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Wegen Diebstahls stand ein schon mehrfach straffällig gewordener 72-jähriger Rentner vor dem Amtsgericht in Wolfratshausen.

Amtsgericht 

Vorbestrafter Rentner macht lange Finger

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Weil er eine Geldbörse mit rund 600 Euro gestohlen hat, droht einem Rentner aus dem Raum Füssen eine lange Haftstrafe. Vom Amtsgericht in Wolfratshausen wurde der 72-Jährige zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde für fünf Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Münsing/Wolfratshausen– Am 7. April dieses Jahres steuerte der Mann gegen 15.30 Uhr den Campingplatz beim Fischer in St. Heinrich (Gemeinde Münsing) an, um dort frischen Fisch zu kaufen. Den gab es an jenem Tag jedoch nicht. Deshalb bestellte er ein Bier und bat darum, es an der Rezeption trinken zu dürfen. Es sei ihm unangenehm, mit einer Flasche draußen gesehen zu werden. So hatte er seinen Wunsch begründet.

Die Mitarbeiterin, die damals allein tätig war, willigte ein, konnte jedoch nicht ständig bei dem Gast bleiben. Nach etwa 20 Minuten habe sich der Besucher freundlich bedankt und sei gegangen. „Wenig später brauchte ich meinen Geldbeutel – er war weg“, sagte die Buchhalterin vor Gericht.

Wo die Geldbörse mit rund 600 Euro Inhalt geblieben war, wusste sie, nachdem sie das Video der Überwachungskamera angeschaut hatte. „Darauf ist zu sehen, wie der Mann in den Nebenraum geht und sich etwas in die Tasche steckt, bevor er wieder herauskommt“, so die Zeugin. Ein paar Tage später konnte sie den Täter auf einem Foto identifizieren, dass ihr von der Polizei vorgelegt worden war. Denn der freundliche Senior war wegen ähnlicher Vorfälle bereits bekannt.

„Ich kann mir nicht erklären, warum ich diese Dummheit begangen habe“, sagte der 72-Jährige, der sich nun erneut wegen Diebstahls verantworten musste. „Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin, ins Nebenzimmer zu gehen. Es war eine rein spontane Sache.“ Danach war er an den Tisch zurückgegangen und hatte sein Bier ausgetrunken.

Die Geldbeutel von Bedienungen haben es dem Angeklagten, der im Bundeszentralregister mit 15 Verurteilungen geführt wird, schon früher angetan. Speziell im Zeitraum Sommer 2012 bis Sommer 2013 häuften sich die Fälle, in denen er in Gaststätten, Restaurants und Cafés lange Finger machte. Dabei hatte er es meist auf die Geldbeutel der Kellner abgesehen. Zuletzt war er deshalb im Jahr 2014 zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt – die Strafe aber zur Bewährung ausgesetzt worden.

„Das klingt überhaupt nicht gut“, stellte Richter Helmut Berger fest. Weil der Beschuldigte unter offener Bewährung erneut rückfällig geworden war, stand nun eine Vollzugsstrafe im Raum. Die Staatsanwältin sah keinen Grund, nochmals ein Auge zuzudrücken. Sie beantragte, den Mann für zehn Monate einzusperren. Richter Berger packte noch zwei Monate drauf, rang sich jedoch dazu durch, es noch einmal mit einer Bewährung zu versuchen. Ausschlaggebend dafür war neben dem hohen Alter die Tatsache, dass der Angeklagte sich um seine pflegebedürftige Frau kümmert. „Deshalb bin ich der Meinung, dass man ihm ein Netz zur Verfügung stellen muss, in dem er Halt findet“, begründete Berger seine Nachsicht.

Das „Netz“ besteht aus einer ambulanten Psychotherapie zur Behandlung seines offenbar krankhaften Verlangens zu stehlen sowie der Rückzahlung der jüngst erbeuteten 600 Euro. „Sollte das nicht klappen, sind unsere Möglichkeiten erschöpft“, sagte Berger und machte dem Verurteilten klar: „Wenn wieder was passiert, geht es lange ins Gefängnis.“ 

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