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„Er darf alles werden, aber zwei Dinge nicht: Versicherungsvertreter oder Balletttänzer“: Der klassische Gitarrist Stephan Stiens und Louis – eines der Vater-Sohn-Paare, die Karsten de Riese in seinem Buch porträtiert.

Reine Männersache

Dietramszell - Der Bairawieser Fotograf Karsten de Riese erzählt in Bildern und Texten „Von Vätern und Söhnen“.

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es sich bei der neuen Veröffentlichung des Bairawiesers Karsten de Riese um ein reines Männerbuch handelt. 98 Buben, Burschen, gestandene Mannsbilder und Greise kommen darin vor – aber kein einziges weibliches Wesen. Denn der Bairawieser Fotograf erzählt in intimen Bildern und knappen Texten „Von Vätern und Söhnen“.

Es sind intensive und vielsagende Momentaufnahmen in Schwarz-Weiß, die de Rieses Band versammelt. Da sitzen Ernst Brücher, Kunstbuch-Verleger und Bruder von Hildegard Hamm-Brücher, seine erwachsenenen Söhne Niko und Daniel sowie Enkel Mandel am Gartentisch und schneiden wilde Grimassen. Von der an Schicksalsschlägen reichen Familiengeschichte ist beim Herumalbern nichts zu sehen – und doch gehört sie zum Bild. Kabarettist Peter Spielbauer umfasst wie eine Glucke seine vier Söhne – von drei verschiedenen Müttern. Und Alfred von Hofacker, Rechtsanwalt und Sohn eines Hitler-Attentäters vom 20. Juli 1944, steht ziemlich unverbunden, fast steinern neben seinem Sohn Michael in der Landschaft – bis im Lauf einer kleinen Fotosequenz eine Annäherung zu beobachten ist. Vieles schwingt mit auf den Bildern, die zwei Männergenerationen zusammenbringen. Das Meiste lässt sich kaum fassen.

Das ist ganz in de Rieses Sinn: „Ein Bild kann etwas ausdrücken, was man mit Worten nicht sagen kann.“ Umgekehrt steuern die dazugehörigen Texte – verdichtete Gesprächsprotokolle – eine Ebene bei, die die Grenzen des Fotos überschreiten: neben eher grob umrissenen Personen-Informationen vielfach psychologische Studien – oder besser gesagt, die Grundlage dafür.

Nicht er habe sich das Thema ausgesucht, sagt de Riese – es sei auf ihn zugekommen. Beim Sichten älterer Arbeiten habe er Bilder entdeckt, die eigentlich eher ein „Abfallprodukt“ waren. De Riese hatte etwa Bundeskanzler Willy Brandt oder den Regisseur G. W. Papst fotografisch begleitet: Dabei entstanden absichtslose, aber umso ausdrucksstärkere Bilder der Väter mit ihren Söhnen. „Ich habe gemerkt: Das muss wohl etwas mit mir zu tun haben“, sagt der 71-Jährige, selbst Vater von zwei Söhnen und einer Tochter. Aber auch für die ganze Gesellschaft, „die Art, wie wir leben“, seien Vater-Sohn-Beziehungen bestimmend. „Überraschend eigentlich, dass das so wenig gesehen wird.“

1999 begann de Riese, an dem Thema zu arbeiten – nicht ahnend, dass es ihn zehn Jahre begleiten sollte. Anfangs fotografierte er Vater-Sohn-Paare aus der Nachbarschaft und dem Bekanntenkreis. Später wollte er sein „eigenes Milieu verlassen“, wie er sagt, mehr Facetten integrieren – alleinerziehende oder schwule Väter etwa, einen Sinto oder einen Vater, der einmal katholischer Pfarrer war. Die (groß-)bürgerliche Gesellschaft, Intellektuelle und Künstler dominieren dennoch in dem Buch, in dem sich manch gewichtiger Name der bundesrepublikanischen Geschichte findet – vom Physiker Hans-Peter Dürr, Träger des alternativen Nobelpreises, über den einstigen hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner bis zu Regisseur und Senta-Berger-Gatte Michael Verhoeven.

Über einen „Trick“, wie de Riese sagt, habe er eine dritte Generation ins Buch geholt. Denn in den Texten sprechen die porträtierten Väter wiederum über ihre Väter. „Eine unerwartetete Entdeckung war für mich die verheerende, prägende Kraft beider Kriege bis in die neue Generation hinein“, sagt der Bairawieser.

Beim Fotografieren ließ er den Geschehnissen ihren Lauf. Nichts Inszeniertes ist an den Aufnahmen. De Riese folgte den Männern an die Orte, die sie sich aussuchten – und verdutzte sie damit, dass er ihnen keinerlei Vorgaben machte. „Sie waren dadurch aufgefordert, sich ihrer Beziehung zu stellen.“ Von vielen Vätern und Söhnen machte er nach Jahren abermals Fotos. Aus Buben waren Männer geworden, es gab sowohl Väter als auch Söhne, die zwischen den zwei Begegnungen gestorben waren, Trennungen, Umzüge, Umwälzungen waren passiert. Der Gedanke, die Fotos um Gespräche zu ergänzen, kam dem Fotografen erst später. Oft war der Autor selbst erstaunt, wie viel die Männer von sich preisgaben. „Das ging so weit, dass ich Dinge gehört habe, die nicht einmal ihre Frauen wussten“, sagt er.

Andere blieben lange verschlossen – so wie Physiker Dürr, mit dem de Riese bei brütender Hitze im Garten saß. „Seine Frau brachte uns ständig Schalen mit Pralinen, die nach 20 Minuten immer wieder zu Brei geworden waren. Und genauso wie diese Pralinen war unser Gespräch. Bis ich nach drei Stunden sagte: „Wollen wir nicht doch über Ihren Vater sprechen?“ Doch zu so vielen wunden Punkten und so manchem Trauma vorzudringen, empfand de Riese nicht nur als Erfolgserlebnis. Die Beschäftigung mit vielen beladenen Biografien frustrierte ihn, bis er seine Arbeit für Jahre unterbrechen musste.

Das heißt nicht, dass sein Band überfrachtet geraten wäre. Seine große Stärke bleiben die Fotos, die für sich genommen schon wirkungsstark sind und dank der Texte noch einmal mehr und anderes erzählen. Ein Männerbuch kann eben auch sehr sensibel sein.

Info

Das Buch „Von Vätern und Söhnen“ ist im Knesebeck-Verlag erschienen und kostet 39,95 Euro.

(ast)

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