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Schätzt die Gesellschaft: Patricia Meiners mit ihrem Betreuer Markus Mangold von der Lebenshilfe.

Neues Wohnprojekt für Menschen mit Behinderung

Für sich und doch nicht allein

Geretsried - Das neue Haus der Baugenossenschaft an der Sudetenstraße weist eine Besonderheit auf: Zwölf der 101 Wohnungen werden von Menschen mit Behinderungen bewohnt. Das Projekt ist nach Auskunft der Betreuer gut angelaufen.

Ein Bett, ein Schrank, ein quadratischer Tisch mit drei Stühlen, ein Regal. So sieht der Wohnraum aus. Durch die Fensterfront auf der Ostseite ist das Zimmer hell und wirkt dadurch größer. Die durch einen Mauervorsprung abgetrennte Küchenzeile an der gegenüberliegenden Wand genügt vollkommen für eine Person. Das Bad mit Schiebetür ist dafür sehr geräumig.

Hilfe im Alltag: Elfi Blank-Böckl (li.) und Bärbel Biedermann (re.) schauen täglich bei Gerhard Bühlig vorbei.

Gerhard Bülig gewährt unserer Zeitung einen Einblick in sein kleines Reich. Seit Juli lebt der psychisch kranke 50-Jährige im dritten Stock des neuen Baugenossenschafts-Gebäudes am Stern, wie die Kreuzung der Sudetenstraße mit dem Breslauer Weg und der Altvaterstraße genannt wird. Zuvor bewohnte er ein Zimmer in einem Haus der Pfennigparade in München. „Hier gefällt es mir viel besser“, sagt Bülig. Es sei ruhig, seine Eltern wohnten in der Nähe, und die Betreuung sei besser als bei der Pfennigparade, wo nur zweimal wöchentlich jemand vorbeigeschaut habe.

In Geretsried kommen Elfi Blank-Böckl oder ihre Mitarbeiterin Bärbel Biedermann täglich vorbei. Das Betreuungsbüro Blank-Böckl mit Sitz in Egling kümmert sich unter dem Dach des Sozialen Netzwerks des Landkreises um Senioren, Behinderte und Kranke. Die ausgebildeten Sozialpädagogen helfen beim Schriftverkehr mit Behörden und Krankenkassen, beim Einkaufen und Kochen, bei Arztbesuchen. Vor allem aber sind sie im Notfall sofort zur Stelle. „Psychisch Kranke können jederzeit in eine Krise geraten, auch mitten in der Nacht. Dann ist es wichtig, dass wir da sind“, sagt Blank-Böckl.

Außer Gerhard Bülig wohnen noch ein jüngerer Mann und ein Pärchen – er 26, sie 22 – in den behindertengerechten Apartments im dritten Stock. Die 22-Jährige, die an Epilepsie leidet, hat ein Baby, das sie jedoch nicht selbst aufziehen darf. Sozialpädagogin Biedermann bringt ihr das Mädchen regelmäßig und unterstützt die Mama beim Wickeln und Füttern – eine wunderbare Chance für Mutter und Kind, die es ohne das Betreuungsbüro nicht gäbe.

Im ersten und im zweiten Stock gibt es ebenfalls vier barrierefreie Apartments. Hier sind Menschen mit geistiger Behinderung, betreut von der Lebenshilfe Bad Tölz-Wolfratshausen, untergebracht, beziehungsweise Behinderte, die sich mit Unterstützung der Baugenossenschaft weitgehend selbst versorgen. Die vier Wohnungen sind jeweils über einen Gemeinschaftsraum miteinander verbunden. Ein wichtiges Ziel des Wohnmodells ist es, dass die Menschen mit Handicap nicht vereinsamen, wie es oft der Fall ist. Sie haben jederzeit die Möglichkeit, sich im Gemeinschafts-Wohnzimmer zu treffen.

Elfi Blank-Böckl möchte in diesem Raum künftig Spiel- und Bastelabende sowie gemeinsame Essen veranstalten. Sie plant, auch andere junge Leute mit psychischen, geistigen und körperlichen Handicaps, die sie ambulant in Geretsried betreut, dazu zu holen. Dank des Aufzugs und der komplett barrierefrei gestalteten Anlage sei das kein Problem. Die Eglingerin lobt das soziale Engagement der Baugenossenschaft: „So ein Projekt ist vorbildlich. Wir haben auch viele Anfragen von älteren Menschen mit Behinderung, die gerne in einer solchen Wohngemeinschaft leben würden. Vielleicht macht das Beispiel ja Schule.“

Vorzeigeobjekt: In der neuen Anlage am Stern gibt es mehrere Wohngemeinschaften für Menschen mit Handicap.

Ein Stockwerk weiter unten wohnen Korbinian Wolf (23) und Patricia Meiners (53). Ihre geistige Behinderung merkt man den beiden im Gespräch nicht an. Meiners arbeitet in der Montage der Oberland-Werkstätten, Wolf im Rahmen eines Außenarbeitsprogramms auf dem Loth-Hof in Münsing. Dank des ambulant unterstützten Wohnens der Lebenshilfe können sie ein selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden führen. „Wir helfen dabei je nach Bedarf. Jedem Bewohner ist ein Betreuer zugeteilt, der ein bis dreimal die Woche kommt“, erklärt Markus Mangold, Leiter der Abteilung „Ambulant unterstütztes Wohnen“. Sie besteht seit 2003 und begleitet zur Zeit 19 Menschen im Landkreis mit leichten geistigen Handicaps. Der Bezirk von Oberbayern stuft sie in drei so genannte Hilfebedarfsgruppen ein. Nach der Gruppe richtet sich die Anzahl der Betreuungsstunden.

Korbinian Wolf genießt die neue Freiheit. Das Ein-Zimmer-Apartment für 320 Euro im Monat ist seine erste eigene Bleibe. Zuvor wohnte er bei seinen Eltern in Wolfratshausen. Braucht er bei irgendetwas Hilfe, ruft er seine Betreuerin an. Vieles lässt sich am Telefon klären, ansonsten schaut sie persönlich vorbei. Das Gemeinschafts-Wohnzimmer nutze er zur Zeit noch wenig, sagt er. Er sei froh, abends seine Ruhe zu haben, so der 23-Jährige. Das kann sich aber ändern, wenn die zwei weiteren Bewohner eingezogen sind.

Patricia Meiners mag es gerne gesellig. Das lange Fensterbrett im gemütlich eingerichteten Gemeinschafts-Zimmer hat sie mit Puppen und Stofftieren drapiert. Die 53-Jährige plant zu ihrem Geburtstag eine Feier mit Kaffee und Kuchen für ihren Mitbewohner, die beiden Betreuer und ein paar Freunde. Markus Mangold bezeichnet die Wohnform an der Sudetenstraße als ideal: „Sie ist eine tolle Mischung aus Einzelwohnung und klassischer WG.“ Tanja Lühr

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