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Er war der erste Landarzt in Wolfratshausen: Dr. Josef Platiel (Foto um 1910) hatte seine Praxis an der Königsdorfer Straße.

Ärzte, Hexen, Handaufleger

Mit dem Opel Torpedo über Land

„Rosmarin und Dill, Gürtelrose stehe still“: Volksheilkunde und Religion – in fünf Kapiteln gibt das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger“ des Historischen Vereins Wolfratshausen einen Überblick über die Geschichte der Medizin im Isar- und Loisachtal.

Wir stellen das 248-seitige Werk in einer Serie einmal wöchentlich vor. Heute: „Mit Opel Torpedo auf Hausbesuch – Erlebnisse des Wolfratshauser Landarztes Josef Platiel.“:

„Rosmarin und Dill, Gürtelrose stehe still“: Volksheilkunde und Religion – in fünf Kapiteln gibt das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger“ des Historischen Vereins Wolfratshausen einen Überblick über die Geschichte der Medizin im Isar- und Loisachtal. Wir stellen das 248-seitige Werk in einer Serie einmal wöchentlich vor. Heute: „Mit Opel Torpedo auf Hausbesuch – Erlebnisse des Wolfratshauser Landarztes Josef Platiel.“

Wolfratshausen – Was mag er gedacht haben, der junge Dr. Josef Platiel (geboren am 6. Dezember 1876 in Deggendorf als Sohn eines Brauereibesitzers), als er 1908 mit der Isartalbahn den Berg nach Wolfratshausen herunterfuhr? Unbekannt war ihm das Isartal als ehemaliger Student der Münchner Universität sicher nicht. In der Studienzeit war er ja schon Münchner, wohnhaft in der Nordendstraße 10, wie auf einem Mitgliedsausweis des französischen Radclubs zu lesen ist. Mit Studienfreunden ist er damals von München nach Paris geradelt. 20 Jahre später wieder Frankreich: Stabsarzt bei einem bayerischen Regiment, aber leider nicht mehr friedlich.

Zurück nach Wolfratshausen. Wie war dann die Ankunft mit seiner Frau Elisabeth (geborene Fellheimer), einer Münchner Bürgerstochter? Wohnung und Praxis lagen an der Königsdorfer Straße, wo heute der Schlüsseldienst Schiltenwolf beheimatet ist. Wo war das Auto untergestellt? Gar nicht, gab’s nicht. Pferd und Kutsche waren damals noch das Gefährt eines Landarztes. Ein Kutscher gehörte mit dazu. Im Hof ein Baum, um den das Pferd erst eine Runde drehte, ehe es den Garten verließ, sonst verweigerte es den Dienst. Wie hieß der Kutscher, wie der Gaul? Wir wissen es nicht mehr. Dann kam die Motorrad-Ära. Harte Winter, auch nächtliche Fahrten zu Entbindungen. Praktischer Arzt und Geburtshelfer war er ja, Jahre vorher als Assistent an der Münchner Frauenklinik tätig gewesen unter dem berühmten Prof. Döderlein. Die Münchner „Gebärklinik“ im heutigen Postscheckamt in der Sonnenstraße war es. Bei erfahrenen Hebammen, wie beispielsweise dem „Fräulein Graf“ in Ammerland, hieß es nicht selten: „Jetzt werd’s g’fährlich, jetzt müss ma an Dr. Platiel holen.“

Dann kam der Wohnungs- und Praxisumzug in die Ortsmitte, in den Schererbräu, 1. Stock, Praxis im Rückgebäude. Die Gemeinde hatte es verlangt: „Der Doktor muss im Ort sein.“ Die Garage im Hof, in einem Holzschuppen, endlich das erste Auto, ein Opel Torpedo. Es folgten der Opel Laubfrosch, mehrere „Wanderer“ (die vier Ringe der Autounion waren DKW, Wanderer, Audi und Horch). Praxisfahrten täglich über Land (München–Holzhausen–Ambach–Ammerland–Beuerberg–Gelting–Neufahrn–Ascholding–Dorfen–Icking–Höhenrain). Eine Episode aus der Filz: nächtliche Entbindung–Dammriss–Narkose, ja Narkose ...? Mit Äther, was sonst, aber nur bei Kerzen- oder Petroleumlicht. Höchste Explosionsgefahr. Was tun? Auto vors Fenster, Scheinwerfer an und dann genäht.

