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Trainingsritt: Alois Graf jun. auf „Valdo“ (r.), Matthias Auhorn auf „Ringo“. Die Jockeys üben für das Münsinger Ochsenrennen, begleitet von einem Kamerateam.

Rennen am Sonntag

Die Ochserer von Münsing

Münsing - Ein Bierzelt. 22 Ochsen. Viele tausend Zuschauer. Das ist das Ochsenrennen von Münsing. Sonntag ist es wieder so weit. Dann ist Ausnahmezustand im Dorf.

Sie mussten ihm eine eigene Startbox bauen. Eine extragroße. In die normalen Boxen passt er nicht. Sein Brustumfang: drei Meter. Gewicht: 1,5 Tonnen. 30 Zentner. So viel wie 115 Kasten Bier. So viel wie ein VW Golf.

Effendi ist eine fleischberggewordene Sensation. Ein Fleckvieh-Ungetüm. Er ist der Gigant vom Starnberger See. Und: Effendi hat einen unter Rindviechern eher seltenen Beruf ergriffen. Effendi, Alter elf, verdient sich sein Kraftfutter als Wettrenn-Ochse. Am Sonntag, 14 Uhr, hat er seinen nächsten großen Auftritt. Dann wird er beim 5. Münsinger Ochsenrennen in der Naturarena an der Krummleitn in die Startbox gehen. In die extrabreite.

Hört man sich bei Wettrenn-Ochsen-Experten um, dann hat das Kraftpaket beste Aussichten, sich in die Herzen des Publikums zu sprinten. Es gibt allerdings ein Problem: Effendi ist trainingsfaul, verdammt trainingsfaul. Sind das Starallüren?

Joseph Großmann, Metzgermeister aus Münsing, steht direkt neben der 120 Meter langen Rennstrecke, nicht weit weg vom Bierzelt. Viele andere Rennochsen und ihre Jockeys üben auf der holprigen Wiese gerade für Sonntag. Großmann, 43, sagt: „Der Effendi, der wird eh nicht besser.“ Effendi braucht nicht üben. Großmann muss es wissen. Der Metzger ist der Besitzer des Supertiers. Und sein Jockey. Und eine Münsinger Ochsenrenn-Kapazität. Er hat das Rennen, das alle vier Jahre über die Bühne geht, 2000 gewonnen. 2004 war er auch dabei. „Aber da hab’ ich so ein Sauviech gehabt, das hat mich nach 15 Metern runtergeschleudert.“ Jetzt also Effendi, der gerade zu Hause im Stall relaxt, während sein Jockey die Konkurrenz begutachtet. Musst ja vorbereitet sein auf so ein Wahnsinnsrennen, bei dem ein paar tausend Zuschauer kommen werden. Ein Rennen, das sie letztes Mal in Dubai im Fernsehen übertragen haben. Ein Rennen, über das die Zeitungen in der ganzen Welt berichten, Washington Post, Kuala Lumpur Post und viele andere.

Ein Rennen, bei dem man ein „Zuchtkalb mit besten Abstammungspapieren“ gewinnen kann, wenn man den Siegerochsen tippt. Ein Rennen, bei dem heuer 22 Prachttiere an den Start gehen werden. Kurzum: Ein Rennen, bei dem man sich in dem 4200 Einwohner starken Dorf im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen einigermaßen unsterblich machen kann. Wenn man denn gewinnt.

Die Vitrine für den Siegerpokal schon gekauft, Herr Großmann?

Der freundliche Mann muss keine Sekunde überlegen, er ist sich seiner Sache extrem sicher. Er weiß, was sein wunderbarer Effendi auf dem Kasten hat – nämlich so gut wie gar nichts. „Effendi läuft nicht“, sagt Großmann. Sport ist dem 30-Zentner-Vieh ein Graus. Effendi ist eher so eine Art Flaneur, ein gemütlich-träger Spaziergänger. Sein Motto: nur keine Hektik, ois easy.

Aber das Gewinnen ist hier in Münsing eh nicht das Allesentscheidende. Gaudi geht vor. Alleine die Namen der Tiere sind eine Schau. Es gibt den „Bot-Ox“, „Horst“, den Bio-Ochsen, den launischen „Dimitri“, „Ringo“, „Idefix“, den Bananen-Liebhaber, und natürlich läuft auch „Balotelli“ mit, ein Murnau-Werdenfelser, benannt nach dem italienischen Nationalstürmer, der Deutschland bei der EM aus dem Turnier gekickt hat. So wie dieser kraftstrotzende Fußballer – „so müsste auch der Ochs drauf sein“, sagt Ferdinand Bruckmeir, der Besitzer des 620 Kilo schweren Tiers. Deswegen hat er seinen Rennochsen so benannt. Auch Bruckmeir, 34, schaut sich gerade seine Gegner an. Favoriten? Schwer zu sagen. „Aber Effendi hat keine Chance.“ Hahaha.

