Ihre Kletterbäume haben (v. li.) Leo, Matteo, Luis und Greta am meisten vermisst. Jetzt dürfen sie wieder gemeinsam im Münsinger Waldkindergarten, den Waldameisen Ammerland, toben.
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Ihre Kletterbäume haben (v. li.) Leo, Matteo, Luis und Greta am meisten vermisst. Jetzt dürfen sie wieder gemeinsam im Münsinger Waldkindergarten, den Waldameisen Ammerland, toben. 

So waren die ersten Tage

Waldkindergärten sind wieder in Betrieb: Ein Besuch

  • Susanne Weiss
    vonSusanne Weiss
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Bereits vor den regulären Kindergärten dürfen Waldkindergärten wieder starten. Im Alltag ist dabei nicht alles wie vor dem Corona-Lockdown.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Jonathan, Rufus und Toni buddeln in der Erde. „Platz da. Wir sind Bauarbeitertiere“, rufen sie und schaufeln weiter. Fünf Meter daneben kraxeln Matteo, Leo, Luis und Greta von einem umgestürzten Baum zum nächsten. „Ich habe den Kindergarten wahnsinnig vermisst“, erklärt der sechsjährige Matteo. Auch die fünfjährige Greta fand es daheim „langweilig“, sagt sie seufzend.

Das Mädchen und die sechs Buben gehören zu den glücklichen Kindern, die seit gut einer Woche wieder in ihren Kindergarten, die Waldameisen Ammerland, gehen dürfen. Während dies in allen anderen Einrichtungen nur für Vorschulkinder, deren Geschwister sowie Kinder mit Förderbedarf erlaubt ist, durften die Waldkindergärten Ende Mai wieder ihren regulären Betrieb aufnehmen. „Wir, die oft als Randgruppe behandelt und nicht immer ernst genommen werden, freuen uns sehr über dieses Zuckerl, als Erste starten zu dürfen“, sagt Bettina Calliari, Leiterin der Einrichtung. In den vergangenen zehn Wochen besuchten maximal vier Heranwachsende die Notbetreuung, inzwischen sind fast alle der 19 Waldameisen zurück im Wald am Riedweg.

„Wir erleben hier fast normalen Alltag“, berichtet Calliari, während die Kinder unterm Blätterdach toben. In der Natur sei genug Platz, und das Lüften entfällt sowieso. Ihren Bauwagen, in dem sie sich gerne an kalten Tagen aufwärmen, dürfen sie aktuell nicht nutzen – zu eng. Neu ist auch der Kanister mit Wasser an der Begrüßungstafel. „Da waschen sich die Kinder ihre Hände, wenn sie ankommen“, erklärt die Kindergartenleiterin. Überhaupt wird im Wald nun noch öfter Hände gewaschen als früher – und jedes Kind hat ein eigenes Handtuch im Rucksack. Als große Einschränkung empfindet Calliari die Corona-Regeln nicht. „Man lernt hier, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind.“

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Im Geretsrieder Waldkindergarten Isartal ist seit 25. Mai einiges anders als vor dem Lockdown. 16 von 18 Kindern sind zurück auf der Böhmwiese. Statt mit ihnen bei Regen in die Bauwagen zu gehen, stellt Leiter Christian Schretzenmayr nun Pavillons auf. Zur gemeinsamen Brotzeit nehmen die Kinder auf Sitzkissen mit Abstand zueinander Platz. Und am Nachmittag holen die Eltern ihre Sprösslinge nicht direkt an den Bauwagen ab, sondern müssen hinter einem Seil auf sie warten.

„Es ist schön zu sehen, wie sich die Kinder freuen, wieder zurück zu sein“, sagt Schretzenmayr am Telefon. Er freue sich, dass sich die Vorzüge eines Waldkindergartens nun auszahlen. „Das Thema Gesundheit wird bei uns ja schon lange propagiert“, sagt er. Ein bisschen Unbehagen schwingt bei Schretzenmayr aber schon mit. „Man macht sich seine Gedanken, wenn man nach acht Wochen Lockdown wieder normal öffnen darf.“ Körperkontakt lässt sich bei der Arbeit mit Kindern nicht vermeiden. Wenn er ein Kind tröstet, zieht Schretzenmayr eine Mund-Nasen-Bedeckung an.

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Auch im „Mamma Lupa“-Waldkindergarten Wolfratshausen tragen die Betreuer „Mundmützen“, wenn sie zum Beispiel ein Kind auf die Toilette begleiten. „Ich hab’ das Gefühl, das ist ganz in Ordnung für sie“, sagt Sarah Obermeier, Erste Vorsitzende des Trägervereins, im Gespräch mit unserer Zeitung. Die neuen Regeln würden jeden Tag im Morgenkreis erklärt. Zu ihnen gehört auch, dass sich die Kinder vor dem Essen nicht mehr an den Händen halten. Für ihren Essens-Spruch geben sie sich nun die Füße.

In den Irschenhauser Waldkindergarten durften vergangene Woche ebenfalls alle 18 Kinder zurückkehren. Das Wiedersehen nach zehn Wochen Pause war für viele Mädchen und Buben aufregend, berichtet Leiterin Anette Hemme. „Sie haben sich sehr auf ihre Freunde gefreut und sind gleich nach der Begrüßung im Dickicht verschwunden.“

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Hemme ist froh, dass es weitergeht, fragt sich allerdings, wie es nun um die Kindergartengebühren steht. Laut Ministerpräsident Markus Söder sollten diese für drei Monate übernommen werden. Hemme: „Seitdem hat man nichts mehr gehört. Seine Verkündigung stiftet zurzeit große Verwirrung bei Eltern, Trägern und den Ämtern.“

Bei den Waldameisen Ammerland ist der Kindergartentag inzwischen fast vorbei. Mama Antonia Niederländer holt ihre Zwillinge ab. Es sei gut, dass die Kinder wieder im Waldkindergarten Kraft schöpfen könnten, auch wenn sie die Situation verunsichere, sagt sie. Das Coronavirus, etwas, das sie nicht sehen können, sei für die Kinder schwer zu verstehen. Fünf Jahre lang habe sie ihren Zwillingen beigebracht, dass man sich die Hand gibt und teilen soll. Jetzt gilt das plötzlich nicht mehr. Niederländer: „Es braucht viel Geduld und Zeit, ihnen das zu erklären.“

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