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Darum geht’s beim Judo: Jenny Adam (mit Sohn Julian), Trainerin beim JV Ammerland, erklärt ihren Schützlingen nicht nur praktische Übungen, sondern vermittelt auch die Werte des Kampfsports.

Portrait

Respektvoll, ehrlich, mutig

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Die frühere Europameisterin Jenny Adam vermittelt Kindern und Jugendlichen beim JV-Ammerland-Münsing die Grundwerte des Judosports

„Judo, was ist denn das?“ Als Kind hatte Jenny Adam, geborene Regenberg, keine Ahnung, dass die japanische Kampfsportart einmal ein wichtiger Teil ihres Lebens sein sollte. Judo war in der damaligen DDR nicht sonderlich populär – auch wenn der heutige Bundestrainer Detlef Ultsch immerhin 1979 als erster Deutscher Weltmeister wurde. Jenny und ihre Zwillingsschwester Nadine jedenfalls wurden von der Mutter aus dem Turnverein („Das war der reine Drill“) herausgenommen und zu einer Freundin gebracht, die Judotrainerin war.

Richtig los ging es für die heute 38-Jährige nach der Ausreise der Familie 1988. „Wir haben in West-Berlin Fuß gefasst und uns sofort einen Verein gesucht“, erzählt die Trainerin des Judovereins Ammerland. Auf Empfehlung des Landestrainers wurde sie in der Sportschule Hohenschönhausen aufgenommen, wo sie unter anderem mit Schwimmstar Franziska van Almsick die Bank drückte. „Mein Leben bestand nur aus Schule und Judo – und es hat mir gefallen“, sagt Adam. Wenn sich Freundinnen mit Jungs trafen oder in die Disco gingen, stand sie auf der Judomatte. Mit 18 Jahren trat sie für Rüsselsheim in der Bundesliga an und war die erfolgreichste deutsche Teilnehmerin beim 30-Nationen-Cup in der Schweiz: „Das war für mich persönlich der Höhepunkt in meiner frühen Karriere“, schwärmt die gebürtige Berlinerin noch heute von ihrem Goldmedaillengewinn.

Ein erster Einschnitt erfolgte nach dem Abitur: „Ich ging nach Bayern, war zum ersten Mal in meinem Leben von meiner Schwester getrennt.“ Eigentlich habe sie gedacht, „das wird sehr schwierig, doch dann war es doch ein wichtiger Schritt für meine persönliche Entwicklung.“ In Wolfratshausen bei der damaligen Firma Haupt erlernte sie den Beruf der Pharmakantin, und schnell war ihr klar, „dass ich aus Bayern niemals mehr weg möchte“. Auch die Suche nach einem Verein klappte – durch Zufall – sehr schnell: „Eigentlich wollte ich in die Waldramer Sporthalle, um mich bei der Judosparte der DJK vorzustellen. Aber dann habe ich mich verirrt und bin in der Realschulhalle beim JV Ammerland gelandet.“ Dort erkannten die Verantwortlichen schnell die Qualität der Judoka, die später für Backnang und Gröbenzell in der 1. und 2. Bundesliga sowie Bad Aibling und Grafing in der Bayern- und Landesliga auf der Matte stand. Nach dem plötzlichen Tod von Klubchef Volkmar Brenndörfer übernahm Adam sogar den Vorstandsposten, warf aber nach zweieinhalb Jahren das Handtuch: „Das aktive Kämpfen war mir wichtiger als die Verwaltung.“

Ausgebremst wurde sie allerdings 2008, als sie – frisch verheiratet – mit ihrem Sohn Julian schwanger wurde. „Das war ausgerechnet während der Vorbereitung auf eine Europameisterschaft, und ich musste wegen Vorwehen fast vier Monate liegen“, berichtet die 38-Jährige, der der 2. Dan (Schwarzgurt) aufgrund ihrer Verdienste und Erfolge vom Bayerischen Judoverband verliehen worden ist. Nach der Geburt dauerte es eine Weile, ehe sie wieder ihre Bestform fand. Dann feierte sie einige schöne Erfolge im Seniorenbereich, wurde viermal Deutsche Meisterin, gewann Silber und Bronze bei Weltmeisterschaften und wurde 2012 Europameisterin.

„Zum Glück habe ich mich nie schwerer verletzt, musste nur einmal an der Schulter operiert werden“, sagt Adam, die nach der Trennung von ihrem Ehemann ihre aktive Laufbahn beendete. Für die Münsinger Judoka ein Glücksfall: Die frühere Weltklasse-Athletin, die seit 15 Jahren in der Parfüm-Herstellung tätig ist, kümmert sich jetzt nur noch um den Nachwuchs. Zweimal pro Woche steht sie mit Kindern in der Halle, „wobei mir vor allem die Mädchen am Herzen liegen“. Ihr Hauptanliegen: „Beim Judo lernt man das Zuhören, den Respekt vor dem anderen und bekommt Teamfähigkeit vermittelt.“ Die zehn „Judo-Werte“ stehen ganz oben an: Höflichkeit, Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit, Respekt, Selbstbeherrschung, Mut, Wertschätzung, Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft und Freundschaft.

Trotz großer internationaler Erfolge sei es nicht ganz einfach, Kinder für den Judosport zu begeistern. „Aber wir machen viel Werbung mit Flugblättern und über die Presse.“ Dass ein kleiner Klub wie der JV Ammerland immer wieder Talente wie früher Martin von Gregory oder aktuell Luis Schmidt hervorbringt, sei überaus erfreulich. „Aber wir machen hier Breitensport. Wer leistungsmäßig Judo betreiben will, der geht parallel nach Großhadern“, bedauert die Trainerin, zeigt aber zugleich Verständnis: „Einerseits ist das schade, aber irgendwann sind sie halt flügge.“ Gut möglich, dass das auch mal auf ihren Sohn Julian zutreffen kann. Der Achtjährige hat sich bei seinen ersten Wettkämpfen schon ausgezeichnet geschlagen. „Er hat wohl das Talent seiner Mutter geerbt“, sagt Jenny Adam stolz.

Thomas Wenzel

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