg als Postkartenidylle: 1952 wurde einiges weggesprengt, aber das Trümmerfeld blieb noch über die 1970er Jahre hinaus weitgehend erhalten. Auf dem SS-Exerzierplatz (Nummer 8) etablierte sich der im Buch erwähnte Fußballplatz.

Halb Autobiographie, halb Roman

Fritz Wagner schreibt über seine Kindheit am Obersalzberg

Lange Zeit hat Verleger und Autor Fritz Wagner seine Kindheitserlebnisse mit sich herumgetragen. Jetzt hat sie in „Bergheim“ literarisch in Form gebracht.

Ambach – Aufgewachsen im Schatten von Hitlers einstigem Feriendomizil Obersalzberg am Fuße des Kehlsteins im Berchtesgadener Land, hat der Ambacher Verleger und Grafikdesigner Fritz Wagner (68) seine Kindheits- und Jugenderinnerungen in einem Roman mit dem Titel „Bergheim“ verarbeitet. „Ich habe vor 20 Jahren begonnen, meine Erlebnisse von damals aufzuschreiben, aber erst vor einem Jahr formte ich daraus etwas Romanartiges“, erzählt Wagner.

Statt der Ich-Form wählte er die dritte Person – auch um noch lebende Personen zu schützen. Sein Protagonist Franz Berger ist zu etwa zu 60 Prozent autobiografisch, 40 Prozent der Geschichte sind frei erfunden.

Franz wächst im selben Dorf wie Fritz Wagner in den 1950er und 1960er Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft zum Obersalzberg auf. Er verbringt eine unbeschwerte Kindheit in seinem Elternhaus „Bergheim“ mit Rodeln, Fußballspielen und Fernsehnachmittagen beim Nachbarn. Im Sommer liegt der jüngste von vier Geschwistern stundenlang in einer riesigen, alten Zinkbadewanne im Garten und träumt vor sich hin. Der Vater ist selten zu Hause, die Mutter lässt den Buben weitgehend gewähren. Gelegentlich erhascht er einzelne Wörter und Namen („die Herren Speer, Bormann, Führer und Hitler“) aus den Erwachsenengesprächen. Auf die Begriffe „Tausendjähriges Reich“, „Organisation Todt“ und Dachau kann er sich keinen Reim machen.

Verleger und Autor: Fritz Wagner aus Ambach.

Als er älter wird, bekommt die Idylle Risse. Als Jugendlicher sieht sich Franz mit denselben Fragen konfrontiert wie der Autor in dem Alter: Warum besteht der Obersalzberg aus einer riesigen Trümmerlandschaft? Warum ist er von Tunneln und Gängen durchlöchert? Was waren das für Leute, die dort gewohnt haben? Was ist mit denen geschehen, warum redet keiner darüber? Und vor allem: Welche Rolle spielte der eigene Vater Andreas Wagner, ein Ingenieur, der in den 1930er Jahren unter anderem als Bauleiter an der Straße zum Kehlstein und den Tiefbauarbeiten am Obersalzberg beteiligt war? Warum schimpfte er immer auf die Juden?

„Es ging mir nicht darum, Lausbubengeschichten zu erzählen, sondern anhand ausgesuchter Erlebnisse die Merkwürdigkeiten und die Verklemmtheit jener Zeit zu dokumentieren“, sagt Fritz Wagner. Tatsächlich habe damals in Berchtesgaden niemand über die NS-Gräuel gesprochen, wohl auch weil Großeltern, Eltern und Lehrer teilweise selbst in irgendeiner Form involviert gewesen seien, glaubt er.

Erst in der Pubertät des Protagonisten und nach dem frühen Krebstod seines Vaters hebt sich langsam der Vorhang, der sowohl über den Verbrechen liegt, die im „Führersperrgebiet“ Obersalzberg begangen und ersonnen wurden, als auch über den möglichen, persönlichen Verstrickungen des Vaters.

Trügerische Idylle: Fritz Wagner mit seinen Eltern in Oberau. Das Foto entstand etwa 1956.

Ein älterer Fußballkumpel namens Kaspar klärt Franz nach und nach auf. Kaspars Schilderungen bringen vieles, was Franz im Laufe der Jahre gehört und gesehen hat, in einen sinnvollen Zusammenhang. Die Mutter nimmt den Vater zu Franz’ Enttäuschung in Schutz. Er habe von nichts gewusst, er sei ein „weltfremder Naivling“ gewesen.

Hass-Liebe zum Berchtesgadener Land

Mit Berchtesgaden verbindet Fritz Wagner bis heute „eine Art Hassliebe“, wie er sagt. Er wollte sie sich ein Stück weit vom Leib schreiben. „Eines der Epizentren des NS-Regimes lag jahrzehntelang als riesiges Trümmerfeld auf dem Obersalzberg herum und niemand sprach darüber. Der unversehrte Kehlstein diente als Touristen-Folklore und Nazi-Angeberei“, sagt er. Erst 1999 wurde auf dem Obersalzberg auf den Fundamenten des ehemaligen NSDAP-Gästehauses die Dauerausstellung „Dokumentation Obersalzberg“ eingerichtet, um die Geschichte aufzuarbeiten.

Der Vater verweigerte nach dem Krieg jede Einsicht

Fritz Wagner wirft seinem damals sehr jungen Vater nicht dessen Begeisterung für seinen Beruf vor und auch nicht, dass er die Möglichkeiten ausschöpfte, die ihm die NS-Diktatur bot. Aber er wirft ihm vor, dass er mit der Beschäftigung von Zwangsarbeitern, die im Buch nur kurz angerissen wird, seinen „moralischen Kompass“ verloren hat, und dass er nach dem Krieg jegliche Einsicht verweigerte. Als Wagner 16 war, zog die Mutter mit ihm und seinen Geschwistern nach München. So endet auch der Roman: Franz sieht „Bergheim“ durch das Heckfenster des Volkswagens langsam hinter Zweigen und Blättern verschwinden.

Lesen Sie auch: Der Corona-Blog von Fritz Wagner

Fritz Wagner studierte nach dem Abitur Grafikdesign und arbeitete in einer Werbeagentur. Später machte er sich selbstständig. Er zog nach Ambach und gründete 2011 zusammen mit seiner Frau den Ambacher Verlag, der Bücher, Chroniken und die Gemeinde-Mitteilungsblätter von Münsing und Berg herausgibt. Ehrenamtlich betreibt Wagner seit Beginn der Corona-Pandemie einen Internet-Blog (vryz.blogger.de). Tanja Lühr

Info
Der Roman „Bergheim“, 214 Seiten, ist für 16,90 Euro erhältlich in der Münsinger Bäckerei „Krümel & Korn“ und über den Webshop des Ambacher Verlags unter www.ambacher-verlag.de.

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