Schwere Winter – Heizung im Auto? Erst 50 Jahre später. Scheibe enteisen? Ja, mit Glyzerin. Um 1938 Sensation: ein Auto mit elektrischer Heizscheibe. Straßen zu den Dörfern oft tief verschneit. Schneepflug? Nicht immer. Stecken geblieben? Oft. Schlimmste Schneeverwehungen zwischen Attenhausen und Walchstadt. Handy? Ein ferner Traum.

Doch die Praxis lief. Sprechstunden 8 bis 10 Uhr, nachmittags 13 bis 15 Uhr. Dann auf Praxisfahrt. Sonntags nach der 10-Uhr-Messe eine Stunde Sprechzeit. Ortsbesuche, unter anderem in der jüdischen Mädchenschule an der Beuerberger Straße, ab 1933, als der vorherige Arzt nicht mehr zur Verfügung stand. Wie gesagt: die Praxis lief.

Der Vater hatte es gern, wenn er seinen Jüngsten bei Praxisfahrten neben sich im Auto sitzen hatte. Der 16-jährige Bruder Toni war schon selbst nahe daran, am Steuer zu sitzen. Die Schwestern Lisl, Mia, Sefa waren gelegentlich auch mit dabei, besonders, wenn die Fahrt an den Starnberger See ging, des Badens wegen…

Aber ich war zweifellos der passionierteste Mitfahrer. „Tu immer, was der Vater sagt!“, gab mir die fürsorgliche Mutter mit auf den Weg, und zum Vater: „Josef, fahr’ nicht so schnell!“ Ein relatives Gebot, wenn man bedenkt, dass damals 60 Stundenkilometer schon etwa dem Gefühl einer Fahrt im Formel-1-Wagen von heute entsprachen.

Der Vater: ein liebevoller, aber recht schweigsamer Mann. Ich war auch eher ein bisschen schweigsam, höchstens bei besonderen Anlässen emotional lebhaft werdend. Aber die Nähe zum Vater war schön.

In der Nazi-Zeit wurde die Praxis mehr und mehr bedrängt durch angedrohten Kassenentzug und viele Schikanen, betrieben von einem SA-Ehrenstandartenführer und „Kollegen“. Krankheit noch dazu 1944. Mit knapper Mühe hat die Praxis überlebt. Ab Mai 1945 bis etwa 1952 konnte Dr. Josef Platiel zusammen mit seinem Sohn Dr. Anton Platiel wieder frei praktizieren, bis dann der Sohn die Praxis ganz übernahm.

Dr. Anton Platiel, geboren am 15. August 1912, hat in München und Freiburg Medizin studiert und am Krankenhaus des Dritten Ordens in Nymphenburg seine Ausbildung vervollständigt. Im Mai 1945 wurde er von der amerikanischen Militärregierung als Leiter der Gesundheitsbehörde eingesetzt und betreute auch das Lager Föhrenwald (Waldram). 1956 starb Dr. Josef Platiel, einen Tag vor seinem 80. Geburtstag.

Der Sohn war wie sein Vater lange Jahre Chefarzt des BRK-Kreisverbandes Wolfratshausen, außerdem Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes Bad Tölz-Wolfratshausen, längere Zeit Delegierter von Oberbayern auf den Deutschen Ärztetagen. 1982 beendete Dr. Anton Platiel die Praxis. Sein Nachfolger wurde Dr. Kroiß, der sie neun Jahre später an Ulrich Brühl und Dr. Thomas Christ übergab. Zunächst führten die beiden jungen Ärzte die Praxis im Obermarkt 11 fort, dann wechselten sie an die Bahnhofstraße 7.

Max Platiel

(Beim Abdruck des Textes von Max Platiel, Sohn von Dr. Josef Platiel, handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Buchartikels)

Info

Das Buch „Ärzte, Hexen, Handaufleger. Medizingeschichte im Isar- und Loisachtal“ ist für 25 Euro im örtlichen Buchhandel sowie über den Historischen Verein Wolfratshausen zu kaufen.

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