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Pflegt einen schönen Brauch: Die Musikkapelle Münsing, hier an Silvester vor dem Staudachhof in Ammerland.

Seit 90 Jahren

Neujahrsanspielen der Musikkapelle Münsing ist eisige Tradition

Seit 90 Jahren – mit Unterbrechung während des Zweiten Weltkriegs – pflegen die Mitglieder der Musikkapelle Münsing den schönen Brauch des Neujahrsanspielens. Bei jedem Wetter ziehen sie durch die Dörfer, um ihren Mitbürgern zum neuen Jahr ein Ständchen zu bringen.

Münsing – Am Silvestertag des Jahres 1927 gingen zum ersten Mal zehn Männer im dunklen Anzug, mit Krawatte und Hut durch Ammerland. Mit ihren Posaunen, Tuben und Hörnern ließen sie auf mehreren Plätzen Märsche und Landler erklingen. Die Bewohner kamen neugierig aus ihren Häusern gelaufen, lauschten und bedankten sich mit ein paar Groschen. Manche spendierten eine Brotzeit, einen warmen Tee oder ein Schnapserl.

Im dunklen Anzug, mit Krawatte und Hut zogen die Mitglieder der Münsinger Musikkapelle 1950 durch die Gemeinde.

Das Schauspiel wiederholte sich im Anschluss in Wimpasing. Am Neujahrstag 1928 waren Münsing und der Weiler Weipertshausen an der Reihe. Damit war das Neujahrsanspielen, eine Idee des Bergbauern Matthias Bernwieser, geboren. Alten Aufzeichnungen zufolge wurden die Männer, die anfangs nach dem Musizieren noch mit dem Hut herumgingen, um Spenden für die Musikkapelle zu sammeln, vereinzelt verächtlich als „Bettelmusikanten“ betitelt. Doch das kommt mittlerweile nicht mehr vor. Das Neujahrsanblasen der Musikkapelle Münsing (MKM) an Silvester und am 1. Januar hat sich zur festen und von den Bürgern sehr geschätzten Tradition entwickelt.

Die Instrumente frieren auch mal ein

Die Kapelle pausierte nur während des Zweiten Weltkriegs. „Die meisten Musikanten wurden ja eingezogen“, erzählt Franz Schwarz. Sein Vater mit gleichem Namen gehörte zu der Gruppe, die den Brauch 1948 unter der Leitung von Musikmeister Matthias Bernwieser wieder aufnahm. Franz Schwarz, der ein Jahr zuvor auf die Welt kam, trat in die Fußstapfen des Vaters und marschierte in einer der zwei Musikgruppen mit, die sich ab 1950 gebildet hatten. Der 70-Jährige erinnert sich noch an „richtige Winter“. So eiskalt sei es teilweise gewesen, dass Finger und Instrumente eingefroren seien. Manchmal habe da ein „Spielmannsgruß“ oder ein „Kaiserjäger“ schon etwas schief geklungen, meint Schwarz. Schlimmer als die Kälte sind für den heutigen Vorsitzenden der MKM, Michael Huber, Regen und Schneeregen. Durch die Feuchtigkeit würden die empfindlichen Instrumente leiden, sagt er. Huber kann sich dennoch nicht erinnern, dass das Musizieren an Silvester und Neujahr ausgefallen ist.

Es sei so beliebt, dass man vor vier Jahren sogar beschlossen habe, eine dritte Gruppe, bestehend aus ehemaligen, aktiven Bläsern, zu gründen. Denn weil die Orte stetig wuchsen, wurden die bis dahin zwei Abordnungen nicht vor 22 Uhr fertig. „Wir sind wirklich alle mit großer Begeisterung bei der Sache. Aber irgendwann will jeder auch ein bisschen mit der Familie feiern“, sagt der Vorsitzende.

Loriot freute sich immer über den Besuch der Musikanten

Im Laufe der Jahre haben sich ein paar feste Stationen auf dem Marsch durch die Dörfer eingebürgert. Im Gasthaus Limm in Münsing gibt es immer ein Weißwurstfrühstück, der Gerer in Ammerland stiftet das Mittagessen für alle 40 Musikanten. Privatleute übernehmen die Versorgung mit Kaffee und Kuchen am Nachmittag sowie mit einer Brotzeit am Abend.

„Unser Ehrenbürger Loriot hat sich jedes Mal über unseren Besuch gefreut. Seine Frau brachte Tabletts mit Kleinigkeiten vor die Tür. Das war immer sehr schön“, erinnert sich Franz Schwarz. Zu den Stärkungen, mit denen die Zuhörer sich bedanken, gehört auch Schnaps. „Will man noch Leistung bringen, kann man aber nicht jedes Stamperl annehmen“, sagt Michael Huber. Er sei dankbar für eine kleine Geldspende, denn neue Noten würden viel kosten.

Die Jungmusikanten der MKM dürfen beim Neujahrsanspielen mitmarschieren, sobald sie das erste Mal bei den Weihnachtskonzerten kurz zuvor aufgetreten sind. Auch wenn die zwei Tage auf Tour anstrengend sind, empfinden die Kapellennmitglieder sie doch in erster Linie als eine Aktion voller Kameradschaft und Anerkennung durch die Bürger. Nur ganz selten würden Zugezogene oder Spaziergänger komisch schauen, erzählt Huber. Die meisten würden sich über die Tradition freuen und jedes Jahr auf die Musikanten der Musikkapelle Münsing warten.

Tanja Lühr

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