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Eins mit dem Schwert: Oliver Bischoff lehrt in Achmühle Iaido. Sein persönliches Ziel ist der 8. Dan.

Porträt der Woche

Der Samurai aus Wolfratshausen

Seine Gedanken kreisen um das Schwert. Nicht 24 Stunden am Tag, das wäre der Familienharmonie und seinem Beruf als Business IT Consultant abträglich. 

Wolfratshausen –Aber manchmal zieht es ihn schon vor der Arbeit in seinen „Dojo“, den Übungsraum, den er in seinem Haus im Wolfratshauser Ortsteil Farchet eingerichtet hat. Und im Urlaub kommt es vor, dass er in der Früh am Strand mit seinem Schwert die kühle Morgenluft durchschneidet. Für Oliver Bischoff ist das so normal wie für andere Leute Joggen oder Tai Chi im Stadtpark – Iaido, der japanische Schwertkampf, ist Bischoffs Leben: „Es ist keine Sucht, das wäre der falsche Begriff. Aber ich kann nicht mehr aufhören. Weil viele Leute sehr viel in mich reingesteckt haben. Und weil die Gemeinschaft da ist, eine kleine, eingeschworene Gruppe von Aktiven, die ich lieben gelernt habe. Deswegen kann ich einfach nicht aufhören.“

Für den mehrfachen Europameister und Träger des 6. Dan ist Iaido Lebensaufgabe und Lebenseinstellung zugleich geworden. Seit 1996 praktiziert der 43-Jährige den Kampfsport in der Tradition der Samurai. Seit 2008 unterrichtet der „Sensei“, zu Deutsch der Lehrer, im Dojo im Bürgerhaus Achmühle zweimal wöchentlich eine Gruppe von bis zu zehn Schülern in der Kunst des japanischen Schwertkampfs. 

Ein Iaido-Kämpfer fuchtelt nicht

Beim Iaido gehe es letztlich darum, „das Schwert zu führen, es zu ziehen, zu schneiden und wieder wegzustecken“, erläutert Bischoff. Anders als beispielsweise beim Kendo, bei dem man sein Gegenüber mit dem Bambusstock durch exaktes Timing des Schlags tatsächlich treffen will, gibt es beim Iaido keinen Kontakt. „Wir fuchteln nicht“, sagt Bischoff, wohlwissend, dass der Ablauf eines „Kampfs“ für unwissende Außenstehende mitunter komisch anmutet, denn es gibt keinen realen Gegner. „Wir müssen uns den Gegner mental vorstellen. Das ist das Komplizierte, das Komplexe am Iaido.“ Neben Technik und Perfektion sei im Wettkampf bei jedem Schnitt die Frage entscheidend: „Hätte ich einen Gegner wirklich getroffen? Im richtigen Timing, im richtigen Abstand, an der richtigen Stelle? Darum geht es. Ist der Kampf real gewesen und hätte ich den Gegner besiegt?“

Im Iaido ist der Hanseat „zu Hause“

Als Jugendlicher war der aus Bargteheide bei Hamburg stammende Bischoff ein erfolgreicher Judoka. In seiner norddeutschen Heimat sammelte er Meistertitel und Pokale, bis ihm das Knie zunehmend Probleme bereitete. Mit 17 war deshalb Schluss mit Judo. Auf der Suche nach einer neuen sportlichen Erfüllung landete er „nach vielen Eskapaden mit anderen Sportarten“ schließlich beim Iaido. „Dort habe ich gleich wieder diesen japanischen Spirit gespürt, der auch beim Judo da war. Das Hinsetzen, die Begrüßung. In den Budo-Sportarten werden Achtsamkeit und der Respekt zwischen Lehrer, Schüler und den Wettkämpfern untereinander zur Perfektion gebracht. Da habe ich gleich gespürt: Hier bin ich zu Hause.“

Kyoto veränderte sein Leben nachhaltig

1998 ging Bischoff, der neben Ingenieurwissenschaften die japanische Sprache studierte, für neun Monate nach Japan. Die Zeit in Kyoto veränderte sein Leben nachhaltig. Die Tage waren klar strukturiert: vormittags Sprachschule, nachmittags Training bei seinem Sensei Morita Tadahiko (73). „Ich habe täglich trainiert, mehr als jeder Japaner“, erinnert sich der Wahl-Wolfratshauser an den eigentlichen Start seines Iaido-Lebens. „Ich bin da reingerutscht, wusste nicht, was auf mich zukommt. Der Lehrer hatte einen Plan für mich, ich wollte einfach nur trainieren.“ Aber von nun an gab es für den Schüler Oliver kein Zurück mehr. Später reiste er einmal im Jahr für drei, vier Wochen nach Japan – nur zum Training, „von morgens sechs bis abends um zehn“. Inzwischen haben sich die Lebensumstände des im Sternzeichen Stier geborenen Hanseaten verändert. Der Familie zuliebe reise er nur noch alle eineinhalb bis zwei Jahre für maximal zehn Tage nach Japan, sagt der zweifache Vater. Zudem warten Lehrgänge in Italien, in der Schweiz, in England, den Niederlanden und in Deutschland. 

Bischoff leitet das Wettkampfreferat im Deutschen Iaido-Bund

Hinzu kommen Aufgaben im Deutschen Iaido-Bund. Dort leitet Bischoff aufgrund seiner Erfahrung das Wettkampfreferat, organisiert die Deutsche Meisterschaft und fungiert als Teamleiter des Deutschen Nationalteams bei Europameisterschaften. Rund zehn Stunden pro Woche verbringt er mit Training – das Gruppencoaching mit seinen Schülern in Achmühle eingerechnet. Und dann ist da ja noch ein Plan. „Mein Lehrer steckt immer wieder neue Ziele“, sagt Bischoff. „Er hegt schon die Erwartung, dass ich den Weg weitergehe bis nach ganz oben.“ Das hieße dann 8. Dan. Zwei große Stufen sind dafür noch zu bewältigen. Sechs Jahre habe er Zeit, bis er den ersten Versuch für den 7. Dan starten kann, erläutert Bischoff. „Mein Lehrer ist jetzt 73, er möchte es noch selbst miterleben und sagt mir: Warte nicht zu lange. Das ist der andere Zeitrahmen, den er steckt.“

Es gibt kein Ziel, es ist ein Weg

In der Zwischenzeit gibt er in Achmühle an interessierte Schüler weiter, was ihm sein Lehrer Morita Sensei über Iaido und die japanische Kultur beigebracht hat. Dazu gehört die Erkenntnis: Es gibt kein Ziel, es ist ein Weg. Ein Weg, sich immer weiter zu schulen, zu schärfen, besser zu werden. „Man darf niemals diesen Hochmut haben zu sagen: Ich kann das jetzt. Das funktioniert nicht. Das hat man auf dem Weg immer wieder mal, dass man glaubt, man kann die Form, die Figur jetzt“, erzählt Oliver Bischoff. „Aber ein, zwei Wochen später stellt man fest: Es passt noch nicht, da ist noch mehr drin.“ Auch ein Grund, warum seine Gedanken immer wieder um das Schwert kreisen.

Von Rudi Stallein

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