Immer auf die Dicken. Armer Effendi. Wunderbarer Effendi. Empfindsamer Effendi.

Zumal man sowieso weiß, dass Rennochsen äußerst sensible Geschöpfe sind. Manchmal stürmen sie samt ihrem Jockey auf dem Rücken los wie der Teufel, um dann auf halber Strecke eine längere, sehr plötzliche Rast einzulegen. Oder sie kehren gleich wieder um. Ochsenrennen, das ist Roulette auf vier Beinen.

Vor vier Jahren ist der sensationelle „Schweini“ in Münsing an den Start gegangen. Eine Rakete, ein Spurtwunder, allen ist er davongerannt, erzählt Bruckmeir. Bloß: Schweini hat sich nie über die Ziellinie getraut. So hat er noch jeden Vorsprung versemmelt. Reine Kopfsache.

Viel ist Glück, Tagesform; die Zuschauer haben sowieso den größten Spaß, wenn ein Tier auf halber Strecke wieder kehrtmacht – aber ein paar Gesetze gibt es schon: „Es gibt schnelle und langsame Ochsen“, sagt Bruckmeir. „Aber aus einem langsamen wirst Du nie einen schnellen machen.“ Da hilft kein Training, kein Kraftfutter und keine Wagner-Oper im Stall. Der Zimmerer aus Münsing ist 2004 selbst als großer Sieger von der Wiese gegangen – es war ein hauchdünner Triumph im Finallauf. Eine strittige Tatsachenentscheidung. „Danach hat’s Diskussionen im Dorf gegeben“, sagt er.

Ja, ja, so ein Ochsenrennen ist eine Riesengaudi – aber je näher der große Tag rückt, desto größer wird der Ehrgeiz. „Es ist wichtig, dass der Jockey auch trainiert“, sagt Alois Graf jun., 33. Der Bankbetriebswirt hat gerade ein paar Probeläufe mit seinem 750 Kilo schweren Valdo hinter sich. Der Ochserer schwitzt, aber er ist zufrieden mit der Frühform seines Tiers, das sie nach einem Prosecco benannt haben. „Weil es so spritzig ist.“ Nun ja, Ochserer-Humor.

Seit Wochen geht Alois Graf jun. jedenfalls schon ins Fitnessstudio, er will am Sonntag so wenig wie möglich dem Zufall überlassen. Sein Geheimrezept für eine kräftige Reitmuskulatur: die Beinpresse, ein Fitnessgerät, das kleine Wunder bewirkt. Er hat auch schon auf dem elektrischen Rodeo-Bullen geübt, außerdem fahre er Ski. Denn mordsmäßige Kraft in den Oberschenkeln, das ist das Wichtigste für einen Ochserer mit Titelambitionen.

Zum „Rennstall Graf“ gehört auch noch Vater Alois. Er füttert Valdo gerade mit einem Viertellaib altem Brot – als Belohnung fürs Trainieren. Vater Alois ist zuständig für die Auswahl des richtigen Ochsen: „Ich bin jetzt seit 35 Jahren Landwirt“, sagt er. Da wisse man, welcher das Zeug zum Rennochsen habe. „Wie man sieht, dass es die richtige Frau fürs Leben ist“, erklärt er, so sehe man auch, ob es der richtige Ochse fürs Ochsenwettrennen ist. „Gefühl“, sagt er, es komme aufs Gefühl an.

Die einen verlassen sich darauf und die Beinpresse: Kathi Strobl, 19, Evi Mair, 22, Amelie Bernlochner, 17, und Ela Sappl, 16, gehen gänzlich andere Wege. Die vier sind die einzigen Damen im 22er-Feld: Sie hoffen auf die magische Kraft ihres Glücksbringers. Sie haben sich extra Halsketten gebastelt – mit einem braun-weiß gefleckten Ochsen als Anhänger. Der Anhänger soll helfen, dass die Sensation klappt. „Es ist Zeit, dass endlich amoi a Madl gwinnt“, sagt Evi Mair.

Das gab es in Münsing nämlich noch nie. Bis jetzt.

Stefan Sessler

Das Ochsenrennen

am Sonntag, 26. August, in Münsing; Naturarena Krummleitn an der Attenkamer Straße. 12.30 Uhr Festzug, 14 Uhr Rennbeginn, 19 Uhr Ochsenball im Festzelt. Im Internet: www.ochsenrennen.de

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