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So bestätigt der „Chief of Police“ des „British Municipal Council“ in der chinesischen Stadt Tianjin per Stempel am 1. November 1933 einem gewissen E. Gernoth seine Fahrerlaubnis.

Außergewöhnliche Fundsache

Das Rätsel um einen Führerschein aus China

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Wolfratshausen – Ein außergewöhnliches Dokument hat jemand an einem Parkplatz in Wolfratshausen verloren: Einen Führerschein aus dem Jahr 1933 aus der heutigen Volksrepublik China. Eine Spurensuche nach "Mr. Gernoth".

Ein außergewöhnliches Dokument hat ein bislang Unbekannter auf dem Parkplatz vor der Redaktion des Isar-Loisachboten an der Pfaffenrieder Straße verloren: eine „License to drive a Motor Car“. Die kleine rote Fahrerlaubnis ist ausgestellt am 1. November 1933 vom „British Municipal Council“ in Tientsin – eine Hafenstadt in der Volksrepublik China. Unsere Zeitung hat sich auf Spurensuche begeben.

Tientsin (heute Tianjin) hat gut 13 Millionen Einwohner und ist eine der lediglich vier direkt der Zentralregierung in Peking unterstellten chinesischen Städte. Nach der Niederlage Chinas im Zweiten Opiumkrieg 1859/1860 erzwangen die Engländer Gebietsabtretungen – unter anderem ein Konzessionsgebiet im Südosten von Tientsin.

„License to drive a Motor Car“: Führerschein aus China vor der Redaktion gefunden.

Das „British Municipal Council“ war die gewählte Vertretung der Grundbesitzer in dieser englischen Niederlassung und bildete quasi die Regierung dieses Teils von Tientsin. Die Mitglieder des Councils entschieden über die Höhe von Steuern und Abgaben, den Haushalt und die Durchführung öffentlicher Vorhaben – und waren berechtigt, die Erlaubnis zum Führen eines Kraftfahrzeuges in der „British Municipal Area“ auszustellen. In diesem Fall für „Mr. E. Gernoth, Melchers + Co“ – abgestempelt vom „Chief of Police“.

Die Handelsfirma Melchers und Co. hat ihre Wurzeln in Bremen. In einer Zeit der industriellen Revolution sowie rasch wachsenden Im- und Exports dehnte Melchers und Co. seinen Radius um die deutsche Hansestadt gegen 1845 immer weiter aus. 1898 gründete man eine Niederlassung in Tientsin. 1914 beschäftigte das Unternehmen in China mehr als 100 Europäer, rund 850 chinesische Angestellte und 3500 chinesische Arbeiter. Zu den Einfuhrgütern gehörten Maschinen, Eisenbahnmaterial und Fabrikeinrichtungen. Melchers und Co. war damals eine der bedeutendsten deutschen Firmen in China.

Auf der Suche nach "Mr. E. Gernoth"

Dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs folgte auf Druck von Franzosen und Briten die „Liquidation“ von Melchers und Co. in Ostasien. Nach 1919 gelang die Wiederaufnahme der Geschäfte, doch im Zweiten Weltkrieg wurde die Firma wie alle ausländischen Niederlassungen in China konfisziert.

Der damalige Firmenchef Carl Gerhard kehrte 1951 nach Bremen zurück und betrieb den Wiederaufbau des Stammhauses. Heute ist die C. Melchers GmbH & Co. KG laut Firmen-Homepage „ein weltweit operierendes Unternehmen mit einem breiten Portfolio an Dienstleistungen und Handelskompetenz in unterschiedlichsten Geschäftsbereichen“. Weltweit beschäftigt die Gruppe gut 1700 Mitarbeiter und erzielte 2013 einen Umsatz von mehr als 600 Millionen Euro.

Die Suche nach „Mr. E. Gernoth“ im Internet verläuft ergebnislos. Ein Mann dieses Namens hat Ende 1914 an der „Rue de Paris 8“ gelebt. Mehr ist nicht in Erfahrung zu bringen. „So wie es aussieht, war Herr Gernoth Mitarbeiter in unserer Filiale in Tientsin/China und hat dort seinen Führerschein gemacht“, teilt auf Nachfrage unserer Zeitung die Chefetage der Firma Melchers im hohen Norden mit. „Aber in unseren Unterlagen gibt es keinen Hinweis auf einen Herrn Gernoth.“ Mutmaßlich sei der Mann ein in Tientsin lokal eingestellter Mitarbeiter, „über den wir in Bremen keine Unterlagen haben“.

Helfen Sie mit!

Da im Gewerbegebiet regelmäßig Flohmärkte stattfinden, ist es gut möglich, dass ein Händler die „License to drive a Motor Car“ dort verloren hat. Hinweise bitte per E-Mail an redaktion@isar-loisachbote.de oder per Telefon an 0 81 71/ 26 92 32.

Carl-Christian Eick

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