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Empfindsame Reise im Automobil: Claudia Bernoulli und Bruno Hetzendorfer spielten in Münsing die vergnügliche Spritztour des Schriftstellers Otto Julius Bierbaum nach.

Münsinger Freiraum

Wenn einer eine Reise tut . . .

Münsing – Die musikalische Spritztour mit Otto Julius Bierbaum im Münsinger Freiraum entpuppte sich als gut umgesetzte Idee.

Der Dichter und Schriftsteller Otto Julius Bierbaum war zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine Größe im deutschen Literaturbetrieb. Weil dem so war, sponserte ihm sein Berliner Verlag August Scherl für seine „Empfindsame Reise im Automobil“ – das erste Autoreisebuch der deutschen Literatur – ein nagelneues, rotes, acht PS starkes Adler Cabrio „Phaeton“ mit Sonnen- und Regenschutz und tüchtigem Chauffeur. Von Anfang April bis Ende Juli 1902 fuhren der Dichter und seine wesentlich jüngere italienische Gattin im Automobil von Berlin über Prag, Wien, München, den Brenner-Pass über Venedig, Rom, Neapel, Sorrent, vorbei an Genua, Mailand, Bellinzona und durch die Schweiz wieder zurück nach Berlin.

Diese Reise, die gleichzeitig auch die erste dokumentierte Überquerung des Gotthard-Passes in einem Auto war, beschrieb Bierbaum in 18 Reisebriefen, aus denen die beiden Schauspieler und Sänger Claudia Bernoulli und Bruno Hetzendorfer ihre vergnügliche „szenisch-musikalische Spritztour“ zusammengestellt haben. Diese war am Donnerstagabend im Münsinger Freiraum zu hören und zu sehen.

„Lerne Reisen ohne zu rasen“, das war die zentrale Botschaft des Vielschreibers Bierbaum, dessen Geschichten und Gedichte auch zahlreiche Komponisten seiner Zeit zur Vertonung anregten, unter anderen auch Richard Strauss. Mit viel Detail-Kenntnis über den Dichter und seine Freunde, ausgewählten Fotografien auf weißer Leinwand und sichtlicher Spielfreude zogen die beiden Künstler das Freiraum-Publikum in ihren Bann und in ihr symbolisch dargestelltes Reisegefährt. Getreu dem Motto von Matthias Claudius, dass wenn „jemand eine Reise tut, er was erzählen kann“, lasen, zitierten, spielten und sangen Bernoulli und Hetzendorfer in schnellen Wechseln mal abwechselnd, mal gemeinsam aus Bierbaums insgesamt 296 Seiten langem Reisebericht.

Sie berichteteten vom katholischen Salzburger Erzbischof und seiner besonderen Vorliebe für ganz junge Frauen, vom schönen Wien und seiner „hohen Schule der Mehlspeisenküche“, von schlecht geführten deutschen Gasthöfen und heißem italienischen Klima. Gegen Ende der szenisch-musikalischen Reise erreichten Künstler und Publikum den Gotthard-Pass, an dem die Eheleute Bierbaum mit Chauffeur Niebel die erste Automobil-Befahrung wagten; mit einem Cabrio, das mit Ladung 22 Zentner wog und für die 136 Kilometer lange Strecke neun Stunden benötigte. Und die damit endete, dass Bierbaum nach der Überquerung in Göschenen im Kanton Uri wegen unerlaubter Befahrung der Straße mit einem motorisierten Gefährt von einem biederen Schweizer Polizisten zur Zahlung von 20 Franken verdonnert wurde.

Gehört und gesehen hat man im Freiraum Wunderbares, Besinnliches und Erheiterndes aus dem Werk eines fast vergessenen Dichters, in dem ein fast vergessenes Automobil eine Hauptrolle spielt. Eine glänzend umgesetzte, gute Idee von Cornelia Bernoulli und Bruno Hetzendorfer, uns dies in Erinnerung zu rufen. 

tam

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