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Bertold Brechts Moritat über den Brand des Berliner Reichstags setzten Geretsrieder Gymnasiasten eindrucksvoll in Szene. Im Hintergrund Hermann Göring, führender nationalsozialistischer Politiker.

Poetisch, bedrückend und heiter

Gelting - Prominente lesen im Hinterhalt aus Werken, die vor 80 Jahren der Bücherverbrennung zum Opfer fielen.

Eine wunderbare Mischung hatten die Organisatoren der Benefiz-Veranstaltung „80 Jahre Bücherverbrennung“ ausgewählt. Zusammen mit der Ausstellung „Die Kinder vom Lager Föhrenwald“ und der Musik der Geretsrieder Gymnasiasten ergab die Lesung im voll besetzten Hinterhalt ein stimmiges Gesamtbild.

Jedes Jahr gedenkt die Kulturbühne der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933. Zum Jahrestag konnte Hausherrin Assunta Tammelleo gemeinsam mit dem Historischen Verein Wolfratshausen und dem Kulturverein Isar Loisach namhafte Gäste als Vorleser und Moderatoren gewinnen.

Zu den verfemten Autoren im Dritten Reich gehörte Kurt Tucholsky. Warum, wird deutlich an den von ihm verfassten wirtschafts- und gesellschaftskritischen Beiträgen in der deutschen Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“, aus denen Schauspieler Claus Steigenberger zitierte. Offen gewarnt vor den Gefahren des Faschismus hat auch Ödön von Horvath. Ausschnitte aus seinem Werk „Sechsunddreißig Stunden“ las Christine Noisser. Bertold Brechts Moritat über den Brand des Berliner Reichstags setzten die Gymnasiasten Dominik Schorre, Andreas Pöllinger, Michael Socha und Christian Gerardy eindrucksvoll in Szene.

Ähnlich beklemmend wirkte die Musik einer weiteren Gruppe von Gymnasiasten. Sie haben in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk die NS-Zeit in Hörbilder umgesetzt. Nur mit dem Klang ihrer Instrumente beschrieben die Schüler Themen wie die Kindertransporte in die Konzentrationslager.

Doch auch heitere Texte wurden vorgetragen. Der Künstler Volker Witte wagte sich an Joachim Ringelnatz’ Zungenbrecher „Kuttel-Daddeldu“. Ganz unschuldig kommt Erich Kästners Loblied auf den Mai daher. Der Kabarettist Josef Brustmann hatte es eigens für den Abend vertont und sang es zur Zither. Auch Oskar Maria Grafs Landschaftsbeschreibung vom Starnberger See, gelesen von Drehbuchautor Peter Probst und moderiert von seiner Ehefrau Amelie Fried, hat nichts mit den Schrecken des Dritten Reichs zu tun.

Eine besonders gut zu seinem Auftreten passende Erzählung hatten die Veranstalter für Sebastian Horn ausgesucht, den Sänger der Tölzer Kultband Bananafishbones. Er las aus Gustav Meyrinks „Die Pflanzen des Dr. Cinderella“. Lion Feuchtwanger, Thomas Mann und Erika Mann rechneten dann wieder mit dem Nationalsozialismus ab. Kokett brachte Assunta Tammelleo zum Schluss den Marlene-Dietrich-Schlager „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ A- capella dar.

Der Erlös des Abends kommt dem von Sybille Krafft initiierten Verein „Bürger fürs Badehaus“ zugute.

Tanja Lühr

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