Schauspielerin Belle Schupp veranstaltet ein musikalisches Literaturprojekt, um Trauer zu verarbeiten.
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Schauspielerin Belle Schupp veranstaltet ein musikalisches Literaturprojekt, um Trauer zu verarbeiten.

„Dein Bild begleitet mein Leben...“

Musikalische Lesungen mit Belle Schupp

Irschenhausen – Schauspielerin Belle Schupp kennt den Schmerz, ein Kind verloren zu haben. Um ihre Trauer zu verarbeiten, veranstaltet sie mit Partnern ein musikalisches Literaturprojekt.

Den meisten Menschen ist der Briefwechsel zwischen Wilhelm von Humboldt, Bruder des berühmten Alexander von Humboldt, und seiner Frau Karoline nicht bekannt. Das Ehepaar versuchte darin in berührender Weise, seiner Trauer, Liebe und Erinnerung an den verstorbenen Sohn Wilhelm Ausdruck zu verleihen. Wilhelm von Humboldt starb im Alter von neun Jahren ganz plötzlich an einer Infektion.

Künstlerische Arbeit

Die Schauspielerin Belle Schupp aus Irschenhausen kennt diesen Schmerz. Vor sieben Jahren verlor sie ihre damals 16-jährige Tochter, die nach langer, schwerer Krankheit verstarb. Der Briefwechsel der Humboldts ist seit geraumer Zeit ein Teil ihrer künstlerischer Arbeit. Neben ihrer schauspielerischen Tätigkeit gibt die 54-jährige Künstlerin Rhetorik- und Kommunikationsseminare für Ärzte und Mitarbeiter im Hospizbereich. Bei sich zu Hause in Irschenhausen hält Belle Schupp Lesungen unter dem Titel „Dichtung unterm Dach“ ab. Gemeinsam mit der Flötistin Natalie Schwaabe und ihrem Schauspielerkollegen Bernd Dechamps hat sie das musikalische Literaturprojekt „Dein Bild begleitet mein Leben und weicht mir nicht aus der Seele“ ins Leben gerufen, bei dem sie Auszüge aus dem anfangs genannten Briefwechsel rezitieren. Die nächste Lesung findet in etwas größerem Rahmen in der evangelischen Kirche Icking am Sonntag, 17. November, statt. Bei diesen Abenden begleitet Natalie Schwaabe, ebenfalls Mutter eines verstorbenen Sohnes, die Lesung musikalisch auf der Querflöte – „und zwar so, wie man es wahrscheinlich noch nie gehört hat“, verspricht Schupp. Zu einem Stück des japanischen Komponisten Takemitsu spielt Schwaabe nicht nur auf der Flöte, sondern schreit und spricht auch in das Instrument hinein. Ein ungewöhnlicher, expressiver Dialog sozusagen. „Diese künstlerischen Abende sind ein Weg, unsere Trauer zu verarbeiten“, sagt Belle Schupp.

Ausstellung und Briefwechsel

Sie hat Natalie Schwaabe vor sieben Jahren in der Kinderkrebsstation kennengelernt. Den Briefwechsel zwischen Wilhelm und Karoline Humboldt bezeichnet Schupp als „zeitlos“, obwohl seither schon rund 200 Jahre vergangen sind. Das Ehepaar war ständig auf Reisen – er war Diplomat in Rom, sie reiste oft zwischen Leipzig, wo sie ihren Vater besuchte, und Bologna hin und her. Deshalb sei der Auslöser zu diesem Projekt auch die Ausstellung „Ein Koffer für die letzte Reise“ gewesen, die vor zwei Jahren in der Münchner Karmeliterkirche stattfand. Dort waren 100 Koffer ausgestellt und Künstler aus ganz Deutschland wurden gefragt, was sie auf ihre letzte Reise mitnehmen würden, erzählt Schupp. Dazu gab es ein umfangreiches Programm zum Thema „Sterben“.

Kommende Projekte

„Immer wieder fragen mich Menschen, warum ich nicht mal was mache, was mit dem Leben zu tun hat?“ Darauf gibt es für Belle Schupp nur eine Antwort: „Das eine bedingt das andere.“ Zu ihren Lesungen würden ja nur ganz bestimmte Menschen kommen: „Aber das Ganze ist weit entfernt davon, eine traurige Angelegenheit zu sein.“ Auf kommende Projekte angesprochen, erzählt Belle Schupp von Vortragsabenden über berühmte Persönlichkeiten wie Käthe Kollwitz, Gustav Mahler und Sigmund Freud. Sie alle hätten den Tod eines Kindes gemeinsam. „Die meisten Menschen denken, dass man so einen Schicksalsschlag wegtherapieren kann. Ich glaube aber nicht, dass man je darüber hinwegkommt“, sagt Schupp und beruft sich auf den Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud. Einem Freund schrieb dieser einst: „Heute wäre meine verstorbene Tochter 36 Jahre alt geworden. Man weiß, dass die akute Trauer nach einem solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben – nie einen Ersatz finden. Alles, was an die Stelle rückt, und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Und eigentlich ist es recht so. Es ist die einzige Art, die Liebe fortzusetzen, die man ja nicht aufgeben will.“

Roswitha Diemer

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