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Vor dem Abgrund: Höhenangst darf Matze Brustmann bei seinem Sport nicht haben.

Abenteurer Matze Brustmann

Unterwegs mit Matze Brustmann: Einer der besten Wildwasser-Paddler kommt aus Münsing

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Matze Brustmann ist einer der besten Wildwasser-Paddler der Welt. Selbst die großen Wasserfälle Islands sind vor dem 39-jährigen Münsinger nicht sicher.

Münsing – Den Bildschirm vor sich, den Chef im Nacken. Ist das der Traum, den man vom Leben hatte? Büroalltag statt Abenteuer? Matze Brustmann hat sich von solchen Zweifeln frei gemacht. Sein Office ist die Natur. Der 39-Jährige zählt zu den besten Wildwasser-Kanuten weltweit, ist sommers wie winters im Weiß- und Kehrwasser unterwegs. Und sollten die Flüsse zugefroren sein, dann stellt er sich auf seine breiten Skier und geht Freeriden.

Zweifel an seinem Tun, gar Zukunftsängste, plagen Brustmann kaum. „Klar“, sagt er, auch bei mir poppen ab und zu mal Gedanken ans Später auf.“ Zu viel Raum geben will er ihnen nicht. „Es würde mich wahnsinnig darin einschränken, das zu tun, was ich kann und woran ich Freude habe.“ Neben dem Skifahren und dem Paddeln ist das die Musik: Der 39-Jährige singt und spielt leidenschaftlich gerne Gitarre in der Band Balloon Pilot. In das Projekt steckt er in letzter Zeit „mehr und mehr Energie“.

Ein Abenteurer, aber kein Tagträumer

Ein Tagträumer ist der gelernte Schreiner trotzdem nicht. Sein Leben finanziert der Ammerlander, Mitglied der weitläufigen Waldramer Brustmann-Dynastie, gelegentlich im Ausstellungs- und Messebau, als Mitarbeiter eines Outdoor-Ausrüsters und gemeinsam mit Kumpel Olli Grau als Kajak-Lehrer und -Führer – letzteres aber nur für fortgeschrittene Paddler im schwereren Wildwasser. Der Job soll ja Spaß machen. Mit Grau und drei weiteren Leuten konzipiert und baut er zudem Kajaks. Ab und zu dreht er als Protagonist Outdoor-Filme.

Zum Paddeln gekommen ist Matze, wie er sich selbst nennt, als Siebenjähriger über die Wolfratshauser Naturfreunde. Der im Vorjahr verstorbene Werner Schuppan war einer seiner Mentoren, dessen Sohn Günter sein Cousin und bester Freund. Mit ihm erlebte Brustmann große Momente auf dem Wasser – bis eine schreckliche Tragödie das unzertrennliche Duo auseinanderriss: Im Jahr 2000, bei der Wildwasser-Rodeo-WM in Neuseeland – Brustmann und Schuppan gehörten dem deutschen Freestyle-Nationalteam an – geriet Günter, nur 21 Jahre alt, in eine Wasserwalze und ertrank.

Heftiger Einschnitt: Der Tod des Freundes

„Ein heftiger Einschnitt“, nennt Brustmann den Tod des Kumpels. An seinem risikobehafteten Tun zweifeln habe ihn das Unglück jedoch nicht lassen. „Ich kann mich erinnern, dass ich nach Günters Unfall relativ bald nach Norwegen zum Filmen gefahren bin.“ Auch seine Eltern hätten ihn nie gebeten, künftig lieber zu schreinern als zu paddeln. „Sie haben mich in allem unterstützt, was ich getan habe.“ Das hält Brustmanns Frau Karin, mit der er seit sechs Jahren verheiratet ist, ebenso. Vielleicht habe sie, die ruhige Sportarten wie Skitourengehen und Yoga den „adrenalingeschwängerten“ vorzieht, bisweilen Angst um ihn, vermutet er. „Aber sie zeigt’s mir nicht und lässt mir meinen Raum.“

Kajak an der Schneekatze: Bisweilen ist es für Matze Brustmann (Foto) und seine Freunde beschwerlich, zu den Einstiegen zu kommen.

Noch einmal zurück in Brustmanns Jugend: Als er 15, 16 Jahre alt war, wurde der Sport extremer. Mit einer Gruppe von fünf Burschen fuhr er oft nach Tirol. „Wir waren auf der Ötz und dem Inn unterwegs und haben sehr viel gelernt, manchmal sicher auch auf haarsträubende Weise. Aber wir hatten auch immer einen Plan.“ Die Fünfer-Bande schmolz schließlich zu einem eingeschworenen Trio zusammen, das sich fast blind verstand und auf dem Wasser bewegte: Brustmann, Schuppan und Sebastian Striebel. „Wir drei sind dann zum Schluss gekommen, dass wir Kajak-Profis werden wollen.“

Als solcher verbrachte er zwei Saisons in Südkalifornien. „Die Qualität des Wildwassers dort ist grandios“, schwärmt er. „Du hast ab Mai permanent schönes Wetter, aber in den Bergen jede Menge Schnee, der schmilzt.“ Dieses Wasser fließt über die kalifornische Granitplatte Richtung Meer ab „und bietet unglaublich viel zum Paddeln“. Auch Norwegen zählt der Ammerlander zu seinen bevorzugten Spots. Dort gebe es unendlich viele Flüsse und Möglichkeiten – „auch noch zu Erstbefahrungen“.

Vor dem Sturz in die Fluten inspiziert er Material und Gelände. Die Fotos entstanden in Island.

Ein Fluss, der ihn reizt, ist der Tsangpo in Tibet mit seinen teils furchterregenden Schluchten. 2002 meisterte der Kalifornier Scott Lindgren, auch ein Buddy Brustmanns, erstmals diesen mächtigen, vom Schnee der Himalaja-Riesen gespeisten Wildfluss mit seinen gewaltigen Stromschnellen. Zuvor waren einige Versuche tödlich geendet. „An diesem Fluss ist alles schwierig“, sagt der Ammerlander. Sturzfluten, Steinschlag – alles könne passieren, „mal sehen, ob ich das noch wage“.

Tauwetter durchkreuzt Pläne

Gerade eben war er in Island unterwegs – wie bereits für eine Fotosession vor zwei Jahren. Damals knallte er sich im Kajak den Godafoss, den „Götterfall“, hinab, einen der mächtigsten Wasserfälle der Insel. Fotograf Michael Neumann hielt den Sprung über zwölf Meter im Bild fest. Diesmal durchkreuzte das Wetter die Pläne. Den 20 Meter hohen Aldeyarfoss und den zehn Meter hohen Selfoss wollten sich Brustmann und die Weltklasse-Paddler Sam Sutton, Adrian Mattern und Jobst Hahn vorknöpfen. Doch synchron zur Frostperiode hierzulande war es in Island zu warm. Die Fälle tauten teilweise auf – was sie mit Unterspülungen und Barrieren gefährlich und überdies unansehnlich für gute Aufnahmen machte. Also ging’s wieder zum Godafoss, denn „der hat noch viele andere Linien zu bieten“ als die vor zwei Jahren gefahrenen. Kameramann Olaf Obsommer wird trotz der Probleme grandioses Filmmaterial mitgebracht haben, glaubt Matze Brustmann. Und er und die Kollegen dürften ihren Spaß gehabt haben – im Freiluftbüro Island. peb

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