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Ein neues Buch zeigt Karikaturen von Franz von Pocci

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Von: Volker Ufertinger

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Pocci-Karikatur Nr. 172 aus Michael Stephan: Franz von Pocci, unveröffentlichte Karikaturen für die Gesellschaft „Altengland“ von 1840 bis 1876. Sie zeigt die Schwierigkeiten, die Mitglieder anlässlich der 20-Jahr-Feier „unter einen Hut zu bringen“. Im Vordergrund: Pocci selbst.
Tweedhose und Perücke: Die englische Aristokratie war Vorbild für die Münchner Herrengesellschaft „Altengland“, der auch Franz von Pocci angehörte. Für sie fertigte er viele Karikaturen an. Eine davon zeigt die Schwierigkeiten, die Mitglieder anlässlich der 20-Jahr-Feier „unter einen Hut zu bringen“. Im Vordergrund: Pocci selbst. © Apelles-Verlag

Dem breiten Publikum ist Franz von Pocci als Erfinder des Kasperl bekannt. Von seinem Humor zeugen aber auch seine Karikaturen. Einige sind jetzt kommentiert erschienen.

Münsing – Franz Graf von Pocci, der die Sommermonate stets in seinem Ammerlander Schloss verbrachte, ist vielen als Schöpfer von Puppenspielen bekannt. In 40 Komödien treibt der Kasperl Larifari sein anarchisches Unwesen. Weniger bekannt ist, dass er auch ein begnadeter Karikaturist war. Darauf lenkt ein neues Buch des Starnberger Apelles-Verlag den Blick: Es zeigt eine Auswahl von Blättern, die der Zeremonienmeister am Hof der Wittelsbacher in den Jahren 1840 bis 1876 für die Herrengesellschaft „Altengland“ gemalt hat. Die Bedeutung des Bands ist kaum zu überschätzen. „Mit den Blättern beginnt in München die Geschichte der Karikatur“, schreibt der Vorsitzende der Pocci-Gesellschaft, Dr. Michael Köhle, in seinem Vorwort.

Schon der junge Pocci hatte seinen Spaß daran, die Gäste in seinem Elternhaus mit spitzer Feder darzustellen. Dafür kassierte er vom Vater eine ernste Ermahnung, die wenig schmeichelhaften Bilder wanderten in den Kamin. Voll zum Tragen kam seine Kunst der Übertreibung dann bei den Illustrationen für die Herrengesellschaft Altengland (kurz Anglia). 1840, im Alter von 33 Jahren, trat er dem geselligen Verein bei und blieb ihm bis zu seinem Tod 1876 erhalten. Die Mitglieder – vor allem Künstler und Gelehrte – huldigten der altenglischen aristokratischen Lebensform, nannten sich Lords, trugen Perücken und pflegten die Devise „Wine and song, enjoy it long“. Zugereiste „Nordlichter“ waren ausgeschlossen, anders als bei der zweiten Gesellschaft, der der Wahl-Ammerlander angehörte – den „Zwanglosen“.

Zusammen mit Franz von Kobell („Der Brandner Kaspar“) bildete Pocci den Mittelpunkt der Gesellschaft, die sich regelmäßig in einem Café am Maximiliansplatz traf. Zur allgemeinen Erheiterung warf der lange Schlaks Porträts von Mitgliedern aufs Papier – wobei er sich selbst keineswegs ausnahm. Diese fielen umso schonungsloser aus, als sie nur für den internen Gebrauch gedacht waren. Neben solchen biografischen Karikaturen sind heute Illustrationen von Interesse, in denen sich das Zeitgeschehen widerspiegelt, etwa die Revolution von 1848/49 und die Ereignisse um Lola Montez.

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Das Buch ist auch deswegen so aufschlussreich, weil die ausgewählten 136 Zeichnungen historisch verortet werden. Michael Stephan, ehemaliger Leiter des Münchner Stadtarchivs, Turmschreiber und Stellvertretender Vorsitzender der Pocci-Gesellschaft, hat mit schier unglaublicher Akribie Blatt für Blatt kommentiert. Die Komik der Darstellungen wirkt auch so, man lacht über die langen Nasen, spitzen Ohren und roten Backen der Altmünchner Honoratioren. Doch die Erläuterungen erzählen auch viel über München und seine Elite um 1850. Amüsanter kann Geschichte kaum sein.

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Das Buch ist erst der Anfang. Wie Michael Köhle in seinem Vorwort ankündigt, trägt sie sich die Gesellschaft mit dem Plan, sämtliche Karikaturen – die Rede ist von über 1400 – auf der Internetseite der Gesellschaft zu veröffentlichen. Wer immer im Besitz solcher Blätter ist, wird gebeten, sich bei der Gesellschaft zu melden. Der große Karikaturist Franz von Pocci hat es allemal verdient.

Das Buch
Franz Graf von Pocci: Unveröffentlichte Karikaturen für die Gesellschaft „Altengland“ von 1840 bis 1876. Herausgegeben von der Franz-Graf-von-Pocci-Gesellschaft, kommentiert von Michael Stephan. Apelles-Verlag 2021, 288 Seiten, 32 Euro.

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