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Es ist anzunehmen, dass diese Vertreter Bayerns des Bairischen mächtig sind.

Neues Bairisch-Wörterbuch

Lust an der „Wortklauberey“

München/Wolfratshausen – Die Flut an Dialekt-Publikationen ist ungebrochen. Der Wolfratshauser Volksmusiker Rupert Frank erklärt, warum sein Online-Bairisch-Lexikon wohl nie fertig werden wird. Und ein Sprachforscher weiß, dass mehr Österreicher Bairisch sprechen als Bayern.

Der Reichtum der bayerischen Sprache – wie könnte er schöner erläutert werden als am Beispiel Milch. Milli, heißt es im Oberland, Melch sagt man in der Holledau. „Das sind die Perlen des Bairisch“, sagt Rupert Frank (53), gelernter Musikalienhändler aus Wolfratshausen, der auf Volksmusik umgesattelt hat. Zumeist ist er mit seiner Frau Barbara Lexa auf Tournee. Zusammen veröffentlichten sie eine Märchen-CD auf Bairisch. Frank, gebürtiger Ingolstädter, lebt seine Sprache. Bairisch als Brotberuf. Sein Lexikon www.bayrisches-woerterbuch.de ist da ein Nebenprodukt, ein schönes Hobby. Ein Lexikon „Marke Eigenbau“, wie er entschuldigend hinzufügt für diejenigen, die schon die Vorstellung irgendwie seltsam finden, dass ein Lexikon als Ein-Mann-Betrieb geschrieben werden könnte. Aber hat der Schmeller nicht auch mal so angefangen?

Sei’s drum. Stück für Stück baut Frank sein Lexikon auf. Mehrere tausend Begriffe sind es schon. Die Vokabeln arbeitet er auf Zuruf ein – Verwandte und Bekannte sind fleißige Zuträger. Manches ist seltsam, etwa die Rubrik „Witze auf Bayrisch“, die Bairisch-Puristen Zornestränen in die Augen treibt. Aber ein Klick lohnt allemal.

Dass die Bairisch-Publikationen boomen, kam schon letzten Herbst bei einem Symposium über die „Lust an der Wortklauberey“ zu Tage. Mehr als 40 Mundartwörterbücher listete ein Teilnehmer damals auf – und da sind Klassiker wie etwa der Schmeller oder wissenschaftliche Sprachatlanten gar nicht eingerechnet. Einiges Wissen breitet auch der Sprachwissenschaftler an der Uni Leipzig, Hans Ulrich Schmid, in seinem Buch „Bairisch. Das Wichtigste in Kürze“ (C.H. Beck Verlag, 12,95 Euro) aus. Aber zählt „der bayrische Geschlechtsverkehr“ zum Wichtigsten, was man vom Bairischen wissen muss? Klar, so ein Kapitelchen zu fockern, werklen oder stutzeln (um nur einige Beispiele zu nennen) macht so ein Buch auch außerhalb Bayerns verkaufbar. Überraschend ist Schmids Feststellung, dass „der größere Teil aller Bairisch-Sprecher ... außerhalb Bayerns, und zwar mehrheitlich in Österreich, außerdem in Südtirol und anderswo“ lebt.

Das stimmt – „leider“, wie Sepp Obermeier vom Bund Bairische Sprache bemerkt. Er schätzt, dass in Oberbayern bei 4,4 Millionen Einwohnern allenfalls die Hälfte noch Bairisch-Vokabeln gebrauchen, in Niederbayern und Oberpfalz (zusammen 2,3 Millionen) seien es gut zwei Drittel. Macht insgesamt vielleicht 3,5 Millionen bayerischer Bairisch-Sprecher. Die Dialektkompetenz Österreichs (8,4 Millionen Einwohner minus 400 000 alemanisch sprechende Vorarlberger) und Südtirols (70 Prozent deutschsprachig bei gut 500 000 Einwohnern) sei jedenfalls zahlenmäßig höher.

Schmid bedauert das wenig, er legt ein leidenschaftsloses Buch vor. Bairisch sei keine eigene Sprache, nur einer von vielen deutschen Dialekten. Öha, das schmerzt! Und es geht noch weiter: In den Schulen, schreibt Schmid, müssten standarddeutsch geschriebene Texte natürlich die Norm sein. Plakative Forderungen, Bairisch zur Unterrichtssprache zu machen, seien „weltfremd“. Genüsslich listet Schmid simple Genusfehler auf, die sich im Bairisch angeblich schnell einschleichen (wenn es nach ihm geht, darf man nicht einmal der Radio sagen; der Butter wahrscheinlich auch nicht). Sein Appell, an den Schulen müssten im Deutsch- und Sachkundeunterricht nichtsdestotrotz Kenntnisse der Dialekte vermittelt werden („eine gewisse Einarbeitung muss man auch von ortsfremden Lehrern erwarten“) klingt da hohl.

Rupert Frank feilt derweil weiter an seinem Lexikon. Nächster Eintrag: Das schöne Wort Dabladdeln, das ihm eine Bekannte zugetragen hat. Heißt nicht verblättern, sondern (sinngemäß) sich beim Gottesdienst verspäten beim Blättern im Gesangbuch.

Dirk Walter

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