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Der einzige Pirat im Münchner Stadtrat: Journalist und ESC-Präsident Thomas Ranft.

Politischer Seeräuber entert das Rathaus

Geretsried/München - Ein Interview gab uns der Geretsrieder ESC-Präsident Thomas Ranft , der ab Mai für die Piraten im Münchner Stadtrat sitzt.

Seit vielen Jahren engagiert sich der Münchner Thomas Ranft in der Führung des Eissportclubs (ESC) Geretsried. Mittlerweile ist der freie Journalist sogar Präsident des Vereins. Ab Mai kommt ein weiterer Job auf den 60-Jährigen zu: Ranft ist als Spitzenkandidat der Piratenpartei mit 25 465 Stimmen in den Münchner Stadtrat gewählt worden. Redakteur Peter Borchers unterhielt sich mit Ranft darüber, warum er sich ausgerechnet von den Piraten anheuern ließ, mit wem er sich verbündet und welche Ziele er im 80-köpfigen Parlament der Landeshauptstadt verfolgt.

Herr Ranft, etwas polemisch formuliert: Mussten es ausgerechnet die Piraten sein? 

Das war so nicht geplant. Alles nahm seinen Anfang mit unserer Arbeit beim ESC Geretsried. Als die Gema plötzlich das Doppelte an Gebühren für die Musikrechte für unsere Eisdisco forderte, habe ich angefangen zu recherchieren. Dabei bin ich auf den Piraten Christian Hufgard gestoßen. Er ist auch Vorsitzender des Vereins Musikpiraten, der sich 2010 mit der Gema angelegt hat. Die Gema hatte bundesweit von Kindertagesstätten für das Kopieren von Notenblättern Gebühren verlangt. Das brachte den Verein dazu, ein Liederbuch mit gemeinfreien Kinderliedern herauszugeben und es kostenlos zu verteilen. Innerhalb weniger Wochen erhielten die Musikpiraten mehr als 40 000 Euro, so dass er über 50 000 Liederbücher auflegen konnte.

Also muss man für Sie das Sprichwort umdrehen: Wes Lied ich sing, des Brot ich ess. 

(lacht) Na ja, so war’s nicht ganz. Ich bin dann vor zwei Jahren mal zu einem Stammtisch der Piraten in München gewackelt. Dort habe ich viele Leute getroffen, die ich aus meiner Zeit als Angestellter der Liberalen Landtagsfraktion vor gut 20 Jahren kannte.

Sie sind aber doch nicht aus Sentimentalität ein politischer Seeräuber geworden. 

Nein, ich habe schnell gesehen, dass da Menschen sind, die sich kommunalpolitisch engagieren wollen. Das hat mir gefallen. Als Präsident eines Sportvereins weiß ich, wie schwierig es heutzutage ist, jemanden für ehrenamtliche Arbeit zu finden. Ich habe aber auch gemerkt, dass die Öffentlichkeit den Piraten nicht viel zutraut. Da habe ich mir gedacht: Mach’ mit, und versuch’ ein bisschen Struktur in die Arbeit zu bringen.

Haben Sie damit gerechnet, ein Mandat zu erhalten? 

Nun, so ganz chancenlos habe ich mich als Spitzenkandidat nicht gesehen. Ich habe übrigens erfahren, dass ich so etwas wie der Münchner Häufelkönig bin. Das heißt, ich habe viele Stimmen von Wählern bekommen, die sich sonst für eine andere Partei entschieden haben.

Sie sind der einzige Pirat im Stadtrat. 

Ja, aber mit Wolfgang Zeilnhofer-Rath von der Wählergruppe HUT sowie Michael Mattar, Gabrielle Neff und Wolfgang Heubisch von der FDP haben wir Piraten eine Fraktionsgemeinschaft gegründet. Das heißt, wir sind in den verschiedenen Ausschüssen vertreten und haben Anspruch auf eine von der Landeshauptstadt bezahlte Infrastruktur. Wir haben Räume im Rathaus, eine Büroleiterin und jemanden, der organisiert und koordiniert. Das erleichtert unsere Arbeit.

Stichwort Arbeit: Was werden Ihre Kernpunkte sein? 

Alles, was die Ausweitung der Bürgerbeteiligung betrifft. Der neue Stadtrat wird sich beispielsweise mit dem Thema Bürgerhaushalt beschäftigen. Ob der Bürger Vorschläge zum Haushalt einreichen oder über einzelne Posten des Etats bestimmen darf – da stehen verschiedene Modelle im Raum. Außerdem werde ich alles unterstützen, was dazu beiträgt, dass diese S-Bahn endlich nach Geretsried fährt. Und als Präsident eines Eishockeyvereins hat für mich natürlich der Sport große Bedeutung. Witzigerweise steht in München wie in Geretsried der Neubau einer Eissporthalle in der Diskussion. Übrigens: Bisher hat München ein Bildungs- und Sportreferat. Es gibt Überlegungen, das zu trennen. Der Job des Sportreferenten würde mich reizen. Auch da würden mir meine Erfahrungen sicher helfen, die ich als Klubverantwortlicher in vielen Verhandlungen mit der Stadt Geretsried gemacht habe. Ich habe praktisch schon einige Jahre üben können (lacht).

Ganz schön viel Programm. Kriegen Sie das alles unter?

Der Kollege Mattar hat mir gesagt, dass man als Stadtrat einen halben bis Zwei-Drittel-Job hat. Aber ich bin selbstständig, ich kann mir das einteilen. Und ich wohne nur zwei U-Bahn-Stationen vom Rathaus weg.

Bleibt auch noch Zeit fürs Geretsrieder Eishockey? 

Klar, Geretsried ist längst meine zweite Heimat geworden. Und wissen Sie was: Ich bringe meinen Fraktionskollegen Heubisch gleich mit. Er hat sich schon erkundigt, wann die Saison für den ESC Geretsried beginnt. Heubisch ist Eishockeyfan und will sich unbedingt einmal ein Spiel in einem Freiluftstadion ansehen.

(peb)

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